Artikel dieser Ausgabe aus Freizeit
Meine Gesundheitsapotheke
Alles auf die Sechs
Ratekrimi
Bist du bereit für die Spielbank, Silke?“, fragte Sabine und setzte ihr Champagnerglas ab, um sich sorgfältig die Nase zu pudern. Sie hatte ein hervorragendes Gefühl. Heute würde es passieren. Heute, das fühlte sie, würde etwas Aufregendes geschehen. Endlich.
Dabei zählte der heutige Abend jetzt schon eindeutig zu den besten, die die Sekretärin in ihren vierundzwanzig Jahren erlebt hatte. Bei einem Preisausschreiben hatte sie eine Minikreuzfahrt auf der Ostsee für zwei Personen gewonnen. Achtundvierzig Stunden durfte sich Sabine mit ihrer Freundin Silke an Bord der luxuriösen „Dream of Happiness“ vergnügen und mittags und abends an einem Buffet laben, an dem sich sämtliche Einwohner ihres Heimatdorfs eine Woche lang hätten satt essen können.
Natürlich standen ihnen auch die Wellness-Etage, vier Discos, fünf verschiedene Bars sowie die Spielbank des Kreuzfahrtschiffs kostenlos zur Verfügung.
„Und du bist sicher, dass du die Croupiers zum Erblassen bringst?“, grinste Silke. Sie tuschte sich gerade zum dritten Mal die Wimpern. „Warst du überhaupt schon einmal in einem Casino?“
„Nein“, entgegnete Sabine und sah nachdenklich aus dem Kabinenfenster auf die winterliche Ostsee. „Aber ich dachte mir, wer kein Glück in der Liebe hat, hat es im Spiel. Sagt man nicht so?“
***
Die Kugel rollte. „Rien ne va plus! Nichts geht mehr, meine Damen und Herren!“ Nun war es zu spät, Chips aufs Spielfeld zu setzen.
Mit einem freundlichen Lächeln blickte Croupier Lars Ritter in die Runde. Es hatten sich nicht sehr viele Kunden um seinen Roulette-Tisch geschart. Kein Wunder. Es waren nur noch zwei Wochen bis Heiligabend. Da hatten die Leute anderes im Sinn, als ihr mühsam verdientes Weihnachtsgeld zwischen Oslo und Kiel auf den Kopf zu hauen.
„Das letzte Aufgebot“, sagte Lars Kollege Rolf, ein Barmann Ende fünfzig, in solchen Fällen immer. Ihn traf es dieses Jahr besonders hart: Die Reederei hatte ihm zum Jahresende gekündigt. Eine Sparmaßnahme, hieß es.
Mit mühsam unterdrücktem Grinsen beobachtete Lars zwei junge Blondinen in tief ausgeschnittenen, billigen Abendkleidern an seinem Tisch. Die eine hatte gerade Chips im Wert von zweihundert Euro auf der Sechs platziert und drückte ihrer Freundin nun nervös die Hand. Daneben stand ein bieder wirkendes älteres Ehepaar, das sich offensichtlich angeregt über die beiden jungen Frauen unterhielt.
Die silberne Kugel rastete ein und landete auf der Sechs, worauf die beiden Blondinen entzückt aufschrieen. Das Ehepaar wechselte einen langen Blick.
„O Silke, ist das nicht klasse?“, rief die Spielerin begeistert. „Wie viel habe ich jetzt wohl gewonnen?“
„Immer das Sechsunddreißigfache Ihres Einsatzes. Macht genau siebentausendzweihundert Euro. Könnte für eine Weltreise reichen.“ Die beiden Frauen fuhren herum. Die prompte Antwort kam von einem großgewachsenen Mann ihres Alters, der ihnen mit seinem Cocktailglas zuprostete. „Glückwunsch, die Damen!“
Lars Ritter schob der Gewinnerin mit seinem kleinen Rechen mehrere Stapel Chips zu.
„Faites vos jeux! Machen Sie Ihr Spiel!“, forderte der Croupier die Tischrunde erneut auf. Er beobachtete, wie die jungen Frauen tuschelten.
„Soll ich oder soll ich nicht?“, fragte die Gewinnerin ihre Freundin.
„Was meinst du?“, fragte die zurück.
„Alles
ich meine, alles noch mal auf die Sechs? Scheint sich ja um meine Glückszahl zu handeln.“ Die junge Spielerin kaute aufgeregt an den Fingernägeln, dann häufte sie alle vierzig Chips auf die Sechs.
Der junge Mann atmete hörbar aus. „Donnerwetter, Sie haben ja Mut!“, sagte er grinsend und deutete eine leichte Verbeugung an. „Wenn ich mich vorstellen darf: Martin de Conte!“
„Sabine Reuter, und das ist meine Freundin
Oh, Achtung!“, unterbrach sich Sabine und rempelte das Ehepaar an, das sich direkt am Spieltisch breitgemacht hatte.
Während die silberne Kugel ihre gemächlichen Kreise drehte, fühlte sich Sabine plötzlich aufgekratzt und beschwingt. Ein Gefühl, das sie so noch nie erlebt hatte. Da setzte plötzlich für einen Moment ihre Atmung aus.
„Sabine!!! Neeeiiin!!! Wieder die Sechs!!!“, kreischte ihr Silke ins Ohr. „Du Glückspilz! Lass uns runter in die Bar gehen. Ich geb Champagner aus!“
***
„Den werden wir schon kriegen, Frau Reuter“, beruhigte Kommissarin Wiegand die schluchzende Blondine mit den abgekauten Fingernägeln. „Die Dream of Happiness hat zwar in Kiel angelegt, doch die Polizei lässt keinen von Bord gehen, solange wir unsere Ermittlungen zum Diebstahl Ihrer Handtasche mit dem üppigen Gewinn nicht vorläufig abgeschlossen haben. Wobei es, unter uns gesagt, schon sehr leichtsinnig war, die Tasche auf den Bartresen zu legen.“
„Ich weiß“, schluchzte Sabine und tupfte sich mit einem zerknüllten Papiertaschentuch die schwarzen Reste ihres Make-ups von den Wangen.
Die Kommissarin ließ als Ersten den Barmann in das kleine Büro des Restaurantchefs eintreten.
„Rolf Mödlich, ist das richtig?“ Sie gab ihm die Hand.
Mödlich nickte und wischte sich mit dem Handrücken den Schweiß aus dem kleinen roten Gesicht. „Was ist denn passiert? Es soll jemand verschwunden sein?“
„Nein, Frau Reuters Tasche wurde vom Tresen gestohlen“, erklärte die Kommissarin.
Herr Mödlich schüttelte empört den Kopf. „Ist es nicht ganz schön leichtsinnig, eine Tasche mit über einer Viertelmillion Euro einfach so herumliegen zu lassen?“
Als Nächste wurde das Ehepaar Gerda und Klaus Damaschke vernommen, die Sabines Glücksträhne so hautnah mitverfolgt hatten.
„Wir feiern unseren vierzigsten Hochzeitstag hier“, erklärte Gerda Damaschke der Kommissarin spitz. „Nun hat uns Ihre Vernehmung die halbe Freude genommen.“
Als vorläufig letzten Verdächtigen knöpfte sich die Kommissarin Martin de Conte vor, der sich nervös die schmalen Finger knetete. Beim Blick auf seinen Personalausweis brach sie in schallendes Gelächter aus. „De Conte?“, fragte sie. „Hier steht Fritz Miefke! Kann es sein, dass Sie noch mehr zu verbergen haben?“
Kurze Zeit später ließ Kommissarin Wiegand eine verdächtige Person festnehmen – es bestand dringender Tatverdacht gegen sie, die Tasche von Sabine Reuter entwendet zu haben. Wer mag die Person gewesen sein?
Wiebke Sundermann





