Artikel zum Thema Familie&Gesellschaft

 
Sie sind hier: Familie & Gesellschaft / Artikel
Freitag, 03. September 2010
...

Artikel dieser Ausgabe aus Familie & Gesellschaft

Wenn Zahlen quälen

Rechenschwäche - ein durchaus verbreitetes Phänomen unter Kindern.

Rechenschwäche, auch Dyskalkulie genannt, ist die weniger bekannte Schwester der Legasthenie. Dabei tritt eine Rechenschwäche ähnlich oft auf, denn zirka fünf bis sechs Prozent aller Kinder leiden an Rechenschwäche. Demnach sitzt in jeder Grundschulklasse mindestens ein rechenschwaches Kind.

Lucas – ein rechenschwacher Schüler
Lucas ist ein normaler Junge in der zweiten Klasse, der gute Leistungen bringt, selten Flüchtigkeitsfehler macht und keinesfalls faul ist. Nur beim Rechnen versagt er auf ganzer Linie. Seine Eltern und Lehrer stellt er beim Lösen von Matheaufgaben immer wieder vor ein Rätsel: Bei der Aufgabe 63 – 59 = ___ bekommt er nicht »4« heraus, sondern »16«, und jeder fragt sich, wie das nur sein kann. Das Üben zu Hause hat keine Fortschritte gebracht, dafür verzweifelten die Eltern immer mehr.
 
Seit Kurzem ist klar, dass der Junge rechenschwach ist. Dabei erklärte er in der Diagnostik, wie er rechnet: Er rechnet zunächst bei den Zehnerstellen: 6 – 5 = 1 und dann die Einerstellen: 9 – 3 = 6 (denn 3 – 9 »geht ja nicht«). Die Teilergebnisse zusammengefügt ergibt dann 16. Sehr logisch gedacht – jedenfalls in Lucas’ eigener »Mathewelt«.

Rechenschwäche – was ist das eigentlich?
Rechenschwäche ist eine Entwicklungsverzögerung des mathematischen Denkens und bedeutet, dass Kinder basale mathematische Inhalte nicht ausreichend erfasst haben. Dieses fehlende Wissen kompensieren betroffene Kinder durch subjektiv richtig erscheinende Herangehensweisen an mathematische Probleme, mit denen sie regelmäßig im Schulunterricht scheitern.

Typische Strategien sind hierbei zählendes Rechnen, wobei sich viele Kinder immer wieder um eins vertun, oder Vertauschungen bei der Schreibung zweistelliger Zahlen.

Hinzu kommt, dass viele Kinder fehlerhafte Lösungen wie 12 – 5 = 13 nicht erkennen können. In diesem Fall hat das Kind sich an die Regel »von der größeren Zahl die kleinere Zahl abziehen« gehalten und 5 – 2 = 3 gerechnet und im Ergebnis festgehalten.

Konsequenzen für das Leben
Der Schulerfolg von Kindern mit Rechenschwäche ist beständig bedroht, weil das Fach Mathematik logisch aufeinander aufbaut. Später zu lernende Inhalte können nicht erarbeitet werden, wenn das Grundlagenwissen fehlt. Hinzu kommt, dass dem Fach Mathematik in der Schule und im späteren Leben in Berufsausbildung und alltäglicher Lebensbewältigung große Bedeutung zukommt. So wird die Rechenschwäche zu einem dauerhaften Stolperstein für den schulischen Erfolg in Mathematik und auch anderen Bereichen.

Weitere Sekundär-Symptomatiken wie zum Beispiel Schul- und Prüfungsangst, Verweigerungshaltungen und psychosomatische Phänomene wie Magen- und Kopfschmerzen können hinzutreten und das schulische Lernen allgemein beeinträchtigen.

Förderung bei Rechenschwäche
Rechenschwäche muss nicht bleiben. Sie wächst sich aber auch nicht von alleine aus. Dr. Michael Wehrmann, Leiter des Instituts für mathematisches Lernen Braunschweig, verweist auf die Gefahr, dass »die Dyskalkulie bis in höhere Klassen bestehen bleibt, wenn die Probleme nicht erkannt werden.«

Eine Therapie der Rechenschwäche hat die Aufgabe, das mathematische Verständnis des rechenschwachen Kindes von Grund auf neu zu erarbeiten. Diese Therapie muss sich an der Lernausgangslage des betroffenen Schülers orientieren. Deswegen gibt es keine einfachen Standardantworten. Denn jedes rechenschwache Kind hat seine eigenen Probleme, Schwierigkeiten und Stärken. Hierbei wird, ausgehend vom Kind und seinem (Miss-)Verständnis, ein adäquates mathematisches Wissen und Verstehen erarbeitet.

Dies ermöglicht es dem Kind, in Zukunft das Lernangebot der Schule im Fach Mathematik eigenständig zu nutzen. Denn eine Wiederherstellung des Lerninteresses und Lerneifers im Fach Mathematik kann nur durch tatsächliche Lernerfolge gelingen. Sekundäre psychosoziale Probleme können so durch tatsächliche Erfolge überwunden werden.

Aljoscha Jegodtka,
Leiter des Instituts für Therapie der Rechenschwäche, Lübeck


Beratungsstellen zum Thema »Rechenschwäche«
Schleswig-Holstein
Institut für Therapie der Rechenschwäche Lübeck, Holstenstraße 1 - 3, 23552 Lübeck, Tel. 0451 7 07 82 03, www.itr-luebeck.de

Mecklenburg-Vorpommern
Zentrum zur Therapie der Rechenschwäche Gatschow 21, 17111 Beggerow, Tel. 039996 7 90 36, www.ztr-rechenschwaeche.de

Zählspiele machen Rechenlösungen anschaulich.
Aljoscha Jegodtka mit einem seiner Klienten.