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Mittwoch, 23. Mai 2012
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Artikel dieser Ausgabe aus Familie & Gesellschaft

Zwei Hände voll Leben

Interessante Berufe: Hebamme

Wenn Tage zu Glückstagen werden: Zu Besuch bei Hebamme Birthe Graefke.

Das ist das wundervolle Ergebnis, nachdem sie bis zwei Uhr morgens genau diese beiden Hände voll zu tun hatte! Jetzt ist es Punkt neun, das Ende einer 24-Stunden-Schicht auf Rufbereitschaft. Und obwohl sie selbst sagt, dass wirklich tiefer Schlaf nur dann möglich ist, wenn man keinen Dienst hat und nicht jeden Moment das Telefon klingeln könnte, wirkt die sympathische junge Hebamme Birthe Graefke fit und ausgeruht.

„Klar, es gibt diese und jene Momente“, erzählt die 29-Jährige und lächelt. Manchmal, so mitten in der Nacht, auf dem Weg zur nächsten Geburt, fragt sie sich schon, ob man sich nicht doch vielleicht besser einen 9-to-5-Job ausgesucht hätte. Wenn wenig später aber ein vor Glück weinender Vater in spe um eine Umarmung bittet und schließlich das kleine Bündel Mensch zum Vorschein kommt, dann weiß Birthe Graefke
wieder, warum sie das macht …

Mann kann das auch
Hebamme – was bedeutet das eigentlich genau? Sprachgeschichtlich gesehen ist es die Verbindung von „heben“ und „Ahnin“, also die „Großmutter, die das Neugeborene aufhebt“. Als Synonym gilt die Bezeichnung „staatlich geprüfte und anerkannte Geburtshelferin“, jedoch darf dabei nicht außer Acht gelassen werden, dass der Hauptanteil der geleisteten Arbeit in der Zeit „davor“ und „danach“ liegt: Betreuung, Beratung und Pflege der Frau während Schwangerschaft, Geburt, Wochenbett und Stillzeit.
Seit Ende der achtziger Jahre dürfen in Deutschland übrigens auch Männer diesen Beruf ausüben. Das Wort „Hebammer“ gibt es allerdings nicht. Während in Österreich „Hebamme“ auch für männliche Vertreter gilt, lautet die Bezeichnung hierzulande „Entbindungspfleger“, was dem breiten Tätigkeitsfeld dieses Berufes nur schwerlich gerecht wird.

In Deutschland gibt es rund 60 Hebammenschulen, die jeweils an eine Klinik angeschlossen sind. Die dreijährige Ausbildung verknüpft Theorie (wie Anatomie und Physiologie) und Praxis (die Arbeit im Kreißsaal, auf der Wochenstation und in der Kinderklinik) und endet mit einem staatlichen Examen. Über Fortbildungen besteht die Möglichkeit, sich als „Familienhebamme“ zu spezialisieren, denn bei gewissen medizinischen und/oder sozialen Risikofaktoren sind professionelle Hilfestellungen unerlässlich – für Baby und Eltern!

Kleine und große Wunder – Tag für Tag
Auch Birthe Graefke bekommt Einblicke in verschiedenste Wohnstuben. Aber blicken wir zunächst kurz zurück auf ihren Werdegang. Die gebürtige Lüneburgerin sammelte erste berufliche Erfahrungen als Kindermädchen in London. Während der zweiten Schwangerschaft ihrer Au-pair-Mutter wurde der Wunsch, Hebamme zu werden, geweckt. Es folgten die Ausbildung in Hamburg und einige Jahre Praxis an der Klinik sowie in freiberuflicher Tätigkeit. Nach einem Jahr als Inhaberin einer Hebammenpraxis im Hamburger Stadtteil Rahlstedt wagte Birthe Graefke der Liebe wegen einen Neustart im nördlichsten Zipfel Deutschlands. Seit Mai dieses Jahres arbeitet sie im Geburtshaus Flensburg.

Die außerklinische Einrichtung wurde, welches Datum könnte passender sein, am Muttertag im Jahr 2000 eröffnet. Das zwölfköpfige Team bietet eine allumfassende und – das ist der entscheidende Vorteil eines Geburtshauses – individuelle Betreuung in vertrauter Atmosphäre. Die Erfahrung zeigt, dass nach einer solch behutsamen und intensiven Vorbereitung auch die Geburten selbst deutlich entspannter verlaufen.

Birthe Graefke schätzt besonders den Austausch im Team. Diese ganz eigene Sprache und eine gehörige Portion Humor bilden das ideale Gegengewicht zum sonst so eigenverantwortlichen Arbeiten.
Erfahrung, Mut und Fingerspitzengefühl
Genau das, was man seinem Dreikäsehoch abzugewöhnen versucht, machen Hebammen in Perfektion: Sie „gucken“ mit den Händen. Hebammen wie Birthe Graefke sind sensible, lebensfrohe und robuste Persönlichkeiten.
Aufgrund der schonenden, oft homöopathischen Methoden zur Schmerzlinderung, wie zum Beispiel Akupunktur, haftet dem Beruf bis heute der Ruf des „Alternativen“ an. Hier muss Birthe Graefke protestieren. Den neuen Arbeitsplatz im Geburtshaus Flensburg hat sie gewählt, weil hier hochprofessionell und modern gearbeitet wird. Das Motto der Einrichtung lautet: „Qualifiziert, individuell, sicher“. Das Geburtshaus ist seit Mai nach der ISO-Norm 9001 zertifiziert und gewährleistet den geforderten Sicherheitsstandard.

Werdenden Eltern bleibt in der Regel die Wahl, ob die Entbindung im Krankenhaus, im Geburtshaus oder in den eigenen vier Wänden stattfinden soll. Der eine oder andere künftige Erdenbürger macht allerdings schon einmal einen Strich durch die Rechnung. Geburten im Fahrstuhl oder auch im Rollstuhl auf dem Weg vom Auto zur Eingangstür kommen hin und wieder vor. Aber so etwas gehört nun eben einmal zum nicht-alltäglichen Alltag einer Hebamme.

Ausbildung zur Hebamme
An knapp 60 Hebammenschulen deutschlandweit kann der Beruf erlernt werden. Alternativ ist seit 2008 auch ein Studium möglich.

tide

Fotos: www.one-part-of-life.de