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Mittwoch, 23. Mai 2012
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Artikel dieser Ausgabe aus Familie & Gesellschaft

Unter bester Aufsicht.

Auf ein Gespräch mit Gisbert Ruhnke, Hafenkapitän und Leiter des Hafen- und Seeamts Rostock.

Irgendetwas fehlt noch, eine Kleinigkeit nur, dann wäre das Bild vollständig, dem Bilderbuch-Klischee Genüge getan. Die Pfeife vielleicht? Oder der schlohweiße, perfekt gestutzte Vollbart? Egal, Gisbert Ruhnke braucht weder das Eine noch das Andere. Dem groß gewachsenen Mann mit der imposanten Statur und sonoren Stimme nimmt man den »Seebären« dennoch auf den ersten Blick ab.

Als solcher steht er allerdings schon länger nicht mehr auf der Brücke eines Schiffes; vielmehr hat ihn die Arbeit des Hafenkapitäns und Leiter des Hafen- und Seemannsamts vor acht Jahren gewissermaßen an Land gespült – genauer gesagt: in den ersten Stock eben dieser Einrichtung, die fast unscheinbar zwischen vielen anderen Gebäuden im Überseehafen von Rostock ihren Pflichten und Aufgaben nachgeht. Bedenkt man deren Zahl und Bedeutung, stünde Ruhnkes Schreibtisch der Platz in einer sechsten oder siebten Etage durchaus gut zu Gesicht. Den Überblick verliert er trotzdem nicht.

Hier wird viel umgeschlagen.
Man sollte meinen, dass die Überwachung eines einzigen Hafens bereits genügend Herausforderungen mit sich bringt – Rostock besitzt aber gleich mehrere. Da ist etwa der Fracht- und Schiffe­reihafen, wo unter anderem Holz und Düngemittel verladen werden, des Weiteren gibt es den Chemiehafen, dann natürlich den Stadthafen ohne nennenswerten Umschlagverkehr und allen voran den Seehafen, der es zurzeit auf rund 25 Millionen Tonnen Umschlag jährlich bringt. »Damit stehen wir an vierter Stelle bundesweit.«

Wo derart viele Waren umgeschlagen werden, bestehen natürlich auch viele Risiken, die es zu bedenken gilt. Nicht zuletzt der rapide Anstieg des Gefahrenguttransports macht eine Rund-um-die-Uhr-Aufsicht erforderlich, um beispielsweise im Fall einer Ölhavarie sofort reagieren zu können. Aus diesem Grund zählt die Ordnung und Sicherheit des gesamten Hafenbetriebs zu den Schwerpunktaufgaben des Amts, dem Ruhnke vorsteht. Doch es gibt noch mehr zu tun für die derzeit 20 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Hause.

Neben dem Bundesamt für Seeschifffahrt (BSH) in Hamburg ist Rostock die einzige Instanz in Deutschland, die mit allen Belangen rund ums Seemannspatent betraut ist. Ruhnke bezeichnet dies als die höherwertige maritime Qualifikation – zu Recht, denn das Bundesministerium für Verkehr definiert die Zulassung zu den unterschiedlichen Patenten nach äußerst strengen Kriterien.

Die Abnahme von Prüfungen steht hier ebenso auf dem Programm wie die An- und Abmusterung sowie natürlich die Ausstellung des Seefahrtbuchs. Hierfür beschäftigt Ruhnke zwei Frauen in seinem Team. Überhaupt, sein Team: Es sind ausnahmslos Menschen, die praktische Erfahrung aus der Seefahrt mitbringen. »Das ist extrem wichtig in diesem Bereich: Leute zu haben, die wissen, wovon sie sprechen. Auf meine Mannschaft kann ich mich hundertprozentig verlassen.«

Zwei Mal rund ums Kap der Guten Hoffnung.
Wovon er spricht, das weiß selbstverständlich auch dieser Hafenkapitän. Die Entscheidung, Matrose zu werden, trifft Ruhnke 1969. »Meine Eltern waren Landwirte, aber irgendwie hatte es mir die Seeluft angetan.« Zunächst macht er seine zweijährige Ausbildung zum Matrosen bei der Deutschen Seereederei Rostock (DSR), bei der er nach einer dreimonatigen Theorieschulung mehrfach praktische Erfahrungen auf Fracht- und Lehrschiffen Richtung Kuba und Mexiko sammelt. Danach fährt er zwei Jahre als Matrose und Bootsmann zur See. Nach einer anschließenden Fortbildung auf der Seefahrtsschule erhält er schließlich das Seemannspatent der Klasse A3. »Das war das so genannte kleine Patent, und das musste man dann als dritter und zweiter Nautiker zwei Jahre lang ausfahren.«

Während der dritte Nautiker die Überwachung aller Gerätschaften auf der Brücke einschließlich des Kartenmaterials sowie die korrekte Lichtführung zu verantworten hat, ist der Aufstieg zum zweiten Nautiker mit der Aufsicht aller Sicherheitsanlagen an Bord verbunden. Nicht zu vergessen die ärztliche Versorgung der Mannschaft, denn ein Arzt fährt auf Frachtschiffen nicht mit. »In heiklen Fällen haben wir uns natürlich über Notfunk mit einem Arzt der Uni Rostock kurzgeschlossen.« Jede Menge Verantwortung also, die den Nautiker jedoch nicht von seiner eigentlichen Aufgabe, nämlich während seiner Wache das Schiff zu steuern, entbindet.

Seine längste Tour, erinnert sich Ruhnke, führte ihn während seiner Ausbildungszeit gleich zwei Mal ums Kap der Guten Hoffnung. Als nämlich der Frachter nach sechseinhalb Monaten wieder im Ziel­hafen Rotterdam vor Anker ging und Heimaturlaub in Aussicht stand, meldete ein anderes Schiff den Ausfall eines Matrosen. Kurzerhand wurde er gefragt, wo­rauf er die Tour Richtung Indonesien gleich zum zweiten Mal antrat.
»Das einzige, was infolgedessen in die Brüche ging, war die Beziehung zu meiner damaligen Freundin zuhause«, bemerkt er mit einem Schmunzeln. Aber wie heißt es so schön: Es gibt nichts Schlechtes, was sich nicht als gut erweist. Wenig später lernte er dann seine spätere Ehefrau kennen.

Die Familie ist ihm wichtig.
Vermutlich sind Frauen von Seemännern aus einem ganz besonderen Holz geschnitzt – anders lässt es sich nicht erklären, warum ein Gutteil solcher Beziehungen den langen Phasen der Entbehrungen trotzt. Ruhnke jedenfalls betont, wie wunderbar er es in dieser Hinsicht getroffen hat und dass er stolz ist auf seine bessere Hälfte, die ihm nicht nur eine Tochter schenkte, sondern über die vielen Jahre eben auch das gute Gefühl, den Alltag ohne ihn bewältigen zu können.

Heißt das etwa, dass dieser Mann auch mit dem Herzen Abschied genommen hat von der See? »Ach, wissen Sie, das Meer lässt einen Seemann niemals wirklich los. Jeder Tag da draußen ist immer etwas anders, Langeweile kommt da nicht auf.« Da passt es gut, dass seine Frau und er die Gelegenheit bekommen, von Zeit zu Zeit auf Frachtschiffen der DSR mitzufahren, um so die weite Welt endlich auch gemeinsam kennen zu lernen.

Unter solchen Bedingungen kann auch ein »Seebär« wie Gisbert Ruhnke sesshaft
werden …espa

Der Kapitän auf seiner heutigen »Brücke« - einem Büro mit Hafenblick.
Auf dem riesigen Gelände den Überblick zu bewahren ist keine leichte Aufgabe.
Direkter Kontakt zu allen, die hier arbeiten, ist wichtig, um auf dem laufenden zu bleiben.