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Mittwoch, 23. Mai 2012
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Eine Reise ins Glück

Kurzgeschichte

Eine gut gebaute Blondine steckte ihren Kopf ins Cockpit. „Kaffee oder Tee, die Herren?“, fragte sie lächelnd. Flugkapitän Johannes Maatz und Kopilot Ingo Schaumann verstauten gerade ihr Handgepäck in den Schränken.
„Für uns bitte Kaffee, Sibylle“, erwiderte Ingo schmunzelnd. „Möglichst einen, in dem der Löffel bis Heraklion stehen bleibt.“
Die Stewardess lachte und ver­schwand. Eine halbe Stunde später hatten die beiden Piloten den komplett ausgebuchten Urlauberjet für den Flug nach Kreta startbereit.
„All doors in flight, thank you!“, gab Sibylle Anweisung an ihre Kollegen, die Türen zu schließen. Langsam rollte der Jet in Richtung Startbahn, als ein ungewöhnlicher Funkspruch die Piloten erreichte.
„Ingo Schaumann, bitte kommen“, schnarrte eine aufgeregte Stimme in den Kopfhörern der beiden Männer.
„Ja, Schaumann hier. Was gibt’s?“ „Ihre Frau hat gerade angerufen, Ingo. Die Wehen haben eingesetzt, sie macht sich jetzt auf den Weg ins Marienhospital.“
Ingo zog die Augenbrauen hoch und sah seinen Chef an. Der Flugkapitän sah seinen Kopiloten an. Sie hatten beide den gleichen Gedanken.
„Hier Maatz“, funkte der Kapitän an den Tower zurück. „Alfred, du musst Ersatz für Ingo besorgen. Der Kerl wird zum ersten Mal Vater. Er bleibt hier!“
Die Passagiere verfolgten gerade die Erklärung der Sicherheitsbestimmungen, als die sanfte Stimme von Chefstewardess Sibylle die Anweisungen unterbrach.
„Meine Damen und Herren, bei der Frau unseres Kopiloten haben die Wehen eingesetzt. Wir bitten Sie ganz herzlich um Verständnis, dass Ingo Schaumann uns nicht nach Heraklion bringen kann …“
Sibylle hatte noch nicht zu Ende gesprochen, als die Passagiere heftig applaudierten.

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„Warte, mein Schatz, bitte warte auf mich!“, murmelte Ingo Schaumann immer wieder, als er zum Parkhaus rannte. Monatelang haben wir zusammen über deinen wachsenden Bauch gestaunt, haben zusammen gehechelt und gelacht. Nun lass mich bitte rechtzeitig bei dir ankommen, dachte er und kramte in den Jackentaschen nach dem Autoschlüssel. Nichts. In der Hosentasche: nichts.
„So ein Mist!“, rief Ingo und spürte sein Herz bis zum Hals klopfen. Er hatte den Schlüssel in seinem Spind im Pilotenzimmer vergessen. Schweißgebadet jagte er zurück zum Personaleingang des Flughafengebäudes. „Hey, Ingo! Ich dachte, du tanzst schon Sirtaki! Bist du heute nicht für HP 401 eingeteilt?“, rief ihm ein Pilot in Uniform hinterher.

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Ingo steuerte den grünen Kleinwagen gerade auf die Beschleunigungsspur der Autobahn, als er das erste Mal auf die Tankanzeige sah. Die kleine orange­farbene Zapfsäule blinkte. Ich wollte doch schon vor drei Tagen tanken, und immer kam was dazwischen, dachte Ingo verzagt. Hatte die Hebamme aus dem Schwangerschaftskurs nicht geraten, vor dem Geburtstermin immer auf den Tankstand zu achten? Ich Trottel!
Doch für Verwünschungen war es jetzt zu spät. Ingo fuhr die nächste Raststätte an. Wann war ich eigentlich zum letzten Mal so nervös wie jetzt?, dachte er, als er mit zitternden Händen den Tankdeckel zudrehte. War es vor unserer Hochzeit oder vor meinem ersten Flug als junger Pilot?
Jetzt aber Stoff! Nun sollte seinem Vaterglück nichts mehr im Wege stehen. Abgesehen von einem unerwarteten Schnappschuss der Polizei, als Ingo mit 140 Sachen durch eine Lärmschutzzone mit einer vorgegebenen Maximalgeschwindigkeit von 100 Stundenkilometern raste. Ingo musste unwillkürlich lachen – so lang und so herzhaft, bis ihm die Tränen kamen.
Doch plötzlich blieb ihm das Lachen im Halse stecken. War das nicht eben die Ausfahrt zum Marienhospital gewesen? Tatsächlich. Er hatte sie verpasst.
Ingo griff sich verzweifelt an den Kopf. Wenn ich das mal meinen Kollegen erzähle, werden sie mich fragen, ob ich auf der Autobahn auf den „Follow me“-Wagen gewartet hätte.
Ob unser Baby vielleicht schon längst geboren ist?, Ingo kramte das Handy hervor. Zum Glück hatte Sabine schon die Telefonnummer des Kreißsaals im Marienhospital einprogrammiert.
Während Ingo die Autobahn verließ, läutete dort das Telefon. „Los, geht ran!“, rief er mit trockenem Mund. Doch es meldete sich keiner. Bestimmt ist die Geburt schiefgegangen, und sie versuchen jetzt, Mutter und Kind mit einem Notkaiserschnitt zu retten, dachte Ingo verzweifelt.
Auf dem Dach des Marienhospitals landete gerade ein Hubschrauber, als er einen Parkplatz suchte. Doch alle Stellplätze waren belegt. Nur im absoluten Halteverbot war Platz.
„Werdender Vater in Eile, habt Mitleid!“, kritzelte er mit krakeligen Buchstaben auf einen Zettel und legte ihn an die Windschutzscheibe.
Jetzt aber Tempo! Fast zwei Stunden waren vergangen, seit ihn der Funkspruch aus dem Tower im Cockpit erreicht hatte.
Ingo rannte zum Haupteingang der Klinik und wäre beinahe mit einem alten Mann auf Krücken zusammengestoßen, hätte er nicht rechtzeitig einen Blick in die Cafeteria des Krankenhauses geworfen.
Da stand eine dicke Frau im Bademantel an einem Automaten – Sabine!
„O Schatz, wie schön, dass du schon da bist! Ich glaube, das war Fehlalarm heute Morgen“, lachte sie und schob sich seelenruhig ein Kaugummi in den Mund. „Ich hab’ einen Bärenhunger, aber vor der Geburt dürfen wir ja gar nichts essen und trinken.“ Sie strich Ingo eine Strähne aus dem verschwitzten Gesicht. „Schatz, du sagst ja gar nichts. Geht es dir nicht gut?“
Ingo wusste nicht, ob er lachen oder weinen sollte. Er fühlte sich, als hätte er gerade ein Simulator-Seminar über Notfallsituationen hinter sich.
„Mir geht’s hervorragend, Süße“, murmelte er. „Ich habe mich nur ein wenig beeilt. Wollen wir im Garten spazierengehen?“
Sabine stemmte die Hände auf die Hüften. „Auu!“, schrie sie plötzlich und stützte sich auf Ingos Schultern. Kurz danach wagte sie ein scheues Lächeln. „Gute Idee“, erwiderte sie stockend. „Aber es könnte etwas später werden, Papa. Die nächste Verabredung hast du mit deinem Kind.“

Wiebke Sundermann

Illustration: Karin Zander