Artikel dieser Ausgabe aus Freizeit
Meine Gesundheitsapotheke
Eine Frau unter Spannung
Kurzkrimi
Wiebke Schneider warf einen letzten Blick an die Schlafzimmerdecke, bevor sie ihre frisch bezogene Altbauwohnung verließ.
„Es wird Zeit, dass wir endlich einen Elektriker finden, der uns die Lampe anschließt, findest du nicht auch?“, sagte sie zu ihrer Katze Pussy, die ihr getigertes Fell an ihren Fesseln rieb. Holger, ihren Exverlobten, wollte sie allerdings nicht fragen, obwohl er ein begabter Heimwerker war – die Trennung war noch zu frisch und zu schmerzhaft. So schmerzhaft, wie es sich eben anfühlt, wenn einen der geliebte Mann mit der besten Freundin betrügt.
Immer diese perfekt geschminkten Gesichter. Die Frauen in zauberhaften, pastellfarbenen Kleidern, die Männer in nagelneuen schwarzen Anzügen, die Haare frisch gewaschen und gegelt.
Wiebke Schneider liebte ihren Beruf, der ihr den Umgang mit gutaussehenden, glücklichen Liebespaaren ermöglichte. Als Standesbeamtin durfte sie jeden Freitag am Glück von jeweils fünf Brautpaaren teilhaben, ja, das Glück sogar regelrecht schmieden.
„Kraft meines Amtes erkläre ich Sie hiermit zu Mann und Frau.“
Wie oft hatte sie diesen alles entscheidenden Satz in den letzten zwölf Jahren wohl ausgesprochen, überlegte Wiebke, während sie das Familienbuch und die auffallend breiten Ringe des nächsten Paares auf dem samtenen Tablett im Trauzimmer drapierte. Und wie oft hatte sie die angehenden Ehepaare gemahnt, Liebe und Respekt auch im Alltag zu pflegen.
Wie jeden Freitag seit zwölf Jahren unterdrückte sie den quälenden Gedanken daran, wie gern auch sie eines Tages auf der anderen Seite des Mahagoni-Tisches gesessen hätte, neben Holger, der ihre zitternde Hand zärtlich gestreichelt hätte.
Wiebke zog ihre schwarze Dienstrobe über die schlichte weiße Bluse und überprüfte ihr Make-up kurz im Spiegel. Nach sechs treuen Jahren an seiner Seite hätte ich einen Heiratsantrag verdient gehabt, fuhr es ihr durch den Kopf. Doch Holger hatte sich mit seinen 37 Jahren für zu unreif für eine Ehe gehalten. „Irgendwie kann ich noch keine Verantwortung für eine Familie übernehmen, Schatz“, pflegte er zu sagen. Überraschenderweise hatte ihn seine Reife vor drei Monaten dann doch dazu befähigt, mit ihrer Freundin Eva, einer Nageldesignerin, anzubändeln und sie zu zwingen, sich eine neue Wohnung zu suchen.
„Sind Sie so weit, Frau Schneider?“ Frau Krauth, die freundliche alte Standesamtsgehilfin, die inzwischen das Trauzimmer betreten hatte, riss Wiebke aus ihren Gedanken.
„Ja, natürlich!“, lächelte sie und blickte auf die Uhr. Noch fünf Minuten bis zur nächsten Trauung. Sie schlug den ledernen Ordner auf und las die Namen des Brautpaares. Plötzlich spürte sie, wie sich eine eiserne Kralle um ihr Herz zu legen schien und ihr zugleich kalter Schweiß ausbrach. Ihre Beine fühlten sich an wie Betonsäulen.
Vorsichtig öffnete sie die unterste Schublade des Mahagoni-Tisches. Dort lagen Papiertaschentücher bereit, mit denen weinende Bräute ihr Make-up vor Tränen retten konnten, daneben ein silberner Flachmann mit Cognac, der ihr gelegentlich einen kollabierenden Bräutigam ersparte.
Heute allerdings benötigte sie selbst einen kräftigen Schluck. Als Frau Krauth in die Teeküche verschwand, um die roten Rosen auf dem Schreibtisch mit frischem Wasser zu versorgen, griff Wiebke zur Flasche und trank sie in einem Zug aus.
Holger und Eva konnten kaum voneinander lassen. Schon drei Minuten küssten sich die beiden, während Wiebke beobachtete, wie sich Evas künstliche, mit rosa Herzen bemalte Fingernägel immer tiefer in Holgers Rücken zu bohren schienen.
„Ich denke, jetzt möchten die Hochzeitsgäste dem frischgebackenen Ehepaar gratulieren“, hörte sie eine blecherne Stimme sagen, die sie entfernt an ihre eigene erinnerte.
„Oh, stimmt, wir sind ja nicht allein, noch nicht jedenfalls“, flüsterte Eva und kniff Holger kichernd in die Wange. Wiebke spürte erleichtert, wie der Cognac ihre Nerven beruhigt hatte.
„Ich wünsche dir und Eva eine schöne Ehe“, sagte sie, während die Trauzeugin Eva den verschmierten Lippenstift vom Kinn wischte, und schüttelte Holger die Hand. „Aber sei so lieb und komm in den nächsten Tagen mal bei mir vorbei, ich habe noch eine kleine Bitte an dich.“
„Okay, Scha
Wiebke“, nickte der Bräutigam. „Wäre es dir am Donnerstag recht? Freitag fliegen wir ja in die Flitterwochen.“
Sie hatte Pussy gerade von ihrem Kopfkissen verjagt und das schwere Bett zur Seite geschoben, als Holger klingelte.
„Na, was kann ich für dich tun, Wiebke?“, fragte er. Weil du es gewagt hast, dich von deiner Exfreundin trauen zu lassen, könntest du dich aus meinem Leben scheren, und zwar für immer, dachte sie. „Würdest du für mich die Schlafzimmerlampe anschließen?“, sagte sie und holte eine lange Leiter aus der Haushaltskammer. „Die Decke ist immerhin fast vier Meter hoch, das schaffe ich nicht selbst.“
„Na klar, du kennst doch meine vielen Talente“, grinste Holger fröhlich. „Dreh doch schon mal die Sicherung raus, dann kanns losgehen. Wo ist die Lampe?“
Wiebke ging zum Sicherungskasten und drehte an den alten Keramikknöpfen. „Alles klar, Strom ist aus!“
Holger klappte die Leiter auf und kletterte hinauf. „Stimmt!“, rief er, nachdem er mit dem Spannungsprüfer nachgemessen hatte. Pfeifend machte er sich an die Arbeit.
Als Wiebke sah, wie Holgers nagelneuer breiter Ehering in der Sonne glänzte, während er die Kabel ordnete, machte sie auf dem Absatz kehrt. Ihr wurde plötzlich hundeelend. Wieder war da diese eiserne Kralle, die sich um ihr unglückliches Herz zu legen schien.
Plötzlich wusste sie, was zu tun war. Sie ging erst zum Sicherungskasten, danach lehnte sie sich heftig atmend an die Wand. Holgers durchdringenden Schrei aus dem Schlafzimmer nahm sie wie durch eine Wand aus Watte wahr, und auch an seinen tödlichen Sturz von der obersten Stufe der Leiter würde sie sich bald nicht mehr erinnern können.
Nur eines war ihr wichtig: Das Leiden war vorbei. Endlich war ihr Leiden vorbei.
Wiebke Sundermann





