Artikel dieser Ausgabe aus Freizeit
Meine Gesundheitsapotheke
Ein Käfig für den Narren
Kurzkrimi
Kommissarin Granzow konnte kaum fassen, was sie hier erlebte. Der Besitzer des edelsten Antiquariats der Stadt war ermordet worden und sein einziger Angestellter war in Tränen aufgelöst. Ob es mir auch so schlecht ginge, wenn meinem Vorgesetzten etwas zustoßen würde, fragte sich die Kommissarin, verwarf den bösen Gedanken jedoch gleich wieder.
„Nun beruhigen Sie sich doch, Herr Wülfing“, tröstete sie den schmächtigen Antiquariatsgehilfen und rutschte ungeduldig auf dem Biedermeierstuhl hin und her. Schon zum fünften Mal hatte sich Bernd Wülfing ein Taschentuch aus der Packung von Kommissarin Granzows Assistentin Carola gezogen und sich, von Weinkrämpfen geschüttelt, heftig geschneuzt.
„Entschuldigen Sie bitte meine mangelnde Beherrschung“, flüsterte er und wischte sich eine fettige Strähne aus der Stirn. „Aber was diese Verbrecher meinem Chef und mir angetan haben, lässt mich beinahe am Leben verzweifeln.“
„Das Ihnen ja zweifelsohne geblieben ist“, entgegnete ihm Kommissarin Granzow trocken und blinzelte Carola zu. „Im Gegensatz zu Ihrem Chef, der grausam erwürgt wurde. Aber nun erzählen Sie bitte mal der Reihe nach, wie dieser Raubüberfall überhaupt stattgefunden hat.“
Bernd Wülfing knetete das Taschentuch zwischen seinen Fingern, deren Nägel er auffällig lang trug. Die energischen Pendelschläge einer kostbaren alten Standuhr neben der Teeküche weckten bei der Kommissarin wehmütige Erinnerungen an Besuche bei ihrer Großmutter.
„Nun ja, ich kam heute Morgen spät ins Geschäft, weil ich gestern Abend eine anstrengende Generalprobe hatte. In meiner Freizeit spiele ich Theater in einer Laiengruppe, müssen Sie wissen.“ Er hielt der Kommissarin seine sorgsam manikürten Krallen hin, als erwartete er einen Handkuss von ihr. „Ein Käfig voller Narren – Sie verstehen?“ Er kicherte.
Kommissarin Granzow hatte die berühmte Travestie-Komödie vor vielen Jahren im Fernsehen gesehen und nickte. Sie machte sich eine Notiz und kratzte sich am Kopf. „Wann war das? Ich meine, wann erschienen Sie im Laden?“
„Kurz nach zehn muss es gewesen sein. Herr Paulsen, mein Chef, begutachtete gerade einen frisch restaurierten Tisch, als ich kam. Ich marschierte gleich nach hinten ins Büro, um meinen Mantel aufzuhängen.“ Bernd Wülfing nahm ein neues Taschentuch und tupfte sich damit die Tränen ab. „In diesem Augenblick ging die Ladentür auf und zwei vermummte Männer in Lederkleidung und Handschuhen stürmten herein. Einer der beiden brüllte etwas, vermutlich verlangte er von dem armen Herrn Paulsen einen Tresorschlüssel.“ Wülfing schluchzte erneut. „Dabei haben wir doch gar keinen Tresor. Mein Chef hielt Geld und Wertsachen im Geheimfach der Kommode dort hinten versteckt.“ Sein rosa lackierter Zeigefinger wies auf ein elegantes Art-Deco-Schränkchen an der Wand.
Kommissarin Granzow runzelte die Stirn. „Können Sie die Männer beschreiben? Größe? Haarfarbe? Die Kleidung?“
Der kleine Verkäufer schüttelte heftig den Kopf. „Nein, leider gar nicht. In meiner Angst – bitte lachen Sie jetzt nicht – habe ich einfach die Tür der Standuhr dort drüben geöffnet und bin hineingeklettert. Wie seinerzeit das Geißlein in dem Märchen der Brüder Grimm. Sie wissen schon, bevor die Geißenmutter das Haus verlässt, schärft sie ihren sieben Kindern ein, bloß nicht die Haustür
“
„Ja, ist schon gut“, fiel Kommissarin Granzow dem Mann verärgert ins Wort. Märchen hatten ihr noch nie gefallen. Sie blickte auf ihre Armbanduhr, während die Standuhr drei Mal schlug. Carola erhob sich leise.
Wülfing hüstelte. „Aus dem Verkaufsraum kam schrecklicher Lärm, ich hörte aufgeregte Männerstimmen, Poltern, Hilferufe. Es war entsetzlich. Noch unerträglicher aber fand ich die plötzliche Stille!“
Hektisch riss er sein letztes Taschentuch in Dutzende Flöckchen, die von ihm anscheinend unbemerkt vor die Füße rieselten.
„Ich wartete noch ein paar Minuten ab und kletterte dann aus der Uhr. Sah mich im Laden um – und entdeckte natürlich sofort meinen armen Chef, der erwürgt am Boden lag. Vermutlich hatte er sein Versteck nicht preisgeben wollen und musste dafür mit dem Leben bezahlen.“
Wie es die Kommissarin nicht anders erwartet hatte, begann Wülfing an dieser Stelle wieder zu weinen.
Jetzt platzte Kommissarin Granzow endgültig der Kragen: „Mit diesem schauspielerischen Talent verkaufen Sie sich in einem Laienensemble doch unter Wert. Oder wie wäre es mit einer Tätigkeit als Kriminalschriftsteller?“, lächelte Kommissarin Granzow süßlich, nachdem ihr Carola etwas ins Ohr geflüstert hatte.
Wülfings Gesicht erstarrte zu einer Maske. „Wie meinen Sie das, Frau Wachtmeister?“
„Frau Kommissar, wenn ich bitten dürfte, Herr Wülfing. Nun, es dürfte den Herren in den Handschuhen schwer gefallen sein, ihrem Opfer Kratzspuren an Hals und Händen zuzufügen, als habe es eine Perserkatze abwehren müssen. Ihre Fingernägel hingegen sind ja schon fast waffenscheinpflichtig!“
Die Kommissarin steckte ihren Notizblock in die Handtasche und stand auf. „Dummerweise haben Sie sofort, nachdem Sie Ihren armen Chef kaltblütig erdrosselt hatten, in Ihrer Gier die Geheimschublade geleert. Keine Sorge, das Geld und die Bankunterlagen werden wir bald finden.“
Mit einem Kopfnicken nahm sie die Handschellen entgegen, die Carola inzwischen geholt hatte.
„Am dreistesten fand ich allerdings das Märchen vom Geißlein in der Standuhr. Wollen Sie mir allen Ernstes weismachen, so ein empfindliches Schmuckstück könnte weiterhin so wunderschön tönen, nachdem sich ein 65-Kilo-Mann mit Raubtierkrallen darin breitgemacht hat? Der Käfig voller Narren, lieber Herr Wülfing“, behutsam legte sie ihrem Hauptverdächtigen die Handschellen an, „wird in Zukunft wohl auf seinen größten Narren verzichten müssen. Ich verhafte Sie wegen Mordes an Friedemann Paulsen.“
Wiebke Sundermann




