Artikel dieser Ausgabe aus Freizeit
Meine Gesundheitsapotheke
Eine schöne Bescherung
Kurzkrimi
Um drei Minuten vor achtzehn Uhr bewunderte sich Renato Magaldi mit einer der neu eingetroffenen Siebenhundertfünfzig-Karat-Ketten um den Hals im Spiegel. Der neunzehnjährige Auszubildende des Schmuckgeschäfts „Die Schatztruhe“ wienerte mit einem Fensterleder lustlos den gläsernen Verkaufstresen. Und Gesine Fresinger, die älteste Mitarbeiterin des traditionsreichen, aber maroden Unternehmens, hatte gerade ein Tablett mit funkelnden Rubinringen in den Schrank zurückgeschoben, als sich die Ladentür der „Schatztruhe“ öffnete und ein offensichtlich schwer beladener Weihnachtsmann mit einem üppigen Kunststoffbart den Laden betrat.
„Ho ho ho!“, brummte der stattliche Mann und schlurfte an den Tresen. „Seid ihr auch alle brav gewesen, ihr großen Kinder, damit ich euch beschenken darf?“
„Einen Augenblick bitte“, kicherte Frau Fresinger. Auf diesen Augenblick hatte sie schon den ganzen Tag gewartet. Wenigstens einmal im Jahr zog ihr knickriger Seniorchef Klaus Reiniger die Spendierhosen an und orderte einen Weihnachtsmann, der ihr und ihren Kollegen die wohlverdienten Geschenke brachte. Endlich war es mal wieder so weit.
Mit zitternden Fingern schob sie den schmutzigen grauen Vorhang beiseite, der den Verkaufsraum von den Büros trennte.
„Chef, kommen Sie, der Weihnachtsmann ist da! Und bringen Sie Frau Schmidt auch gleich mit.“ Die vorlaute neue Verkäuferin, die sich mit Vorliebe in Frau Fresingers Kundengespräche einmischte, wollte ja sicher auch etwas vom Geschenkekuchen abhaben, vermutete sie. Dass Herr Reinigers junger Stiefbruder Jürgen, der die Finanzen der „Schatztruhe“ verwaltete, von der Mittagspause nicht mehr zurückgekehrt war, fiel ihr erst jetzt auf.
Mit einem gequälten Lächeln auf den schmalen Lippen trat Klaus Reiniger in den Laden. Seit Tagen plagte ihn ein hartnäckiger Schnupfen. Während er in der einen Sakkotasche nach dem Schlüssel wühlte, um anlässlich der Bescherung seiner Mitarbeiter das Geschäft zu schließen, suchte die andere Hand in der Hosentasche nach einem Taschentuch, das unter einem hellen Klackern zutage trat.
Der wortkarge Weihnachtsmann stand geduldig neben der Kasse.
„Bitte, liebe Kolleginnen und Kollegen“, sagte Herr Reiniger überraschend freundlich. „Wollen wir doch mal sehen, was uns unser bärtiger Freund dieses Jahr aus dem Sack holt
“
Klaus Reiniger hatte nach der Bescherung gerade die rostige Eisentür vor der „Schatztruhe“ verschlossen und abermals recht geräuschvoll ein Papiertaschentuch aus der Hosentasche gezogen, als er Frau Schmidts gellenden Schrei aus einem der hinteren Geschäftsräume hörte.
„Chef! Schnell! Rufen Sie die Polizei!“, brüllte sie. Reiniger stürzte hinter den grauen Vorhang in den Tresorraum, wo er Frau Schmidt mit weit aufgerissenen Augen vor dem geöffneten Geldschrank fand. Er war so leer wie eine ausgeräumte Waschmaschinentrommel.
„O mein Gott“, stammelte Reiniger mit heiserer Stimme. „Auch das noch! Wie konnte denn so etwas passieren? Wo wir doch gerade die neue Ware aus Italien bekommen haben! Und, sagen Sie mal, Frau Schmidt
wo ist überhaupt mein Stiefbruder die ganze Zeit gewesen?“
Kommissarin Granzow fühlte sich unwohl in der „Schatztruhe“, obwohl sie sich als Kind häufig die Nase platt gedrückt hatte vor den funkelnden Auslagen des damals angesehenen Juweliergeschäfts. Ob es daran lag, dass ihr die Eheringe, die sie hier einst mit ihrem Exmann erstanden hatte, kein Glück gebracht hatten?
Verschnupft, wie er war, zog Klaus Reiniger ein neues Taschentuch aus der Hosentasche, und wieder klackerte es auffällig in seiner Hosentasche. „Sie fragten nach meinem Stiefbruder, Frau Kommissarin?“, schniefte er. „Jürgen hatte heute um vierzehn Uhr einen Operationstermin beim Kieferchirurgen. Wurzelspitzenresektion, glaube ich.“
Kommissarin Granzow runzelte die Stirn. „Obwohl heute der Weihnachtsmann angemeldet war?“
Klaus Reiniger öffnete die oberste Schreibtischschublade, um ein Lutschbonbon zu entnehmen. Das ganze Schubfach leuchtete bunt wie eine unaufgeräumte Legokiste. Nun begannen auch die Augen der Kripobeamtin zu leuchten.
„Nun ja, gegen Zahnschmerzen ist keiner gefeit, Frau Kommissarin.“
Die Kommissarin blickte in die Runde. Da saßen ein stark pomadisierter junger Mann mit dicker Goldkette, eine ältere Frau mit tiefen Runzeln auf der Stirn, eine attraktive junge Frau mit hellwachem Blick und ein blasser Jüngling, der nervös seine Hände knetete. Alle vier taten Kommissarin Granzow plötzlich unendlich leid.
„Herr Reiniger, was klackert eigentlich ständig in Ihrer Hosentasche? Darf ich mal sehen?“, fragte die Ermittlerin laut.
Der Befragte bekam ein rotes Gesicht wie ein Junge, der beim Birnenklauen erwischt worden war.
Langsam kramte er in der linken Hosentasche. „Da ist aber nichts.“
„Ich meine auch die rechte“, sagte die Kommissarin müde.
Eilig häufte der Juwelier die klappernden Plastikchips auf den Schreibtisch. Es waren ungefähr ein Dutzend Spieljetons in mehreren Farben. In den gleichen Farben wie der Berg Jetons in seiner Schreibtischschublade. Klaus Reiniger legte plötzlich seinen feuerroten Kopf auf die Tischunterlage und begann bitterlich zu weinen.
„Ich habe keinen anderen Ausweg mehr gesehen“, schluchzte er. „Erst ging es mit der Schatztruhe den Bach runter. Dann habe ich versucht, die Verluste mit Spielgewinnen wieder gutzumachen. Aber natürlich klappte das nicht.“
Er hob den schweren Kopf und sah in die bestürzten Gesichter seiner Angestellten.
„Ich wollte nicht, dass Sie Ihre Arbeit verlieren. Also habe ich einen Kumpel aus der Spielbank, der mir einen Gefallen schuldete, angeheuert, dieses Jahr den Weihnachtsmann zu spielen und in einem unbeobachteten Augenblick den Tresor mit der neuen Ware aus Italien auszuräumen. Die Summe, die uns die Versicherung gezahlt hätte, sollte für einen Neuanfang reichen
“
Wiebke Sundermann




