Artikel dieser Ausgabe aus Freizeit
Meine Gesundheitsapotheke
Der Verlust der Farben
Leben am Abgrund: »Helen« ab dem 14. Mai im Kino
Das ist doch kein Beinbruch!« heißt es oft, wenn etwas nicht so schlimm ist, wie es auf dem ersten Blick wirkt. Viele Krankheiten fordern sofort unser Mitgefühl, so wie eben ein Beinbruch. Es gibt aber auch Krankheiten, denen die meisten Menschen eher mit Unverständnis und mit großem Unbehagen begegnen. Eine Depression ist eine solche Krankheit.
Während man bei einem Beinbruch sofort weiß, was Sache ist, ist eine Depression viel weniger greifbar, viel schlechter zu durchschauen und darum auch viel schwieriger für die Betroffenen und die Umwelt. Die Grenzen sind fließend und oft schleichend. Hinzu kommt, dass Menschen mit einer Depression sich von ihrer Umwelt eher zurückziehen und selbst leicht abweisend wirken.
Schweigen
Im Film »Helen« der Hamburger Regisseurin Sandra Nettelbeck spielt Ashley Judd die Figur einer jungen Frau, die unter genau dieser Krankheit leidet. Helen ist mit David verheiratet, der sie sehr liebt. Dann gibt es noch Julie, ihre hübsche und wundervolle Tochter, und eine Reihe von guten Freunden. Auch beruflich läuft alles sehr gut für Helen. Und doch ist sie nicht glücklich.
Obwohl eigentlich alles bestens funktioniert, kann sie sich nicht richtig darüber freuen. Sie weiß, dass sie allen Grund hätte, glücklich zu sein. Aber nach und nach kommt ihr die Fähigkeit abhanden, ihr Leben und die Zuneigung ihrer Umwelt zu genießen. Was sie froh machen sollte, erscheint ihr schal.
Es ist, als würde die Welt nach und nach ihre Farben verlieren. Ihr Mann David spürt, dass er sie nicht mehr so erreichen kann wie früher, obwohl er sich große Mühe mit ihr gibt und auch viel Verständnis hat. Er leidet darunter, immer häufiger von Helen zurückgestoßen zu werden. Helen dagegen fällt es immer schwerer, sich und ihre Gefühle verständlich zu machen. Sie zieht sich daher noch mehr zurück, der Beginn eines Teufelskreises.
Als es immer dunkler um Helen wird, lernt sie Mathilda kennen, eine Leidensgenossin. Bei Mathilda spürt sie zum ersten Mal, dass sie nichts erklären muss, dass sie sich nicht schämen muss und dass da jemand ist, der genau weiß, wie sie sich fühlt. Rasch entsteht eine enge Freundschaft zwischen den beiden. David muss einsehen, dass Mathilda seiner Frau so nahe ist, wie er selbst es gerne wäre.
Ganz nah dran
Regisseurin Sandra Nettelbeck war es ein Herzenswunsch, einen Film über einen Menschen mit Depression zu drehen, der nicht nur die Probleme zeigt, sondern zugleich auch hoffnungsvoll ist. Ihr Film bietet keine einfache Lösung nach Rezept an, zeigt aber durchaus Wege auf. Helen erkennt, dass die Liebe zu ihrer Tochter Julie ihr viel bedeutet, und dass Selbsttötung für sie kein guter Weg wäre.
Die Regisseurin hat erlebt, dass ihre engste Freundin aus Kindertagen unter Depressionen litt und sich selbst getötet hat. Auch im weiteren Umfeld wurde sie immer wieder mit dieser Krankheit konfrontiert, stellte dabei aber fest, dass wenige Menschen tatsächlich darüber Bescheid wissen.
Die Figur der Helen sollte ein Mensch mit tiefen Gefühlen werden, der selbst von der Krankheit überrascht ist. Darum geht es im Film auch weniger um eine medizinische Sicht, sondern vielmehr um die Auswirkungen auf die zwischenmenschlichen Beziehungen der Betroffenen: auf Helen selbst, auf ihren Mann, auf ihre spätere Vertraute Mathilda.
Sandra Nettelbeck hat eine Geschichte ins Kino gebracht, in der Menschen betroffen sind, die eigentlich die besten Voraussetzungen für ein glückliches Leben haben und die darum besonders tückisch betroffen sind. Helen verliert die Bindung zu allem, was ihr eigentlich wichtig ist und schafft es immer weniger, mit den geliebten Menschen über sich zu reden.
Da der Film die Perspektive der Hauptfigur einnimmt, sehen und erleben die Zuschauer ebenfalls die Welt, wie Helen sie wahrnimmt. Und so ist »Helen« ein Film über das Leben mit Depressionen, aber vor allem auch ein Film über das Leben und die Liebe.
jp






