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Mittwoch, 23. Mai 2012
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Dämonen der Eifersucht

Kurzkrimi

Er wusste nicht, wie lange er bereits in der Dunkelheit kauerte. Eine ganze Weile wohl, denn inzwischen hatten sich seine Augen einigermaßen an das Grau in Grau gewöhnt. Die hellen Fliesen konnte er erkennen, ebenso das neue Waschbecken. Auch die kleine, weiße Rattankommode eroberte sich langsam ihre Konturen zurück. Alles Übrige jedoch hielt die Finsternis vor ihm verborgen.
Er saß ein wenig nach vorn gebeugt, die Ellbogen auf die Oberschenkel gestützt, die Hände wie zur inneren Einkehr vereint. Gab es einen Grund für ihn zu beten? Er überlegte, horchte in sich hinein, aber eine eindeutige Antwort auf die Frage fand er nicht. Vermutlich verharrte er nur deshalb in dieser Position, weil der Hocker ihm eine bequemere Haltung unmöglich machte. Er hatte zugelegt in den letzten Jahren, in diesem Punkt musste er ihr Recht geben. »Du lässt dich gehen. Und deinem Herzen tut der viele Wein auch nicht gut.« Zweifellos war der Wein Gift für ihn, aber zumindest dieses Gift hatte er frei gewählt.
Er strich mit der Sohle leicht über den nassen Fußboden, die Feuchtigkeit fraß sich durch das Leder wie ein böses Geschwür. Auch sein Anzug hatte jede Menge Spritzer abbekommen, er würde ihn wohl reinigen lassen müssen. Außerdem begann er zu schwitzen. Erstaunlich, wie warm es werden konnte in einem Badezimmer, wenn Heizungsluft und Wasser aufeinandertrafen. Er richtete sich auf und zog sein Jackett aus. Bei jeder Bewegung knarrte der Schemel unter ihm. Wann würde der andere Mann kommen? Welche Zeit hatte sie ihm genannt? Kurz vor acht geht er zu seinem Skatabend.

Er konnte sich noch gut an den Tag erinnern, an dem er sie kennengelernt hatte. Sie besuchte dieselbe Vorlesung wie er, schon seit Längerem war sie ihm aufgefallen. Sie saß in der Regel in einer der ersten Reihen, und dann betrachtete er sie von hinten, verfolgte jede ihrer Regungen und wartete gespannt auf den Moment, wenn sie ihren Kopf zur Seite drehte, das Profil ihm zugewandt. Er hatte nicht zu träumen gewagt, ihr jemals näherzukommen. Eine wie sie würde nicht einfach neben ihm Platz nehmen und ein Gespräch mit ihm beginnen – und doch tat sie irgendwann genau das.
Er hätte dieser Laune des Schicksals von Anfang an misstrauen müssen. Er hätte sich denken können, dass früher oder später auch andere ein Auge auf sie werfen würden. Dass allein ihre Schönheit reichte, Nebenbuhler auf den Plan zu rufen. Was sollte sie schon an ihm finden? Er war nicht sonderlich attraktiv, schon damals nicht, und mit einer Extraportion Charme konnte er ebenso wenig beeindrucken. Ganz im Gegensatz zu den Tänzern des Ballettensembles, mit denen sie beinahe jede freie Minute verbrachte, seitdem sie als Regieassistentin an der Oper tätig war. Vertraust du meiner Liebe wirklich so wenig?

Als die Hitze nicht nachließ, knöpfte er sich das Hemd auf. Sein Blick ging zur Badewanne, deren Umrisse er im Dunkeln mittlerweile auszumachen glaubte. In einer Zeitschrift hatte er mal gelesen, dass auch Passivität ein aggressives Moment enthalte. Dass es eine Spielart von Nötigung darstelle, die den anderen zur Aktion zwinge. Hatte er sie etwa genötigt, ihn zu betrügen? Hätte er sie ausdrücklich und auf Knien darum bitten sollen, es nicht zu tun?

Er hatte sich in den nächsten Monaten nach Kräften bemüht, seiner Eifersucht Herr zu werden. Tatsächlich deutete nichts in ihrem Verhalten auf einen Liebhaber hin. Und wann immer sich die Gelegenheit für sie bot, ließ sie ihn an ihrer Arbeit teilhaben, führte ihn in den Kreis ihrer Kollegen ein oder nahm ihn zu den Aufführungen mit. So bekam er langsam eine Ahnung von der Faszination ihres Berufs. Er lernte das Strahlen in ihren Augen richtig zu deuten, wenn sie von der Oper nach Hause kam. Und er gewann wieder Vertrauen in ihre Gefühle für ihn. Er war sogar kurz davor, sich seiner Unterstellungen zu schämen. Aber dann beging sie gestern diesen dummen, unverzeihlichen Fehler.
Sie muss sich sicher gewesen sein, dass er noch nicht zu Hause war. Bei ihrer Heimkehr war sie offenbar ungeduldig in Erwartung auf den heutigen Abend – er konnte ganz genau hören, wie sie, vermutlich noch im Mantel, mit schnellen Schritten das Zimmer durchquerte, stehen blieb und nach einer Pause ungewollt ihr Geständnis ablegte: »Ich bin’s. Also, er geht morgen zu seinem Skatabend … Ja, kurz vor acht, wir haben also Zeit, er ist nicht vor elf zurück … Nein, ich bin mir sicher, absolut … Ich will es so … Schön … Ich freue mich.«

Wenn er es recht besah, hatte sie sich selbst gerichtet. Er hatte nichts anderes getan, als sich auf diesen Hocker zu setzen und ihr stumm in die Augen zu schauen, während sie in der vollen Wanne lag. Ob er nicht allmählich losmüsse, hatte sie noch gefragt. Dann verschwand langsam das Lächeln aus ihrem Gesicht.
Dass sie am Ende nervös wurde, war verständlich – immerhin waren es nur noch wenige Minuten bis acht Uhr, und er war immer noch da. Sie wurde sogar so nervös, dass sie mit ihrer Hand mehrmals gegen das Stromkabel des Radios stieß, das sich auf der Wannenablage befand und einen Evergreen spielte. Immer wieder kam sie dagegen, immer mehr verkürzte sich der Abstand des Geräts zum Wasser. Bis der Apparat schließlich hineinfiel.

Wenige Sekunden, nachdem er die Sicherung wieder eingeschaltet hatte, klingelte es an der Wohnungstür. Da war er also, ihr Geliebter. Wer mochte es sein? Einer der Tänzer? Ingo, der Pianist? Oder womöglich der Choreograf? Er öffnete die Tür – und da standen sie, alle. Sie und noch ein paar andere aus der Truppe. Männer wie Frauen. Und keiner von ihnen konnte sein Erstaunen verbergen.
»Na super – die Überraschung ist ja wohl voll danebengegangen.«
»Was … was für eine Überraschung?«, fragte er mit zitternder Stimme.
»Na, du solltest doch eigentlich weg sein! Sagte Claire jedenfalls. Und wir wollten … na ja, wir wollten eine kleine Party für dich vorbereiten. War ihre Idee. Zum Geburtstag. Du hast doch morgen Geburtstag, oder?«

espa