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Mittwoch, 23. Mai 2012
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Letzte Ausfahrt: Mord

Die beiden waren erstaunlich ruhig, als sie die schwergängigen Riegel des Palettenkastens lösten. Dort, wo Fernfahrer gewöhnlich ihre überzähligen Holzpaletten aufbewahrten, würde ihr Opfer seine vorläufig letzte Ruhe finden. Schweigend hoben sie die Leiche an und legenten sie in den sargähnlichen kleinen Raum unterhalb des Aufliegers.
Wie lange es dauern würde, sie hier zu finden, war ihnen im Augenblick gleichgültig. Natürlich würden sie ihr Opfer erst einmal vermisst melden. Danch zählte nur noch eins. Die baldige Flucht. Die Flucht nach Jamaica.

Noch drei Autobahnausfahrten bis nach Hause. Endlich zu Hause. Willi Hansen rutschte unruhig auf dem Fahrersitz seines chromlitzenden Vierzigtonners hin und her und umfasste das große Lenkrad so fes, als wolle er rohe Kartoffeln zerquetschen. Fünf Tage lang saß der schmächtige Fernfahrer mit dem schütteren aschblonden Haar nun schon auf dem Bock seines Lastwagens, der bis auf den letzten Kubikmeter mit Computerzubehör beladen war. Noch siebzehn Minuten bis zum Feierabend, seine Wochenlenkzeit war sowieso abgelaufen. Willi grinste breit. Er stellte schon mal den Tempomat aus. Wie jeden Freitag würde er sich gleich wieder für zwei Tage von den gut gebauten Damen aus dem Herrenmagazin verabschieden müssen, mit deren Poster er seine Fahrerkabine dekoriert hatte. Jetzt war Rita dran, seine Frau. Willi schickte ihr eine kurze SMS (»Bin in zwei Stunden zu Hause. Mach Kartoffelpuffer.«) nahm einen neuen Zahnstocher und biss heftig darauf herum. Rita, seine alte Sandkastenfreundin. Seit zwanzig Jahren waren sie nun schon verheiratet, und kein Tag war seither ohne Streit vergangen. Wenn er am Wochenende zu Hause war, da rutschte ihm gelegentlich mal die Hand aus. Passierte doch vielen Männern, oder? Und irgendwie musste Rita ja mal zu spüren bekommen, wer der Herr im Haus ist. Noch drei Kilometer. Siene Frau hatte ihm zwar keine Kinder geschenkt, das nicht. Aber sie war und blieb nun mal eine fantastische Köchin. Briet ihm jeden Freitagabend die besten Kartoffelpuffer, die er kannte. Wenn ers ich scheiden ließe, müsste er darauf verzichten. Niemals. Willi Hansen hätte vermutlich an etwas anderes gedacht, hätte er gewusst, dass er nur noch zwanzig Minuten zu leben hatte.


»Wir haben noch zwei Stunden, Schatz, lass uns endlich reden!« Zärtlich zeichnete Rita Hansen mit dem Zeigefinger das nackte Brustbein ihres Nachbarn Manfred Röder nach. »Der Alte hat gerade eine SMS geschickt.« Schon siet dem späten Vormittag hatte sie Manfreds angenehme Gesellschaft genossen. Erst hatte sie für sich und Manfred ein vorzügliches Drei-Gänge-Menü gekocht und ihnen beiden großzügig Rosé eingeschenkt. Dann hatten sie auf der Terrasse einen ausgiebigen Mittagschlaf gehalten. Nun wurde es ernst. Nächstes Wochenende wollten sie Willi umbringen, und es lag noch immer kein konkreter Plan auf dem Tisch. Willi, den Störenfried ihres geheimen Glücks. Willi, der Rita beleidigte, verhöhnte, verachtete. Willi, der sie jedes Wochenende schlug, entweder weil seine dämlichen Kartoffelpuffer etwas dunkler ausgefallen waren als sons, oder weil er auf dem Fernseher eine Staubschicht entdeckt hatte. Willi, der sie nie geliebt hatte. Mit sanftem Blick betrachtete Rita ihren Nachbarn. Manfred war ganz anders. In seinen starken Armen, die er fast jeden Tag im Fitnessstudio trainierte, fühlte sich Rita zum ersten Mal in ihrem Leben wie eine richtige Frau. Manfred war trotz seiner Angst einflößenden Statur gefühlvoll und sensibel. Wie schade für ihn, dass er als Fernfahrer arbeitslos war. Rita empfand es als Glück. Sie ging in die Küche und stellte Bratpfannen auf den Herd. »Zwei Stunden sagst du, Schatz?« Manfred kam lächelnd auf sie zu und küsste sie. »Da haben wir ja noch reichlich Zeit, von unserer Zukunft auf Jamaica zu träumen. Was hältst du von der Idee, dort einen Fitnessclub zu eröffnen? Die Trainerlizensen hab´ich ja und ...«
Plötzlich drehte sich ein Schlüssel im Haustürschloss. Die Tür ging auf, eine geöffnete Reisetasche flog in die Ecke. Wer in diesem Augenblick geschockter war, Willi oder Manfred, der, wie Gott in geschaffen hatte, im Türrahmen lehnte, war kaum auszumachen. »Rita!«, brüllte Willi heiser. »Was macht denn Manfred hier? Warum ist er nackt?« Der Frau, die nun, nur in ein rosafarbenes Negligé gehüllt, mit einer großen Bratpfanne in der Hand aus der Küche trat, war offensichtlich nicht nach Sprechen zu Mute. Sie holte weit aus und schlug die Pfanne mit einem lauten Schrei auf Willis Kopf. Immer wieder, bis Willi auf einen spitzkantigen Heizkörper zutaumelte, mit dem Kopf dagegenschlug und reglos zu Boden ging.
»Geh nach oben, Manfred«, zischte Rita. »Wir ziehen uns beide was an und bringen ihn zu seinem Lkw. Willi ist tot. Wir haben´s geschafft.«
»Sehen Sie, Herr Wachtmeister, in dieser SMS schrieb er noch, er würde in zwei Stunden zu Hause sein«, schluchzte Rita Hansen und zeigte den Polizisten mit zitternder Hand ihr Handy. Die beiden Uniformierten hatten schon vor der Tür gestanden, als sie von Willis Lkw-Parkplatz zurück kam. Vorsorglich hatte sie Manfred zweihundert Meter vor ihrem Haus aussteigen lassen. »Wo ist Willi nur?«, heulte Rita. »Es ist schon nach Mitternacht, fünf Stunden später als angekündigt!«
Der dickere der beiden Polizisten sah sich um. »Mal ganz ruhig. Frau Hansen«, versuchte er Rita zu besänftigen. »Sind Sie sicher, dass Ihr Mann heute nicht hier war?«
»Natürlich bin ich sicher«, schnaubte Rita. »Wie kommen Sie darauf, dass er hier gewesen sein könnte?«
Können Sie diese Frage beantworten, liebe Leser? Wieso vermutet der Polizist, dass Willi zu Hause gewesen sein muss?
Wiebke Sundermann