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Mittwoch, 23. Mai 2012
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Eine Reise ins Ich

Hirnforscher Eric Kandel »Auf der Suche nach dem Gedächtnis« – ab dem 25. Juni im Kino.

Erst durch unsere Erinnerungen werden wir zu dem, was wir tatsächlich sind. Unser Gedächtnis bastelt aus den Erfahrungen, die wir im Laufe des Lebens machen, unsere persönliche Geschichte. Ohne diese Fähigkeit stünden alle Ereignisse nur zusammenhangslos und bruchstückhaft nebeneinander. Doch wie funktioniert das Gedächtnis überhaupt? 

 

Für seine Forschungsleistungen rund um Hirn und Gedächtnis wurde Eric Kandel im Jahr 2000 mit dem Nobelpreis für Medizin ausgezeichnet. Er gilt als einer der bedeutendsten Hirnforscher unserer Zeit. In ihrer Dokumentation »Auf der Suche nach dem Gedächtnis« begibt sich die Autorin und Regisseurin Petra Seeger auf eine spannende Reise der besonderen Art: eine Reise ins Innere des Menschen und eine Zeitreise in die Biographie des Forschers. 

 

 

Einschneidende Erlebnisse

Schnell wird deutlich, wie eng beides zusammenhängt. Denn erst aus der Biographie des Forschergenies Eric Kandel lässt sich seine Leidenschaft erklären, mit der er sich dem Menschen genähert hat. 1929 geboren in Wien, erlebte der Jude Kandel den Schrecken der NS-Zeit hautnah und musste mit neun Jahren nach Amerika auswandern. 

 

Im Umgang mit den traumatischen Erfahrungen der damaligen Zeit kam er immer wieder zur Frage, wie das Erinnern und Vergessen überhaupt funktioniert. Außerdem wollte er verstehen, wie es sein kann, dass Menschen Mozart und Beethoven lieben können und zugleich Millionen von Juden ermorden. Er selbst ist überzeugt, dass sein Faible für die Fragen, wie sich Menschen verhalten, wie unberechenbar ihre Motive und wie dauerhaft ihre Erinnerungen sind, vor allem auf seine Erlebnisse in Wien zurückzuführen sind. Auch seine spätere Frau Denise wurde ihr Leben lang geprägt von der Erfahrung, sich im Kindesalter vor den Nazis verstecken zu müssen. 

 

So beschäftigte er sich anfangs mit Sigmund Freud und der Psychoanalyse, die ihm den Zugang zu bewussten und unbewussten Vorgängen, zu moralischem und unmoralischem Verhalten und vielen anderen menschlichen Fragen öffneten. Doch im Gegensatz zu den meisten anderen Psychiatriestudenten seiner Zeit vertiefte er sich nicht in die psychologischen, sondern in die biologischen Vorgänge des Gehirns. 

 

 

Geist und Materie

Der Film verknüpft die persönlichen Erinnerungen Eric Kandels mit den wissenschaftlichen Erkenntnissen. Der charismatische Forscher begibt sich nach vielen Jahren auf Spurensuche in sein eigenes Leben, trifft auf Menschen, die sich noch an seine Familie in Wien und an die ersten Jahre in den Vereinigten Staaten erinnern können, und zeichnet so ein Bild seines Lebens nach. 

 

Bei Einblicken in das Labor des Forschers präsentieren er und seine Mitarbeiter ihre Arbeit. Für seine Forschung stützte er sich vor allem auf die Meeresschnecke »Aplysia Californica«, die hierfür perfekt geeignet war. In ihrem Gehirn konnte er an einzelnen Nervenzellen einfache Formen des Lernens untersuchen. Dabei entschlüsselten er und sein Team, welche Proteine die entscheidende Rolle bei der Verlagerung von Erinnerungen aus dem Kurzzeit- ins Langzeitgedächtnis spielen. Bei dieser Verlagerung kommt es zu nachweisbaren Veränderungen im Nervensystem: Erinnerung wird also tatsächlich im Gehirn in Materie umgewandelt. 

 

Die Erkenntnisse sind nicht nur faszinierend, sondern liefern auch Ansatzpunkte für den Kampf gegen Krankheiten wie Demenz und Alzheimer. So konnten in Versuchen bei Mäusen bereits die Folgen der Alzheimer-Krankheit gemindert werden. Bis jedoch diese Ergebnisse tatsächlich zu Erfolg versprechenden Therapien führen, dürften noch einige Jahre ins Land gehen. 

 

Die Dokumentation liefert eine beeindruckende Einsicht in den Forscheralltag und aktuelle Forschungsergebnisse sowie in Leben und Persönlichkeit eines hochintelligenten, umtriebigen und charmanten Mannes, der mit seiner sympathischen Art viele Menschen in seinen Bann zieht und für komplexe Vorgänge begeistert. 

 

jp


Reise in die Vergangenheit: der junge Eric Kandel wird vor dem inneren Auge wieder lebendig.
Empfang durch Österreichs Bundespräsident Fischer.
In seinem New Yorker Labor.
Eric Kandel im Wiener Rathaus.
Fotos:
W-Film (5)