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Mittwoch, 23. Mai 2012
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Gefangen im Netz?

Das Internet: nach der Erfindung von Buchdruck, Radio und Fernsehen die wohl größte Herausforderung an den Intellekt. Hier ein paar Internet-Tipps.

In der Juli-Ausgabe von mein coop magazin haben wir Herrn S. ein kurzes Stück durch seinen interaktiven Arbeitstag begleitet. Nach seinen Erfahrungen mit den Vor- und Nachteilen von E-Mails und den Schattenseiten der freien Meinungsäußerung auf Internetforen setzen wir heute den Streifzug an seiner Seite fort.

Herr S. kehrt äußerst irritiert aus der Kantine in sein Büro zurück – das Gespräch mit seinem Kollegen vorhin beschäftigt ihn sehr. Ob seine eigenen Kinder, 13 und 15 Jahre alt, wohl ähnlich freimütig ihre Ansichten ins Netz stellen wie der Sohn des Kollegen? Er kann es sich eigentlich nicht vorstellen. Dennoch nimmt er sich vor, in Zukunft genauer hinzuschauen, wenn die beiden am Computer sitzen.

Wissen ist nicht gleich Wissen
Vorerst aber hat Herr S. ein ganz anderes Problem. Ihm liegt eine Informationsmappe vor, die ihm ein Kollege aus seiner Abteilung zusammengestellt hat – gewissermaßen als Grundlage für eine Rede, die Herr S. in wenigen Tagen vor der Indus-
trie- und Handelskammer halten soll. Bereits bei der flüchtigen Durchsicht kommen ihm Zweifel, ob die darin genannten Zahlen in jedem Fall der Wahrheit entsprechen. Und tatsächlich: Eine Nachfrage bei dem Mann ergibt, dass er sich viele „Fakten“ punktuell aus dem Netz gezogen hat, ohne sie mit anderen (Online-)Quellen abzugleichen.

Auf alles gibt es eine Antwort – im Internet gibt es darauf sogar unzählige. Welche davon aber ist richtig? Und welche liegt haarscharf daneben oder auch Welten von der Wahrheit entfernt? Spätestens seit einem Lexika-Test, den ein deutsches Nachrichtenmagazin 2007 veröffentlicht hat, sehen sich viele Internetnutzer hierzulande in ihrem Glauben bestätigt, mit Wikipedia stets und zuverlässig auf dem neuesten Stand zu sein. Zugegeben: In puncto Aktualität kann nichts dem Online-Nachschlagewerk den Rang ablaufen, vor falschen Einträgen ist aber auch diese Plattform nicht gefeit.

Spieglein, Spieglein an der Wand …
Es ist bereits 19 Uhr durch und der Feier­abend eine Stunde alt, als Herr S. am Computer den Mauszeiger auf das Symbol zum Ausschalten setzt. Im letzten Moment fällt ihm ein, dass er seiner Frau schon längst einen antiken Wandspiegel schenken möchte. So ruft er nun die Website eines ihm inzwischen bekannten Möbel-­
anbieters auf, begutachtet noch einmal das schöne Stück und bestellt es schließlich via Kreditkarte.

In Deutschland werden mittlerweile 40 Prozent aller Artikel über das Internet erworben, deutlich mehr als im EU-Durchschnitt – wobei Männer wesentlich häufiger vom PC aus einkaufen als Frauen. Während sie nach wie vor das Objekt der Begierde lieber noch einmal in die Hand nimmt, ehe sie die Geldbörse zückt, ist er schnell dabei – was zweifellos auch mit den unterschiedlichen Produktgruppen zu tun hat, die man/frau bevorzugt. Das Fühlen eines Blusenstoffs kann kaufentscheidend sein, das eines DVD-Recorders fällt da weniger ins Gewicht.

Der Handel hat sich auf dieses Konsumverhalten längst eingestellt, mehr noch, er weiß inzwischen, wie er die Interessenten zu weiteren Käufen animieren kann. So hat ein großer Internetbuchhändler beim Erwerb einer CD oder DVD gleich ein paar weitere Artikel parat, die dem Kunden auch gefallen könnten. Dagegen ist nichts zu sagen – allerdings sollte man sich nicht ärgern, wenn die so entstehende Musik- und Filmsammlung eines Tages gleich drei Menschenleben erfordert, um sie abzuspielen.

Traurige Helden
„Und? Wie war die Schule?“, fragt Herr S. beim Abendbrot seine Kinder Lukas und Klarissa, und wie meist fällt die Antwort recht knapp aus. Was seine Tochter betrifft, kann er damit leben, denn ihre Noten fallen überdurchschnittlich gut aus. Sein jüngerer Sohn dagegen hat im letzten Halbjahr auffallend nachgelassen. Was Herrn S. – aufgeschreckt durch die Erzählung seines Kollegen – dazu veranlasst, Lukas an die 60-Minuten-Frist zu erinnern, die er und seine Frau ihm am Computer einräumen.

Sechzig Minuten können lang sein, bei Onlinespielen jedoch taugen sie gerade mal zum Warmwerden. Das wissen auch – und vor allem – die Hersteller solcher virtuellen Abenteuerszenarien. Und genau da setzt deren Strategie an, denn das Prinzip dieser Spiele ist stets dasselbe: Wer als Teilnehmer zum „Helden“ aufsteigen will, muss immer höhere Level erreichen, und das braucht nun einmal Zeit. Mitunter viel Zeit.

Kein Wunder also, dass Fans von „World of Warcraft“ und anderen interaktiven Schauplätzen in Extremfällen den halben Tag oder die ganze Nacht am Bildschirm sitzen – sofern dieser Sucht kein Riegel vorgeschoben wird. Und dieser Riegel sollte möglichst frühzeitig ins Schloss fallen – sehr zum Wohl der Kinder.

Erschöpft vom Tag legt sich Herr S. kurz vor Mitternacht neben seine Frau ins Bett. Was war das Leben doch schön, als es noch kein Internet gab, denkt er und greift zum Buch auf dem Nachttisch.

Es handelt sich um ein antiquarisches Werk, nach dem er viele Jahre lang erfolglos geforscht hatte … bis er schließlich fündig geworden war –
im World Wide Web.

Nützliche Internet‑Adressen zum Thema „Wissen“


Checkliste
Folgende 5 Regeln helfen, nicht im Trüben zu fischen:

  • Immer mehrere Quellen nutzen.
  • Wie alt ist der Eintrag? Wann wurde er zuletzt aktualisiert? Ein Blick in den Quelltext, den jeder Browser unter „Ansicht“ anzeigt, kann nützlich sein.
  • Ist der Verfasser des Eintrags genannt? Oder gibt es zumindest ein Impressum? Der Nachweis eines Ansprechpartners sollte schon sein.
  • Der sogenannte „Wiki-Scanner“ kann zweifelhafte Wikipedia-Artikel ausfindig machen.
  • Wenn die Zeit reicht, zusätzlich offizielle Stellen (wie Behörden und Verbände) zum jeweiligen Thema kontaktieren.


espa

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