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Mittwoch, 23. Mai 2012
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Das Ende des Figaros

Ratekrimi

Als ich auf die Straße trete, trifft mich fast der Schlag. Ich hatte es tatsächlich vergessen: Heute werden sämtliche öffentlichen Verkehrsmittel bestreikt. Busse, S-Bahnen, Trams, alle. Ihre Fahrer wollen fünfzehn Prozent mehr Geld. Klasse, die hätte ich auch gern auf mein
schmales Gehalt als Friseur-Azubine im schicken »Figaro«, dem angesagtesten Salon der Stadt. Mist, jetzt muss ich zu Fuß gehen. Tja, auch eine Nina Rothaus kommt mal zu spät zur Arbeit.
Auf den Straßen geht gar nichts mehr. Stau, wohin man sieht. Autofahrer hupen und schimpfen um die Wette. Jens und Dieter Schmidt, meine Chefs, werden sauer sein, wenn ich nach acht Uhr aufschlage. Da fällt mir ein: Zum Glück nur Jens, denn sein Bruder Dieter ist auf Einladung unseres Shampoo-Lieferanten für drei Tage nach Miami gejettet. Fortbildung nennt sich das, dass ich nicht lache! Für mich sieht eine solche Reise eher aus wie ein gelungener Bestechungsversuch für Salonbesitzer, damit die ihrem Lieferanten treu bleiben. Oder wie Jens’ Friedensangebot an den kleinen Bruder, der den Salon schon lang allein führen möchte, aber stets eine Abfuhr erteilt bekommt.
Nanu, was ist denn da los? Polizei vorm Salon, Polizei im Salon, ein rot-weißes Absperrband vor der Ladentür. Drinnen gleißendes Licht. Ist etwa wieder jemand eingebrochen und unsere Trinkgeld-Schweinchen gestohlen wie damals vor Weihnachten?
Als ich durch den unauffälligen Personaleingang in den Laden komme, stockt mir der Atem. Jens liegt regungslos am Boden, direkt neben den Waschbecken, eines davon ist mit Wasser gefüllt. Sein Gesicht ist merkwürdig aufgedunsen, der Mund geöffnet. Er ist tot, da besteht kein Zweifel. Ein Fotograf turnt um ihn herum und macht Aufnahmen. Max, unser Jung-Stylist mit der albernen Irokesen-Frisur, steht hinten in der Teeküche und schluchzt.
Eine kleine schmale Frau kommt mir entgegen. »Hauptkommissarin Anja Richter. Und wer sind Sie? Können Sie sich ausweisen?«
Mit zitternden Fingern ziehe ich meinen Personalausweis aus dem Geldbeutel. Du lieber Himmel, Jens ist tot. Nicht, dass ich ihn gemocht hätte. Mit seinem weiß-schwarz gefärbtem Haarschopf und der glänzenden, dunkelbraunen Haut – er hatte ein Jahresabo fürs Sonnenstudio – sah er nicht nur völlig albern aus. Nein, tatsächlich hasste ich ihn dafür, wie er unsere Kunden verschaukelte.
Erst hatte er dem alteingesessenen Frisuren-König unserer Stadt, Werner Zweigelt, reihenweise ehemalige Stammkunden ausgespannt, indem er böse Gerüchte über ihn, seinen ehemaligen Lehrherrn, verbreitete. Und später betrog er die Leute, indem er sie mit minderwertigen Produkten behandelte, die er vorher heimlich in teure Flaschen umgefüllt hatte. Ganz zu schweigen davon, dass er beim Färben stets den Haaransatz »vergaß«, damit die Kunden möglichst bald wiederkommen mussten. Und das zu völlig überzogenen Preisen.
Aber ich will ehrlich sein. Als ich Jens so mausetot da liegen sehe, empfinde ich doch etwas Mitleid.
»Was ist denn passiert?«, frage ich die Hauptkommissarin, die übrigens dringend einen neuen Haarschnitt vertragen könnte, mit heiserer Stimme.
»Nun, wie es aussieht ist Herr Schmidt, so seltsam es klingen mag, in einem der Haarwaschbecken zu Tode gekommen.« Anja Richter mustert mich aufmerksam. »Jemand muss nach Ladenschluss Herrn Schmidts Gesicht so lange in das gefüllte Becken gedrückt haben, bis er buchstäblich ertrunken ist. Frau – Rothaus, wann haben Sie gestern Abend den Salon verlassen? Und kann jemand bezeugen, was Sie danach gemacht haben?«
Draußen sehe ich Herrn Zweigelt, wie er aufgebracht versucht, sich Einlass in den Salon zu verschaffen.
»Mein Freund hat mich am Laden abgeholt, danach sind wir zu mir nach Hause gegangen«, erkläre ich der Hauptkommissarin. »Hier ist seine Handynummer. Er wird es Ihnen bestätigen.«
»Oh mein Gott!«, stammelt Werner Zweigelt, als ihn ein Polizist in den Salon begleitet. »Gerade habe ich gehört, was passiert ist, da bin ich sofort ...«
»Gehört, sind Sie sicher, Herr Zweigelt?«, unterbricht ihn Anja Richter scharf. »Ich denke, Sie haben nicht nur gehört, sondern auch gesehen. Immerhin steht Ihr Name als letzter Kunde in Herrn Schmidts Terminbuch.«
Der alte Friseurmeister beginnt aufgebracht an seinem Goldkettchen zu nesteln, an dem eine kleine geöffnete Schere baumelt. »Natürlich steht mein Name dort«, faucht er. »Es war ja auch höchste Zeit, dass ich das Bürschchen mal wieder zur Rede stellte. Mit seinen rufschädigenden Geschichten, die er hier unter der Kundschaft verbreitet, treibt er mich noch in den Ruin. Und das passiert ausgerechnet mir, bei dem sich noch vor kurzer Zeit Fabrikanten-Gattinnen, Schauspielerinnen und der Bürgermeister die Klinke in die Hand gaben. Inzwischen sind sie doch alle zu diesem Scharlatan übergelaufen.«
Er atmet tief durch und zuckt erschrocken zusammen, als sich die Tür des Personaleingangs öffnet.
Wären die Umstände nicht so ernst, hätte ich mich wie die Nebendarstellerin einer Boulevard-Komödie am Theater gefühlt. Alle Augen richten sich plötzlich auf Dieter, der hier gut den Verwandten aus Amerika abgeben könnte. Mit einem groß gemusterten Sweatshirt, Strohhut und einem bunten Trolley steht er unvermittelt da, blickt mit schreckgeweiteten Augen auf seinen toten Bruder, über den gerade ein großes Tuch gebreitet wird.
»Du liebe Güte, was für ein schlimmes Ende meiner schönen Reise«, flüstert Dieter und sackt auf einem Sessel in sich zusammen. »Merkwürdig, schon auf dem Rückflug hatte ich das seltsame Gefühl, dass hier etwas nicht stimmt. Deshalb habe ich dem Taxifahrer am Flughafen gesagt, er soll mich so schnell wie möglich hierher fahren, was er auch tat. Noch nie hat das einer in zwölf Minuten geschafft.«
Anja Richter runzelt die Stirn. Ich würde meine nagelneue Werkzeugtasche dafür geben zu wissen, was sie über uns alle denkt. Zum Glück hält sie mit ihrer Einstellung nicht lange hinter dem Berg und verrät uns sofort, wer des Mordes an Jens Schmidt dringend verdächtig ist. Wer hat sich verraten?

Wiebke Sundermann

Illustrationen: Karin Zander (2)