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Mittwoch, 23. Mai 2012
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Der Hauptgewinn

Kurzgeschichte

Eines Tages in einem Fünf-Sterne-Haus am Bodensee als Chefkellnerin Fabrikanten und Fernsehstars zu bedienen – das hätte sich Sylvia Münther früher niemals träumen lassen. Nun arbeitete sie schon ein Jahr im Grandhotel „Seepalast“ und freute sich noch immer auf jeden Arbeitstag.
Rasch zog sie sich Sportkleidung und Laufschuhe an, verließ ihre Wohnung und begann zu joggen. Mit leichten Schritten bog sie in den Feldweg ein.
Plötzlich hörte sie Schritte von hinten. Sylvia drehte sich um. Ein gut aussehender dunkelhaariger Mann mit – wie ungewöhnlich! – leuchtend blauen Augen holte sie joggend ein.
„Alle Achtung!“, japste er und blickte auf seine Pulsuhr. „Sie haben ein ordentliches Tempo drauf. Gerade wollte ich Ihnen meinen Begleitschutz anbieten, aber bei Ihrer Geschwindigkeit laufen Sie doch jedem Angreifer davon.“
Trotz seiner Anstrengung zeigte der Unbekannte ein sympathisches Lächeln. Auch Sylvia konnte sich ein Strahlen nicht verkneifen. Der hübsche Fremde begann ihr zu gefallen. Und wie es der Zufall so wollte, hatte dieser Mann, wie sich in der nachfolgenden Plauderei herausstellte, bei einem Preisausschreiben einen mehrtägigen Aufenthalt im „Seepalast“ gewonnen. Wie klein die Welt doch manchmal war.

Sylvia war bester Laune, als sie am nächsten Morgen im Speisesaal erschien. Immerhin hatte sie der Jogger, der sich als Peter Schneider vorgestellt hatte, an diesem Abend zum Essen eingeladen. Entsprechend beschwingt musterte sie die Tischreihen auf der Suche nach einem Gast, der noch ohne Bestellung war. Schnell wurde sie fündig und steuerte den betreffenden Tisch an.
„Guten Morgen, was darf ich –“, brachte sie gerade noch heraus, als ihr der Atem stockte. Sie war auf alles und jeden gefasst gewesen – nicht aber auf den Mann, den sie in so netter Erinnerung behalten hatte und der sich jetzt so ungehalten zeigte.
„Da sind Sie ja endlich“, schnauzte Peter Sylvia an. „Ich warte schon eine Viertelstunde, man könnte hier ja glatt verhungern.“
Sylvia traute ihren Ohren nicht. Was war denn in den gefahren? Erkannte er sie denn nicht? Doch dann setzte Sylvia ihr charmantestes Speziallächeln auf, das hauptsächlich Gäste zu sehen bekamen, die ihr eine Lüge wie diese ins Gesicht schmetterten. Sie hatte nämlich gesehen, dass Peters Tisch nicht einmal fünf Minuten zuvor noch frei gewesen war.
„Hoffentlich hat Ihnen der Unmut nicht den Appetit verdorben“, konterte sie mit der richtigen Portion Wärme in der Stimme, wie sie es auf der Hotelfachschule gelernt hatte. „Was darf es für Sie sein?“

Sylvia blickte auf die Uhr. Schon eine Stunde zu spät. Reichte es nicht, dass Peter sie heute Morgen so ungerechtfertigt angefahren hatte? Jetzt versetzte er sie auch noch. Was war das bloß für ein Mensch? Neulich beim Joggen hatten sie sich noch so wunderbar unterhalten, und nun? Sollte sie sich so in ihm getäuscht haben?

„Fräulein, hallo, kommen Sie bitte mal!“
Sylvia nickte und lächelte, obwohl sie innerlich kochte vor Wut. Natürlich, Peter „Motzki“ schon wieder. Die ganze Woche ging das nun schon so. Erst war das Ei angeblich zu hart, dann der Toast zu kalt, der Kaffee zu dünn. Jeden Tag hatte der Mann an seinem Luxusfrühstück etwas auszusetzen.
„Ja, Herr Schneider, ist etwas nicht in Ordnung?“, flötete Sylvia.
„Und ob etwas nicht in Ordnung ist, Fräulein“, schnaubte Herr Schneider. „Altes Brot!“, er hielt Sylvia eine Scheibe Weißbrot unter die Nase. „Hier probieren Sie mal! Das Brot ist eindeutig von gestern.“
Sylvia hätte schreien können vor Zorn. Natürlich lieferte Lindaus feinste Bäckerei jeden Morgen frische Backwaren.
„Herr Schneider, das Brot ist sicherlich von heute, so wie es unsere Gäste seit zweihundert Jahren von uns gewohnt sind“, antwortete sie freundlich und musste über ihren unfreiwilligen Scherz herzhaft lachen. Sogar Herr Schneider schmunzelte nach ihrer Bemerkung.
Himmel, dachte Sylvia, er hat so viel Charme. Warum muss er nur ein solcher Miesepeter sein?

Sylvia traute ihren Augen nicht, als sie vier Wochen später Post von der „Seehotels Corporation“, ihrem Arbeitgeber, bekam. Ist das eine Gehaltserhöhung? Oder etwa die Kündigung? Schon im Lift riss sie den Umschlag auf.
Herr Wiedrich, der Hotelmanager, bat sie zu einer Besprechung am nächsten Montag. Sylvia schnaubte. Diese Vorladung hatte sie sicherlich „Herrn Motzki“ zu verdanken. Vermutlich hatte er sich bei ihren Chefs über das angeblich so miese Frühstück und den seiner Meinung nach schlampigen Service beschwert.
Sylvias Herz klopfte bis zum Hals, als sie am Montag das Büro ihres Chefs betrat. Das tat es eine ganze Weile. Denn außer Herrn Wiedrich begrüßte sie ausgerechnet – Peter Schneider! Seine blauen Augen strahlten sie an, als er ihr die Hand reichte. Sylvia hätte wetten mögen, dass er sie ein paar Sekunden länger festhielt, als es nötig war.
„Da sind Sie überrascht, Frau Münther, stimmt’s? Zunächst muss ich mich bei Ihnen entschuldigen …“
„Ja …?“, stammelte Sylvia.
„Ganz bestimmt sogar“, antwortete er. „Natürlich kamen Sie nie zu spät an meinen Tisch, der Kaffee war stets frisch aufgebrüht, und die Eier sind immer in perfektem Zustand serviert worden.“
Sylvias Augen wurden größer. „Aber, wie … ich meine, warum …“, stotterte sie.
„Die ‚Seehotels Corporation‘ gratuliert Ihnen zur ‚Mitarbeiterin des Jahres‘“, unterbrach sie Herr Wiedrich lächelnd. „Sie haben den Härtetest mit Herrn Schneider als Dauernörgelgast blendend bestanden und in jeder Situation professionell reagiert.“
„Dann haben Sie den Aufenthalt bei uns gar nicht bei einem Preisausschreiben …?“, flüsterte Sylvia ungläubig und sah die Männer abwechselnd fragend an.
Herr Schneider schüttelte langsam den Kopf und blickte Sylvia tief in die Augen. „Aber ehrlich gesagt, die Woche mit Ihnen war für mich trotzdem wie ein Hauptgewinn. Dass ich Sie neulich versetzen musste, tut mir schrecklich leid, aber als Tester ist mir privater Kontakt zu Kandidaten strengstens untersagt.“ Seine Augen funkelten, als er sie lächelnd ansah. „Ich war noch nie so froh, dass ich den Rüpel wieder an der Garderobe abgeben darf …“

Wiebke Sundermann

Illustration: Karin Zander