Artikel dieser Ausgabe aus Freizeit
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Die zersägte Jungfrau
Kurzkrimi
Reporter Fabian Henze stockte der Atem, als die hübsche Antonia lächelnd in einer Kiste verschwand. Wie jeden Nachmittag und jeden Abend warf die junge Artistin dem Zirkuspublikum ein paar Handküsse zu und kletterte schließlich in eine Holzkiste, die über und über mit Pailletten und Glitzersteinchen beklebt war.
Lorenzo, der Magier im gleichnamigen Zirkus, strich sich mit einer Hand über sein großzügig pomadisiertes Haar, griff zu einer überdimensionalen Säge und machte sich ans Werk. Auf Fabians Stirn hatten sich Schweißperlen gebildet, während er mit großen Augen das Geschehen in der Manege verfolgte. Die Kiste mit der schönen Antonia war inzwischen in zwei Teile zerlegt. Aus der einen Hälfte ragte nun seitlich Antonias Oberkörper heraus (wie immer winkte sie den kreischenden Zirkusbesuchern fröhlich zu), aus der anderen hingegen ragten ihre aufregend langen Beine, mit denen sie übermütig zappelte.
Natürlich hatte Fabian den berühmten Trick schon mehrfach bewundert. Er war der Höhepunkt im Programm von Lorenzo, der in Wirklichkeit
Marcel Dombrowski hieß. Als Zeitungsreporter erlebte man ja schließlich immer wieder spannende Dinge, sogar hier in Geisenhausen.
Nein, die Aufregung hatte nichts damit zu tun, dass Lorenzo gerade seine rassige Assistentin zweigeteilt hatte und sie Minuten später wieder „zusammensetzen“ würde. Fabian hatte da eine Idee. Er würde sich dringend mit Antonia verabreden müssen
Fabian liebte sein Reporterleben. Vor allem an einem Tag wie diesem, wo er mit einer langmähnigen Schönheit zum Kaffeetrinken verabredet war. Die knarrende Tür des Cafés öffnete sich und Antonia kam herein. Hastig drückte Fabian seine Zigarette im Aschenbecher aus. Antonia
gehörte zu der Sorte Frauen, deren Anblick bei Männern vorübergehenden Atemstillstand verursachte. Sie sah sich kurz um, dann ging sie direkt auf Fabians Tischchen zu.
„Signor Henze Sie sind?“, flötete sie.
Fabian errötete und sein Herz klopfte wild.
„Ja, Signorina Antonia.“ Er sprang eilig auf und rückte den freien Stuhl zurecht. „Also, was ich mit Ihnen besprechen wollte
.“, begann er, und dann sprudelte es nur so aus ihm heraus.
Bei seinem Chefredakteur hatte er grünes Licht bekommen für die Idee. Mit dieser neuen Serie würde er endlich bekannt werden, auch über die Stadtgrenzen hinaus. Er würde von den Chefredakteuren berühmter Magazine angerufen werden, denn so etwas hatte schließlich noch keiner geschrieben. Die Tricks der Magier. Erste Folge: „Das Geheimnis der zersägten Jungfrau“.
Am nächsten Tag besuchte Fabian wieder eine Vorstellung des Zirkus Lorenzo. Er ließ gerade seine Hand in die Popcorntüte gleiten, als der Zirkusdirektor, Lorenzos Vater, in die Manege trat.
„Mein sehr verehrtes Publikum“, begann er und räusperte sich. „Leider müssen wir heute auf unsere beliebte Nummer Die zersägte Jungfrau verzichten. Unsere schöne Antonia ist erkrankt. Lassen Sie uns hoffen, dass es ihr bald besser geht.“
Fabian blieben vor Überraschung ein paar Maiskörner im Hals stecken, was einen unangenehmen Hustenanfall verursachte. Nanu, dachte er. Gestern sah Antonia doch noch aus wie das blühende Leben. Blass war sie nur kurzfristig geworden, als sie vor ihrem Interview kurz in den Briefumschlag blickte, den Fabian ihr wortlos hingeschoben hatte. Leicht war es Fabian zwar nicht gefallen, sein wohlverdientes Urlaubsgeld zu opfern. Aber war der Verzicht auf zwei Wochen Partyspaß an der Costa del Sol nicht gut investiert?
Missmutig fuhr Fabian nach der Zirkusvorstellung in die Redaktion. Der Jahresbericht des Kaninchenvereins musste für die morgige Ausgabe geschrieben werden. Er legte sein Schlüsselbund auf das Päckchen auf seinem Schreibtisch und seufzte. Vermutlich würde er erst am Wochenende an seiner neuen großen Serie schreiben können.
Er fuhr seinen PC hoch und schob das Päckchen zur Seite. Er musste grinsen, als er sich an das aufregende Interview mit Antonia erinnerte. Nie, nein wirklich niemals hätte er gedacht, dass die zersägte Jungfrau
Moment mal, was war das denn für ein Päckchen? „Für Fabian Henze“ stand darauf, Absender und Postaufkleber fehlten. Fabian riss es neugierig auf und sank sofort mit zitternden Knien auf seinen Bürostuhl. Im Päckchen lag ein blutiges Herz.
„Herr Fabian“, las er auf dem beigefügten bluttriefenden Blatt, das aus einem Schulheft gerissen worden war. Sein linkes Augenlid begann heftig zu zucken. „Wenn Sie Ihre neugierige Nase nicht aus den Angelegenheiten von uns Magiern lassen, dann wird es Ihnen ergehen wie meiner ehemaligen Kollegin Antonia. Ich werde auch Ihnen das Herz aus dem Leib reißen, wie ich es bei ihr gemacht habe. Das soll Ihnen Warnung sein. Hochachtungsvoll!“
Die Zeilen wimmelten nur so von Rechtschreibfehlern, und eine Unterschrift fehlte. Doch Fabian wusste sofort, dass dies hier Lorenzos schauderhafte Tat war.
In Fabians Kopf drehte sich plötzlich alles. Fieberhaft versuchte er, einen klaren Gedanken zu fassen. Antonia! Die schöne, süße Antonia! Von wegen „erkrankt“. Diese lackierte Bestie hatte Antonia zerfleischt, weil sie langgehütete Magiertricks verraten hatte. Mit beiden Händen vor dem Mund schaffte Fabian es gerade noch zur Herrentoilette.
„Guten Abend, Kurt, ich muss euch was Wichtiges zeigen. Es geht um Mord im Zirkus Lorenzo!“
Fabian deutete auf die große Plastiktüte, die unauffällig neben ihm auf dem Boden stand. Der wachhabende Polizeibeamte musterte Fabian skeptisch. „Mensch, Fabi, was ist denn los mit dir? Bist ja käseweiß. Komm mal mit, Kommissarin Granzow ist im Haus. Der erzählst du mal alles der Reihe nach!“
Fabian nickte stumm und folgte dem Polizisten ins gemütliche Büro der Kommissarin. Mit aufmunterndem Lächeln hörte sie sich Fabians Geschichte an. Über seinen Traum, ein berühmter Reporter zu werden. Wie
er das hatte schaffen wollen. Sein Interview mit der
schönen Antonia und wie grausam sie für seinen Ehrgeiz sterben musste.
Kommissarin Granzow nahm ein paar Plastikhandschuhe aus der Schublade und sah in das Päckchen.
„Wir sollten am besten
“, meinte sie und brach ab. Ein Grinsen breitete sich auf ihrem Gesicht aus.
„Was ist?“, fragte Fabian nervös.
„Magier Lorenzo schockt offenbar nicht nur sein
Zirkuspublikum gern, sondern auch neugierige Zeitungsreporter“, lächelte die Kommissarin. „Das hier ist mit Sicherheit nicht Antonias Herz. Es gehörte eindeutig einem – Schwein.“ Wiebke Sundermann





