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Mittwoch, 23. Mai 2012
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Artikel dieser Ausgabe aus Familie & Gesellschaft

Wenn das Meister Röhrich wüsste …

Das Multitalent Andi Feldmann

„Röhrich? Welcher Röhrich?“ Diese Frage kann nur der stellen, der nicht zur eingeschworenen Fangemeinde der in den norddeutschen Niederungen beheimateten Comicfigur Werner zählt.

Allen anderen aber ist der Biker mit der langen Nase und dem sehr eigenwilligen Vokabular (z. B.  „Flaschbier“ statt Flaschenbier) mehr als nur ein Begriff, ebenso Werners legendärer Lehrherr Meister Röhrich. Und natürlich weiß jeder „Werner“-Freund auch um seinen Schöpfer Rötger Feldmann alias Brösel. Aber gibt’s da nicht noch einen? Eben – und das ist Bruder Andi, ein Mann mit äußerst vielen Talenten.

Fast alles ist möglich

Geschichtenerzähler, Synchronstimme, Eisenbieger, Rohrflechter, Metall-Artist, Auto- und Motorraddesigner. Andi Feldmann ist der personifizierte Schweißdraht, ein hochkreativer Geist, der seinen Ideen mit Trennscheibe und Schweißbrenner eiserne Gestalt verleiht. Was sein Bruder Rötger alias Brösel mit dem Zeichenstift auf Papier und Zelluloid lebendig werden lässt, wird bei Andi Feldmann monumentale Realität. Seine teilweise skurrilen Fahrzeuge sind PS-durchtränkte Anachronismen in einer Zeit schwindender fossiler Energien. Wer kennt sie nicht,
die zahlreichen Motorräder, Automobile und sonstigen Fortbewegungsmittel, die er erdacht und gebaut hat?

Das ist die eine Seite. Doch in Andi Feldmanns Werkstatt, die wie ein Relikt aus den Filmwelten von „Mad Max“ anmutet, entstehen auch bizarre, einzigartige Einrichtungs- und Wohnkunstwerke wie Tische, Stühle, Bettgestelle, kleine Schränkchen und Regale. Sogar komplette Büroeinrichtungen sind dort zu finden.

Eine Klasse für sich sind seine kunstvollen Skulpturen, und die lassen sich nur schwerlich auf einen begrifflichen Nenner bringen. Schwer und klotzig im Material (Eisen, Stahl und andere Metalle kommen zum Einsatz) präsentieren sie sich sehr vielgestaltig: Mal sind sie klein, dann wieder groß, und was ihre äußere Erscheinung betrifft, reicht das Spektrum von matt, rostig, scharfkantig, zerrissen und hässlich bis weich, filigran und wunderschön.

„Handwerklich habe ich mich selbst beeindruckt“

Andi Feldmann war bisher zögerlich, wenn es darum ging, seine Werke einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Sie sind eben etwas ganz Persönliches, kaum käuflich, fanden eher einmal als Geschenk den Weg zu Freunden, die sich glücklich schätzen, einen echten Andi Feldmann zu besitzen. Doch Holger Henze bzw. „Holgi“ (eine weitere Figur aus den „Werner“-Comics, die auf ein Urgestein in der Kieler Kneipenszene zurückgeht) hat Andi umgestimmt. Die beiden bereiten nun eine Ausstellung vor, die ab Frühjahr 2007 in Kiel gezeigt werden soll.

Wenn es allerdings darum ging, seine Vaterstadt Kappeln in Eisen und Stahl zu vertreten, ließ Andi Feldmann sich nicht lange bitten: Im Auftrag des Landes Schleswig-Holstein und einer Wohnungsbaugesellschaft entwarf und realisierte er in Zusammenarbeit mit Joseph Gerats aus Loiterau ein Kappelner Stadtpanorama aus Kupfer, Messing und Stahl, das man im Eingangsbereich eines Hochhauses im Kappelner Stadtteil Ellenberg bewundern kann. Ein sehenswertes Kunstwerk, das in filigraner Schlichtheit so viele Geschichten erzählt, dass es kaum einen der zahlreichen, vorbeieilenden Passanten gibt, der nicht stehen bleibt und sich von der besonderen Kraft dieser kleinen Metallstadt angezogen fühlt. Dazu Andi, typisch Feldmann: „Handwerklich habe ich mich selbst beeindruckt.“

Für ein Begegnungszentrum im gleichen Stadtteil schuf er eine Eingangs- und Informationsplastik, die mit ihren figürlichen Darstellungen eine beschwingende Lebendigkeit und Fröhlichkeit ausstrahlt. Ein weiterer Entwurf für ein sieben Meter hohes Monument für die Schleifischer liegt dem Kappelner Stadtrat zur Verabschiedung vor.

Zurzeit arbeitet Andi Feldmann an der stählernen Interpretation einer Gorch-Fock-Schiffsplastik, die als Unterbau für den hölzernen „Albatros“ –
die ehemalige Galionsfigur des Schulschiffes –
ein Gesamtkunstwerk darstellt und als Bindeglied zwischen der Stadt Kappeln und der scheidenden Marine auf einem der städtischen Plätze einen ehrenvollen Standort finden wird.

Von wegen gammeln

„Gammeln am Strand, Buddel in der Hand …“, heißt es so schön in einem der Wernerfilm-Songs. Letzteres trifft für Feldmann sicher zu, aber gammeln? Dazu hat er keine Zeit. Zwanzig Stunden Arbeit am Tag sind keine Seltenheit. Arbeit und Leben bilden bei Feldmann eine Symbiose. Von Berufung und Besessenheit gleichermaßen durchdrungen kennt Feldmann kaum eine Pause. Wenn er eine macht, dient sie eigentlich nur dazu, wieder neue Ideen zu ersinnen, die auf ihre Umsetzung warten, und da kann er kaum gegenanarbeiten.

Ist in den Büchern und Filmen „Werner“ der Lehrling, so war es im richtigen Leben Andi Feldmann, der in seiner Lehrzeit den Meister zur Verzweiflung brachte und den Stoff für so viele Geschichten lieferte. Von Andi Feldmanns Lern- und Arbeitsfähigkeit war der längst verstorbene Meister Schurich, der als „Röhrich“ zur Legende wurde, wenig überzeugt. Was würde er wohl antworten, wenn man ihn heute um ein Urteil über die vielfältigen Fähigkeiten und den fast manischen Fleiß seines einstigen Lehrlings bitten würde?

Dass Andi ein hervorragender, äußerst vielseitiger Handwerker ist, daran gibt es wohl keinen Zweifel. Und wenn Kunst auch Ausdruck von inneren Befindlichkeiten, Träumen, Wünschen, kleineren und größeren Botschaften ist, dann ist Andi Feldmann sicher ein ganz außergewöhnlicher Künstler.

Wer mehr über Andi Feldmann erfahren möchte, kann per E-Mail Kontakt aufnehmen – vielleicht kommt ja eine Antwort: giebkitt(at)aol(dot)com

cs

Fotos: Claudia Heckl, Andi Feldmann