Artikel dieser Ausgabe aus Freizeit
Meine Gesundheitsapotheke
Der Tod des Tyrannen
Ratekrimi
Anja Richter legte ihre Stirn ungläubig in Falten. So etwas war der jungen Kommissarin noch nie untergekommen nach einem Todesfall. Da hatte sich ein Hausmeister an einem Dachbalken im eigenen Wohnzimmer aufgehängt, und seine Nachbarn reagierten auf den Todesfall mit gelangweiltem Schulterzucken.
Als auch noch ihr Kollege Kommissar Lukas Greulich, ein muskelbepackter junger Mann mit unerklärlicher Vorliebe für Nachtschichten, sie fragend ansah, platzte Anja beinah der Kragen. Wann endlich werden Wahrnehmungsstörungen zur Volkskrankheit erklärt, fragte sie sich im Stillen.
»So, jetzt mal der Reihe nach!«, schlug sie den müden Hausbewohnern vor und wandte sich zunächst einem bulligen Mann zu, der, obwohl die Kirchturmuhr neben dem grauen Mehrfamilienhaus schon zwei Uhr in der Nacht geschlagen hatte, als einziger in der Runde Straßenkleidung trug. Anja schätzte seine Größe auf knapp zwei Meter, sein Gewicht überschritt locker hundert Kilo. Er trug einen abgewetzten, viel zu engen schwarzen Lederanzug und seine speckigen Locken hätten schon längst eine Wäsche und einen frischen Haarschnitt vertragen können.
Anja blickte auf den mehrfach geknickten Personalausweis. »Sie sind also Fritz Strunk, der Sohn des Todesopfers. Richtig?«
Strunk nickte und lächelte.
»Erzählen Sie doch mal der Reihe nach, was passiert ist«, forderte Anja Richter den dicken Mann auf.
»Was soll schon passiert sein?«, gab der grinsend zurück. »Ich war in der Spielhalle, wie immer abends. Gegen Viertel vor zwölf kam ich nach Hause. Ich öffnete die Wohnungstür, machte Licht und ging ins Wohnzimmer, um mir noch einen Kurzen zu genehmigen. Hatte derbe verloren heute, müssen Sie wissen.«
Anja Richter spürte, wie sich ihre Nackenhaare sträubten. Jetzt hieß es, ruhig zu bleiben. »Ja, und?«
»Tja, da sah ich den Alten baumeln. War kein schöner Anblick. Ich hab erst mal zwei, drei Schnäpse gekippt, dann die Polizei angerufen.« Wie zur Bestätigung gab der Sohn ein unappetitliches Schmatzgeräusch von sich.
»Vielleicht sollten Sie eines wissen«, ließ sich plötzlich die kleine dunkelblonde Frau neben Lukas Greulich vernehmen und zog den schmutzigen gelben Bademantel enger um die schmalen Hüften. »Mein Name ist Rita Ehmke. Ich weiß, man soll über Tote nicht schlecht reden. Aber Hausmeister Strunk war ein äußerst unangenehmer Mensch.« Ihre Hände in den großen Frotteetaschen ballten sich zu Fäusten. Sie zeigte ein schiefes Lächeln. »Er hat uns alle schrecklich tyrannisiert. Täglich brüllte er im Treppenhaus herum, weil ihm irgendetwas nicht passte. Mich hat er einmal angeschrien, weil ich außerhalb der vorgeschriebenen Zeit von zwölf bis zwei Uhr mittags gekocht habe. Der Geruch von Essen im Haus sei für alle ein Zumutung, grölte er.«
Da mischte sich eine ältere Dame ins Gespräch ein, deren spöttischer Blick bisher auf ihre Filzpantoffeln gerichtet war.
»Da haben Sie Recht. Ein bösartiger, widerlicher Drachen war der Strunk«, polterte sie. Ihr Gesicht lief rot an. »Mir hat er erst gestern das Singen in der Badewanne verboten, das er wohl nur hören konnte, weil er sein Ohr an meine Wohnungstür gepresst hielt. Und geizig war er, geizig wie ein Schotte! Ständig war er hinterher, dass man auch ja das Licht ausschaltete, wenn man einen Raum verließ. Als ob er persönlich unsere Stromrechnungen bezahlt hätte! Nehmen Sie das ruhig zu Protokoll, junge Frau!«, schimpfte sie. »Mein Name ist Maria Schmidt. Übrigens hat sein feiner Herr Sohn schon ähnliche Marotten entwickelt. Als ich einmal schnell in den Keller huschte, um Kartoffeln raufzuholen, pfiff mich der Junior später an, weil er bemerkt hatte, dass ich das Licht angelassen hatte.«
Anja Richter holte tief Luft und kratzte sich mit dem Kugelschreiber hinterm Ohr. Bei dem Toten schien es sich ja um ein wahres Schätzchen gehandelt zu haben, dachte sie. Lukas Greulich glotzte sie wie immer ratlos an. Warum muss ich bloß wieder die ganze Arbeit allein machen, stöhnte sie innerlich.
Nun betrachtete die Kommissarin ein Paar in den Vierzigern, das sich bisher noch gar nicht zu dem überraschenden Selbstmord des Hausmeisters geäußert hatte. Der Mann hatte einen unfassbar dicken Bauch und stank wie ein Aschenbecher, seiner Frau waren die drei Lockenwickler, die ihrem schütteren rotgefärbten Haar über Nacht offenbar zu mehr Volumen hatten verhelfen sollen, vom Scheitel gerutscht. Anja Richter spürte etwas Mitleid mit den unglücklichen Gestalten.
»Herr und Frau Reißner, ist das richtig?«, fragte sie die beiden, die mit blassen Gesichtern Hand in Hand vor ihr standen.
Das Paar nickte matt. »Ja, wir haben die Wohnung im Erdgeschoss«, antwortete der Mann. »Schon seit mehr als zwanzig Jahren. Es war gegen zehn heute Abend. Wir hatten gerade den Fernseher ausgemacht und wollten zu Bett gehen. Es lief ein Krimi. Mein Mann und ich sehen furchtbar gern Krimis, wissen Sie. Jedenfalls hörten wir dann die Haustür und den polternden Herrn Strunk nach Hause kommen. Er schimpfte ja über alles, den nervte schon die Fliege an der Wand.«
Frau Reißner schloss kurz die Augen.
»Kaum zu glauben, dass so einer wie der nicht mehr leben wollte«, sagte sie leise. »Solchen Menschen bereitet es doch das größte Vergnügen, andere zu quälen.« Mit Tränen in den Augen sah sie ihren Mann an. »Weißt du noch, Schatz? Als wir damals unser Tinchen bekamen, ließ Strunk gleich in der ersten Woche alle vier Räder vom Kinderwagen verschwinden. Er duldete keine Kinderwagen im Treppenhaus.«
Die Kommissarin nahm auch diese Aussage zu Protokoll. Dann beriet sie sich kurz mit Kollege Greulich, um eine Festnahme vorzubereiten. Denn an einen Selbstmord hatte die Polizistin keine Minute geglaubt. Haben Sie gut aufgepasst, liebe Leserinnen und Leser? Eine Person hielt Anja Richter dringend der Tat verdächtig. Wiebke Sundermann
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