Artikel dieser Ausgabe aus Freizeit
Meine Gesundheitsapotheke
Ein ganz neues Leben
Die Erzählung
Birgit drehte sich gerade in einem rosa Bikini vor dem Spiegel der Umkleidekabine, als das Handy klingelte.„Ja, Schneider“, stieß sie atemlos hervor, während sie sich die Körbchen des sündhaft teuren Oberteils zurechtrückte. Gab es etwas Lästigeres, als auf einem einzigen Quadratmeter Bikinis anzuprobieren? Aber die Beschreibung des Fünf-Sterne-Hotels in Gambia, das Gunther gebucht hatte, hatte nun mal allzu verlockend geklungen. Und für einen Luxusurlaub am Strand musste man schließlich gerüstet sein.„Schatz, wo steckst du?“, meldete sich Gunther. „Hast du schon ein paar hübsche Bikinis gefunden? Wenn du fertig bist, könnten wir uns bei Giovanni zum Essen treffen.“
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Gunther sprang auf, als seine Birgit das feine Ristorante betrat.„Guten Abend, Schatz!“, begrüßte Birgit ihren Mann. Wie gut wir doch in dieses Lokal passen, dachte sie, und ihr Lächeln schien einen Moment lang festzufrieren. Der blonde Werbemanager im Leinenanzug trifft seine schwarzhaarige Gattin nach ihrem Einkaufsbummel am Feierabend. Millionen Frauen würden uns um unseren Lebensstandard beneiden, wenn sie uns sähen. Und keine würde merken, wie leer sich unser Alltag oft anfühlt.Gunther reichte seiner Frau die Speisekarte.„Hast du ein paar nette Sachen –“, weiter kam er nicht, sein Handy klingelte.„Schneider Oh, guten Abend, Gabi! Ja, es ist jetzt ungünstig. Ich sitze mit Birgit im Restaurant und wir haben noch nicht mal be “ Plötzlich weiteten sich seine Augen.Birgit starrte ihn an. Das Gespräch mit seiner Schwester aus Dresden schien Gunther mächtig aufzuregen.„Du Arme Ach du lieber Himmel Gabi, das geht doch nicht! Wir fliegen am Samstag für drei Wochen nach Gambia Ja Nein. Ich meine, findest du wirklich keinen anderen für Nadine? Okay, wir melden uns wieder. Bis später!“Gunther war blass geworden.„Nun sag schon, was ist los?“, fragte Birgit gespannt.„Stell dir vor, Gabi muss in die Klinik, sie hat eine Blinddarmentzündung, die so schnell wie möglich operiert werden soll. Ja, und Nadine “ Hastig trank er etwas Wasser und griff nach Birgits Hand. „Unsere Nichte soll solange zu uns. Es gibt niemanden, der sie sonst nehmen könnte.“Birgit schluckte. Es war zu erwarten, dass Gunther eine solche Neuigkeit aus der Bahn werfen würde. Kinder passten nicht in sein Leben – das hatte er Birgit schon vor ihrer Hochzeit vor drei Jahren anvertraut. „Wie soll ich Karriere machen, wenn mich kleine Monster nachts nicht zur Ruhe kommen lassen?“, hatte er gesagt. Für Birgit, in deren Familie vier Kinder groß wurden, war ein Leben ohne Kinder dagegen kaum denkbar gewesen. Doch sie liebte Gunther so sehr, dass sie ihm zuliebe auf ihren Herzenswunsch verzichten wollte.Birgit bestellte einen Primitivo. „Das ist doch nicht schlimm, Gunther“, meinte sie. „Natürlich nehmen wir Nadine bei uns auf. Und ehrlich gesagt, ich habe vorhin sowieso keinen passenden Bikini gefunden!“
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Nadines Kulleraugen lächelten verschmitzt, als sie sich ihre Puppe ans Ohr hielt.„Onkel Gunther, weißt du was?“, fragte die Vierjährige ihren Begleiter. „Meiner Susi gefällt es bei euch genauso gut wie mir. Hat sie mir gerade ins Ohr geflüstert.“Gunther lächelte. In der Tat vergnügten er und Birgit sich blendend mit der kleinen Nichte. Stundenlang konnte sie sich mit ihrem Teddy unterhalten, tobte mit Nachbarskindern auf dem Spielplatz oder legte ihr Märchenpuzzle. Auch hatte Nadine weit Wichtigeres zu tun, als – wie Gunther befürchtet hatte – Onkel und Tante die Nachtruhe zu rauben. Sie schlief.„Onkel Gunther, liest du mir etwas vor?“, fragte Nadine und steckte ihre kleine Hand in Gunthers große.„Klar, gern“, hörte sich Gunther sagen. Beide machten es sich auf der Couch bequem, und Nadine kuschelte sich an ihn.
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Birgit wurde ganz warm ums Herz, als sie vom Friseur nach Hause kam und die beiden glucksend vor Vergnügen über ein Buch gebeugt antraf. Die Enttäuschung über den abgesagten Gambia-Urlaub hat Gunther ja prima weggesteckt, dachte sie. Tja, so eine Blinddarmoperation zur rechten Zeit kann doch Wunder bewirken Abends konnte Gunther nicht einschlafen. Immer wieder erschienen ihm Bilder von Birgit, ihm und der kleinen Nadine. Wie sie alle drei am Frühstückstisch saßen. Wie Nadine ihrer Mutter mit leuchtenden Augen am Telefon ihre Unternehmungen mit Tante und Onkel schilderte. Wie Birgit der vor Lachen prustenden Kleinen in der Badewanne Shampoo-Krönchen ins Haar drapierte.Wann habe ich mich eigentlich zum letzten Mal so wohl gefühlt, dachte Gunther und blickte zärtlich auf seine schlafende Frau neben sich. Warum glaubte ich eigentlich, ich bräuchte teure Fernreisen, warum bedeuteten mir schicke Restaurants und Designeranzüge so viel? Sollte mich all das vielleicht nur über meine innere Leere hinwegtrösten?Vorsichtig begann er Birgits Schulter zu streicheln. „Liebling, wach auf, ich muss dir –“„Was denn, Schatz – ist was mit Nadine?“, Birgit saß mit einem Mal senkrecht im Bett.„Es ist alles in Ordnung. Ich muss nur ganz dringend mit dir reden.“
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„Und hiermit taufe ich dich auf den Namen Saskia.“ Vorsichtig strich der Pfarrer dem schlummernden Baby Taufwasser über das blonde Haar.Birgits Augen füllten sich mit Tränen, als sie ihre kleine Tochter betrachtete. Ihr Herz war so voll Liebe, dass sie vor lauter Glück die ganze Welt hätte umarmen können. Sie drehte sich um und suchte Gunthers Blick.„Gabi macht ihre Aufgabe als Taufpatin schon ganz gut, nicht wahr?“, flüsterte Birgit Gunther ins Ohr. Ihr Mann nickte und lächelte.Die zweite Hälfte ihrer Er-kenntnis würde Birgit vermutlich den Rest ihres Lebens für sich behalten. Nämlich die, dass Schwägerin Gabi auch in ihrer Funktion als eine Art Klapperstorch ganze Arbeit geleistet hatte. Und das nur, Birgit schmunzelte, mit einer klitzekleinen Notlüge.Wiebke Sundermann




