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Mittwoch, 23. Mai 2012
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Das Haus auf der Klippe

Kurzkrimi

 Das Ende der Welt würde sich kaum anders bemerkbar machen, überlegte Penelope Cameron und kicherte. Immer wieder erhellten grelle Blitze das Schlafzimmer der kleinen alten Dame, Donner krachten, und aus den pechschwarzen Wolkentürmen über ihrer Villa regnete es so heftig, dass nicht einmal Mr. Finch, der griesgrämige Eisenwarenhändler, seinen bissigen Hund vor die Tür jagen würde.
Penelope schwang ihre hageren Beine aus dem Bett, kratzte sich lange am Hinterkopf und schlurfte ans Fenster. Wie viele Mamis drüben in Monterey jetzt wohl gerade ihre ängstlichen Kinder beruhigen mussten, fuhr es ihr durch den Kopf. Sie öffnete die quietschende Balkontür und blickte hinab in die Tiefe. Scheinbar wütend schlugen die Wellen des schäumenden Pazifiks an die Klippen unterhalb ihrer Villa.
Penelope nickte zufrieden und kroch wieder ins Bett. Nur gut, dass sich nicht jeder Mensch vor diesem Gewitter fürchten muss, dachte sie. Oder sollte sie besser »nicht mehr« sagen? Lächelnd knüllte sie ihr fleckiges Kissen zu einer Kugel, bettete ihren greisen Kopf darauf und schlief wieder ein.

Am nächsten Morgen erinnerte nichts mehr an das nur wenige Stunden zurückliegende Unwetter. Der Pazifik glitzerte in der Sonne und aus den Bäumen des nahe gelegenen Waldes vernahm Penelope fröhliches Zwitschern.
Sie stimmte ein Lied von Doris Day an und füllte den Teekessel mit Wasser, um sich einen Earl Grey aufzubrühen. Das Meeresrauschen und die Vogelgesänge liebte Penelope so sehr wie die alte Villa auf der Klippe, die ihr Mutter und Vater nach ihrem Tod vor 48 Jahren vererbt hatten. Wo sonst konnte man so ungestört den ganzen Tag im Lieblingsnachthemd verbringen und Zigarillos rauchen, ohne von missgünstigen Nachbarn beobachtet zu werden? Die Tage, an denen Mr. Finch mit seinem rostigen alten Fahrrad auf ein Schwätzchen vorbeikam oder eine Mitarbeiterin der Gemeinde mal nach dem Rechten sehen wollte, konnte man zum Glück an einer Hand abzählen.
Auch der Gedanke an zwei rätselhafte Todesfälle in Monterey versetzten Penelope nicht wirklich in Besorgnis. Die Schmierer von der Zeitung hatten geschrieben, dass im vergangenen Jahr offensichtlich unweit von ihrem Haus zwei Männer spurlos verschwunden waren. Und das innerhalb weniger Monate.
Penelope schlang ihr schulterlanges schütteres Haar zu einem kleinen Dutt und puderte sich anschließend sorgfältig die lange blasse Nase. Während sie in ihren Lieblingsfaltenrock und die einzige gebügelte Bluse schlüpfte, die sie besaß, sah sie auf die staubige Standuhr im Flur.
In ein paar Minuten erwartete sie einen gewissen Mr. McPherson, der »dem Eigentümer der Villa auf der Klippe«, wie er geschrieben hatte, ein lukratives Angebot unterbreiten wollte.

Mr. McPherson war ein Schlacks von Ende vierzig. Er gehörte zu der Sorte Männer, die man auf der Straße überhaupt nicht wahrnahm – oder man hatte das Gefühl, sie bereits ein Dutzend Mal gesehen zu haben. Er trug einen schlecht sitzenden dunkelblauen Anzug, dessen ausgebeulte Hosen auf eine vorwiegend sitzende Tätigkeit verwiesen, sowie eine ausgefranste braune Fliege.
Seine eng stehenden Augen zuckten nervös, als er Penelope seine feuchte Hand zur Begrüßung reichte.
»Mrs. Cameron …« – »Miss Cameron, bitte«, unterbrach ihn Penelope sanft. »Oh, natürlich, Miss Cameron«, verbesserte sich Mr. McPherson und stellte seinen dicken Aktenkoffer an der Tür zum Kaminzimmer ab.
Was er ihr daraufhin erzählte, gefiel Penelope auch nicht viel besser. Mit zusammengekniffenen Lippen hörte sie sich an, dass ihr Haus alt und die Bausubstanz schon lange gesundheitsgefährdend sei. Und dass er, Mr. McPherson, ihr die Entscheidung, in die hübsche Seniorenresidenz am Rande von Monterey zu ziehen und die Villa zu verkaufen, mit einer halben Million Dollar zu erleichtern gedachte.
Sein Blick streifte auffällig den Koffer und Penelope hätte wetten können, dabei ein verschmitztes Augenkneifen gesehen zu haben.
»Ein guter Gedanke«, lächelte Penelope und nickte langsam. »Aber vielleicht möchten Sie sich erst einmal davon überzeugen, dass das Grundstück auch Ihren Ansprüchen genügt?«
»Ja, sehr gern sogar!« Mr. McPherson wischte sich mit einem frisch gestärkten Stofftaschentuch die Schweißperlen von der Stirn und folgte Penelope die knarzende Holztreppe hinauf ins Schlafzimmer, wo er den unvergleichlichen Blick auf den Pazifik genießen sollte.

Penelope kam sich vor wie in einem Film, für den eine bestimmte Szene wieder und wieder gedreht werden sollte. Mit dem kleinen Unterschied, dass hier wohl jede einzelne Szene das Kinopublikum aus den Sesseln heben würde, fuhr es ihr durch den Kopf.
Eigentlich verhielt sich alles so wie letztes Frühjahr bei dem Besuch eines gewissen Mr. Smith, der Penelope ebenfalls aus ihrem geliebten Haus jagen wollte. Und wie im darauf folgenden Herbst, als der attraktive Mr. Cruz mit einem dicken Koffer vor der Tür gestanden hatte.
Penelope tat es heute noch leid, dass sie ihn nicht rechtzeitig gebeten hatte, seine goldene Armbanduhr ihr einmal kurz auszuleihen.
»Treten Sie ruhig hinaus, Mr.
McPherson«, nickte Penelope, während sie darüber rätselte, warum sich Gebäudemakler so selten um eine solide Ausbildung bemühten.
»Wenn Sie gestatten, Miss?« Ihr ungebetener Gast tat einen beherzten Schritt über die Schwelle.
»Von hier aus können Sie …«, mehr musste Penelope auch diesmal nicht sagen.
Ein kurzer Stoß, und schon stürzte Mr. McPherson mit einem gellenden Schrei über die steile Klippe in den Pazifik.
Warum lernen Makler anscheinend nie, dass zum Balkon eine solide Brüstung gehört?, überlegte Penelope und grinste. Sie nahm sich ein Zigarillo und ging hinunter ins Kaminzimmer, um Mr. McPhersons Kofferinhalt zu prüfen. Soll noch einer behaupten, ein altes Haus sei nicht rentabel!     
Wiebke Sundermann

Illustration: Karin Zander