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Mittwoch, 23. Mai 2012
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Artikel dieser Ausgabe aus Familie & Gesellschaft

Von den Dächern gepfiffen

Tier und Mensch: Spatz

Lüntje oder Lünken – keck gibt er unter diesem Namen im Norden Laut. Und pfeift auf Titel wie Korndieb oder Mistfink: Die Rede ist vom Sperling, unserem Spatz.

Rund um den Globus leben etwa 500 Millionen Exemplare der kleinen Vögel, außer in den Polargebieten noch in Teilen Nordsibiriens, Chinas und Süd­ostasiens sowie in Japan, im tropischen Afrika und in Südamerika. Es gibt 36 Arten, davon sind genau drei bei uns heimisch: der Feldsperling, der Schneefink und der Haussperling, insgesamt vier bis zehn Millionen Paare.

Der Spatz ist ein Kulturfolger. Das heißt, er lebt gern in der Nähe der Menschen, folgt ihrer Gesellschaft in die Städte, in die Dörfer und aufs Land. Überzeugt hat den Piepmatz wohl einst unser ganzjähriges Angebot an Sämereien und Getreide. Dazu die guten Nistmöglichkeiten wie Mauernischen, Schlupfwinkel unter Vordächern oder Dachpfannen, in Nistkästen oder Schwalbennestern. Selbst in Storchennester zieht der freche Vogel gelegentlich zur Untermiete ein.

Guten Morgen, Mensch!
Etwa 18 Minuten vor Sonnenaufgang: Das Spatzenmännchen, 16 Zentimeter groß, 30 Gramm leicht, mit einer Flügelspannweite von 23 Zentimetern, pumpt Luft in seinen fesch aufgeplusterten schwarzen Brustlatz, legt den großen Kopf zurück – und ist bereit für ein herzerfrischendes Ständchen. Ob rhythmisch „schielp“, „tschuip“, „tschirrip“ oder knapp „iag iag“, „drüü“ und „kew kew“, mal monoton laut, mal nasal langgezogen, mal lockend oder warnend – die Lautmalereien des Pfeifers fordern die ganze Kreativität der Hobby-Ornithologen.

Der freche Bänkelsänger verkündet uns nicht nur den Tagesbeginn, er liefert auch allerlei Stoff für Weisheiten: Im Chor pfeift er gerne mal von den Dächern, und oft ist es besser, einen von ihnen in der Hand zu haben als eine Taube auf dem Dach. Auf dem Teller landet er allerdings nicht, weder als Spätzle noch unter einer anderen Bezeichnung …

Familie Spatz
Von Mitte Februar bis März dreht sich alles um die Familie. Um die Planung kümmert sich Herr Spatz, schließlich will die Braut umworben sein! Ein geschütztes Kugelnest aus Gras, Stroh, Wolle, Lumpen oder Papier und eine stolze Gesangseinlage führen sicher ans Ziel. Frau Spatz kommt zur Inspektion, steckt kurz den hellen Kopf herein, und ist sie überzeugt von der Brutstätte aus Grashalmen und weichen Federn, so willigt sie ein in eine meist lebenslange Partnerschaft.

Von April bis August zieht das Spatzenpaar bis zu fünf Bruten auf. Die Eltern wechseln sich 10 bis 15 Tage lang beim Brüten ab. Dann beginnt für die Jungen die Nestlingszeit – etwa 14 Tage Vollpension. Denn in den ersten Tagen bekommen die Spätzchen ordentlich was auf die Rippen gefüttert: Insekten und Raupen von Insekten. Bereits innerhalb weniger Stunden sind die Kleinen dann flugfähig und können das Nest verlassen.

Fitness, Fast Food und Wellness
Neben der Familie steht das gesellige Leben ganz oben auf dem Freizeitplan der Spatzens. Dabei kommt die gemeinschaftliche Nahrungsaufnahme nicht zu kurz. In kleinen Trupps wird gefressen – übrigens mit Manieren: Ist eine Nahrungsquelle aufgetan, werden zuerst die anderen herbeigerufen, dann beginnt das große Futtern. Ganz oben auf der Speisekarte stehen Weizen, Hafer und Gerste. Dreißig Prozent der Gesamtnahrung machen Insekten aus. Auch für Fast Food hat der Spatz etwas übrig: An Imbissbuden wird er zum Allesfresser.

Sperlinge haben eine große Badekultur. Und je sonniger die Badestätte, desto freudiger wird geplantscht. Auf das Wasserbad folgt ein wohliges Staubbad gegen lästige Federparasiten. Die Gefiederpflege rundet die Spatzen-Wellness ab. Das Sportliche? Bis zu 60 Stundenkilometer schnell fliegt der Vogel, dabei flattern die Flügel 13 Mal in der Sekunde auf und ab. Hätten Sie es gewusst? Ein Sperling geht auch in der Luft auf Insektenjagd – nicht sehr elegant, aber mit Erfolg.

„Vogel des Jahres 2002“
Obwohl er in großer Zahl bei uns lebt, steht der Haussperling auf der Vorwarnliste der gefährdeten Arten. Denn sein Bestand ist in den letzten Jahren zurückgegangen. Das liegt zum einen daran, dass die moderne Architektur in unseren Städten kaum mehr Nistplätze bietet. Zum anderen bleibt nach dem Einsatz von effektiven Erntemaschinen nur noch wenig verwertbare Nahrung auf den Feldern zurück.

Wenn nun also morgen früh, 18 Minuten vor Sonnenaufgang, der muntere Meistersänger vor Ihrem Schlafzimmerfenster mal wieder trällert und seiner Liebsten ein Ständchen pfeift, wenn Sie sich das nächste Mal grummelnd Ihr Kissen über die Ohren ziehen – seien Sie nachsichtig!

mika