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Mittwoch, 23. Mai 2012
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Ein watteweicher Tod

Kurzkrimi

 Es war einer dieser brütend heißen Sommertage, an denen jeder in der Stadt gutgelaunt zu sein schien. Die Männer aus den umliegenden Bankgebäuden hatten jetzt in der Mittagspause ihr Jackett im Büro gelassen und schleckten an großen Eistüten. Viele Frauen, vor allem die, die es sich nicht leisten konnten, trugen bauchfrei, und vor dem größten Kunstmuseum der Stadt hatte sich seit den frühen Morgenstunden eine lange Schlange gebildet, die fröhlich schnatternd auf den Einlass wartete.
Die Einzige, die an diesem sonnigen Tag schlechte Laune hatte, war offensichtlich Mathilde Dürkop, seit 38 Jahren Aufseherin in dem großen Museum.
„Bitte nichts anfassen!“. Missmutig beobachtete Mathilde eine Gruppe Schulkinder, die sich an dem überdimensionalen Bett, beklebt mit Tausenden von Wattebäuschen, zu schaffen machen wollten. Bitte nichts anfassen – wie oft hatte die kleine grauhaarige Museumswärterin diese drei Wörter in ihrem Leben schon aussprechen müssen?
Mathilde hatte es satt, sich mit diesem Satz ausgerechnet vor den albernen Ausstellungsstücken ihrer ehemaligen Kunstakademiekollegin Simone Rehfinger den Mund fusslig zu reden. Eine ganze Schlafzimmereinrichtung über und über mit Wattebäuschen zu bekleben und so von Kunstkritikern als berühmteste „Objekt-Künstlerin“ des Landes gefeiert zu werden – das konnte ja nur Simone gelingen. Der arroganten Simone, die Mathilde einst in Champagnerlaune prophezeit hatte, sie werde die Kunstszene eines Tages nach Strich und Faden zum Narren halten.
„Finger weg, Bürschchen!“, herrschte Mathilde einen blonden Jungen an, der gerade heimlich einen Wattebausch vom Kopfkissen zupfen wollte.
Sie sah sich vorsichtig um. Hoffentlich hatte das jetzt nicht der Museumsdirektor gehört, der ihr und den Kollegen ständig einschärfte, bloß freundlich zu den „Gästen“ zu sein. Immerhin waren die Besucherzahlen des großen Museums seit Jahren rückläufig. Wen wunderte das bei dem Blödsinn, den sie hier zeigen?
Verärgert drehte Mathilde an einem ihrer zerkratzten Uniformknöpfe. Gut, sie selbst hatte vermutlich wirklich nicht das Zeug zur großen Künstlerin. Aber wenigstens ihre damalige Mitstudentin Margot, deren Gemälde nach Meinung der begeisterten Professoren an den frühen van Gogh erinnerten, hätte Erfolg verdient.
Doch Margots Malerei war heute nicht zeitgemäß. Ihre wunderschönen farbenfrohen Bilder verkauften sich einfach nicht – die Kunstszene hielt sie für billige Kopien der mexikanischen Künstlerin Frida Kahlo. So kam es, dass die Arme irgendwann ihre Leidenschaft aufgegeben, sich auf dem Flohmarkt eine Lederjacke gekauft und den Taxischein gemacht hatte.
Warum nur hatte es gerade Simone geschafft, reich und berühmt zu werden? Die Küche, die sie komplett in Ochsenblutrot gestrichen hatte – inklusive Holzbrettchen, Eieruhr und Korkenzieher – hatten sie sogar in Museen in Madrid, Mailand und Hongkong ausgestellt. Und um die Toilettenschüssel zu sehen, die über und über mit Sekundenkleber bearbeitet war, sollen die Londoner bis zu drei Stunden angestanden haben.
Nun war Simone Rehfinger zur Eröffnung ihrer Ausstellung „Wahnsinn, Watte!“ vor zwei Tagen wieder in ihre Heimatstadt zurückgekehrt.
Mathilde musterte zwei vorwitzige Mädchen mit dem bösesten Blick, den sie auf Lager hatte. Warum sollte sie, Mathilde, eigentlich nicht auch ein Stück vom „watteweichen“ Kuchen abhaben?, überlegte sie. Immerhin würde sie nächstes Jahr in Rente gehen, und die lang erträumte Hurtigruten-Kreuzfahrt hatte sie sich immer noch nicht leisten können.
Während Mathilde zusah, wie die Lehrerin ihren Schülern mit weit ausholenden Armbewegungen offensichtlich die Bedeutung von Simone Rehfingers Schlafzimmer-Objekt erläuterte, reifte ihr Plan: Sie würde Simone erpressen. „Eines Tages werde ich die Kunstszene nach Strich und Faden zum Narren halten“, dieser Satz hatte sich in Mathildes Gehörgängen festgesetzt. Wenn Simone nicht zulassen wollte, dass Mathilde Simones Geheimnis der Presse mitteilte, dann sollte sie schnellstmöglich   Euro in kleinen Scheinen …

Kommissar Graupner blickte blass auf Simone Rehfinger hinunter, die ihm tot zu Füßen lag. „So einen ungewöhnlichen Mordfall habe ich ja selten gehabt“, murmelte er. „Tod durch Ersticken an Wattebäuschen. Und diese Wattebäusche waren alle an diesem merkwürdigen Bett befestigt, sagen Sie?“
Mathilde nickte ergriffen. „Frau Rehfinger hatte sie sogar höchstpersönlich festgeklebt“, sagte sie leise.
Der Kommissar kramte Block und Stift aus seiner Aktentasche, kratzte sich am Hinterkopf und wandte sich an den Nachtwächter des Museums.
„Herr, ähm, Herr Winter, Sie haben also beobachtet, dass Frau Rehfinger einer unbekannten Person ihre Ausstellung zeigen wollte?“
„Ja, Herr Kommissar“, erwiderte Herr Winter. „Nachts sind Künstler nun mal gern …“
„Ja, schon gut“, fiel ihm Graupner ins Wort. „Können Sie die gesuchte Person beschreiben?“
„Leider nein“, gab Winter kleinlaut zu. Mathilde räusperte sich. Sie wusste genau, warum Winter mal wieder nicht hingeguckt hatte. Er löste ja ständig Sudoku-Rätsel während seiner Arbeitszeit. „Ich habe nur gesehen, dass die Person eine Lederjacke trug und eilig hinausrannte. Danach fuhr sie mit einem Taxi davon.“

„Im Falle meines Todes vermache ich mein gesamtes Vermögen meiner früheren Akademie-Kollegin Mathilde Dürkop. Auch meine Villa an der Riviera sowie mein Anwesen an der Küste von Amalfi sollen ihr gehören.“ Mathildes Herz schien plötzlich einen Trommelwirbel zu verursachen, als sie dem glatzköpfigen Notar zuhörte. „Unter einer Bedingung: Niemals darf sie mein lang gehütetes Geheimnis der Öffentlichkeit preisgeben.“
Der Notar sah streng über seinen Brillenrand: „Sie wissen sicherlich, was Frau Rehfinger damit meinte?“
Mathilde kniff kurz die Augen zusammen. Dann schüttelte sie lächelnd den Kopf. „Aber nein, ich kann mich an kein Geheimnis erinnern“, sagte sie. Auch Margots Geheimnis, das schwor sie sich bei Simones Leiche, würde niemand erfahren. Wiebke Sundermann

Illustration: Karin Zander