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Mittwoch, 23. Mai 2012
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Allein unter Wölfen

Kinotipp: »Der fremde Sohn«

In »Der fremde Sohn« wird Angelina Jolie zum Opfer korrupter Behörden.
Kinostart: 22. Januar

Die Entführung des eigenen Kindes ist sicher der Albtraum einer jeden Mutter und eines jeden Vaters. Was allerdings die allein erziehende Mutter Christine Collins im Los Angeles des Jahres 1928 erlebt hat, übersteigt die Vorstellungskraft.

Hollywoods Altstar Clint Eastwood hat sich als Regisseur eines brisanten Stoffes aus der vermeintlich goldenen Ära angenommen und zeigt seinem Publikum nach hochgelobten Filmen wie Mystic River und Million Dollar Baby ein weiteres filmisches Meisterwerk mit schwer verdaulichem und umso eindringlicherem Inhalt.

Spurlos verschwunden
Morgens noch verabschiedet sich Christine von ihrem neunjährigen Sohn Walter, um ihrer Arbeit als Telefonistin nachzugehen. Als sie am Nachmittag heimkommt, ist Walter unauffindbar. Während für sie klar ist, dass ihr Sohn nicht einfach nur herumstreunt, beschwichtigt die Polizei sie und meint, sie solle abwarten, er werde schon bald wieder unversehrt auftauchen. Aber auch Monate später bleibt Walter verschwunden.

Fünf Monate lang ist keine Spur zu finden, was nicht nur bei Christine, sondern auch in der übrigen Bevölkerung für Empörung sorgt. Umso erfreuter ist die Polizei, als sie hunderte von Kilometern entfernt einen Jungen findet, auf den die Beschreibung passt. Unter großem Medieninteresse findet die Übergabe statt. Christine glaubt ihren Augen nicht, denn dieser Junge kann nicht ihr Walter sein! Für die Polizei jedoch ist die Sache klar und der Fall abgeschlossen.

Aus dem Weg geräumt
Auf Drängen der Polizei nimmt sie den Jungen mit nach Hause, obwohl alle Fakten deutlich zeigen, dass es ein fremdes Kind sein muss. Nachdem sie die Polizeibeamten wiederholt aufgefordert hat, den richtigen Walter zu suchen, lässt Captain Jones die aufgebrachte Mutter gegen ihren Widerstand in die Psychiatrie bringen. Dort soll sie mit Medikamenten so lange ruhiggestellt werden, bis sie eine Erklärung unterschreiben wird, dass das Kind tatsächlich ihr Sohn Walter sei.

Einige Zeit später wird ein Mann festgenommen, der rund zwanzig Jungen entführt, misshandelt und getötet haben soll. Eines seiner Opfer ist allem Anschein nach der wahre Walter Collins. Christine kommt aus der Psychiatrie frei, und die Polizei von Los Angeles hat einen handfesten Skandal zu verantworten.

Der Film beruht auf wahren Begebenheiten und wurde von Regisseur Eastwood und Drehbuchautor Michael Straczynski sehr nah an den Fakten erzählt. Die Geschichte sei so haarsträubend, meint Eastwood, dass es gar nicht nötig gewesen sei, in die Trickkiste zu greifen. Im Gegenteil: Zuweilen entsteht sogar der Eindruck, dies könnte gar nicht die Realität sein. Daher habe er dem Drehbuch auch zahlreiche Belege beigefügt, so der Autor.

Ein bedrückendes Sittengemälde
Letztlich zeigt der Film, dass die so genannten »Goldenen Zwanziger« gar nicht so idyllisch waren, wie sie in vielen verklärten Bildern erscheinen. Korrupte Polizisten, unmenschliche Mediziner als Handlanger, eine allein erziehende Mutter im Kampf gegen die Bürokratie, eine Welt voll Angst, Gewalt und Unterdrückung. Der Film beschränkt sich nicht darauf, das persönliche Drama von Christine Collins und ihrem entführten Sohn Walter zu zeigen, sondern legt den Fokus auf die gesellschaftlichen Verwicklungen und Missstände.

In einer Zeit, in der die Frauen gerade anfingen, für ihre eigenen Rechte zu kämpfen, bekam Christine Collins den vollen Gegenwind einer männlich dominierten Welt zu spüren. Statt ihr zu helfen, versuchten die Behörden, die unbequeme Mutter ruhigzustellen und bedienten sich dabei letztlich sogar der Psychiatrie als Zwangsmittel. Dass ihr Schicksal kein Einzelfall war, erfuhr sie von den anderen Insassinnen der medizinischen Anstalt. Auch andere Frauen, die gegen die geltenden Normen aufbegehrten, wurden dort verschlossen, entmündigt und gewaltsam unterdrückt.

Der 78-jährige Clint Eastwood gehört seit Jahren zu den festen Größen in Hollywood. Machte er sich anfangs vor allem als wortkarger Cowboy einen Namen, so fiel er seit mehr als 30 Jahren auch und später vor allem als Regisseur von zumeist gefeierten Filmen auf. Er wurde zweimal als Schauspieler und zweimal als Regisseur mit dem Oscar
ausgezeichnet.

Jp

Fotos: UIP