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Mittwoch, 23. Mai 2012
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Artikel dieser Ausgabe aus Familie & Gesellschaft

Spieglein, Spieglein an der Wand

Kurzkrimi

Vera nahm das Eyeliner-Fläschchen und begann ihre blauen Kulleraugen zu schminken. Mit einem knallroten Lippenstift betonte sie, routiniert wie immer, den sinnlich geschwungenen Mund.
Nun war das Gesicht fertig, mit dem die berühmte Schauspielerin und alleinerziehende Mutter seit Jahren die Kinobesucher begeisterte. Jeder Film, in dem Vera Mahnke mitspielte, garantierte den Kinobesitzern volle Häuser – Männer wie Frauen lagen der eleganten Leinwandheldin gleichermaßen zu Füßen. Vera beeindruckte die Begeisterung ihrer Fans zurzeit allerdings wenig: Sie hatte sich gerade Hals über Kopf in den attraktiven Arzt Dr. Elmar Schümann verliebt.
Mit einem charmant formulierten Brief auf Büttenpapier hatte sich Elmar an Vera gewandt und ihr so freimütig wie rührend seine Liebe gestanden, dass es bald auch um Vera geschehen war. Heute Abend war sie besonders aufgeregt: Er hatte eine Überraschung für sie angekündigt …

„Tschüs, Fanny, bis morgen! Und sieh zu, dass dein Text dann mal besser sitzt! Sonst beschwere ich mich heimlich im Gästebuch deiner Homepage!“, rief Regisseur Andreas Müller seiner Hauptdarstellerin nach.
Fanny lachte etwas überdreht. „Untersteh dich, Andy! Ciao, ich muss los, ich hab noch etwas Wichtiges vor.“
In der Tat hatte Fanny etwas Wichtiges vor. Vor wenigen Wochen hatte die junge Fernsehschauspielerin, Star einer der erfolgreichsten deutschen Sitcoms, Post von einem älteren Herrn bekommen, die sie zutiefst aufgewühlt hatte.
„Sehr geehrte, liebe Fanny!“, hatte er auf feinstem Büttenpapier geschrieben. „Bitte verzeihen Sie, wenn ich mir erlaube, Ihnen auf diese Weise meine Hochachtung und Bewunderung zu übermitteln.“ Nach einem Blick auf den Absender hatte Fanny das Herz plötzlich bis zum Halse geschlagen.
„Für mich sind Sie nicht nur die attraktivste und talentierteste Schauspielerin auf dem Bildschirm, sondern auch die charmanteste und liebreizendste. Bitte erlauben Sie mir, Sie zu fragen …“
Nun war Fanny kalter Schweiß ausgebrochen. Wie konnte dieser Mann es wagen, schoss es ihr durch den Kopf. Wie konnte er! Nach allem, was er damals Mama angetan hatte. Mit eiskalten Fingern tippte Fanny die Telefonnummer ihrer Mutter ins Handy und sprach mit leiser und zitternder Stimme. Nach einer weiteren Minute nahm sie noch einmal ihr Telefon und rief den Schönheitschirurgen Dr. Elmar Schümann an. Diesen Fan musste sie kennenlernen.

„Noch ein Gläschen Champagner, mein Liebling?“ Dr. Schümann, ein graumelierter, eleganter Herr mit künstlicher Sonnenbräune, winkte dem Kellner.
Fanny kochte innerlich. Auch das passte zu diesem hinterhältigen alten Mann. Frauen mit Alkohol gefügig zu machen, um seine eigenen Interessen durchzusetzen, dachte sie empört. Und er selbst trinkt einen Whisky nach dem anderen! Mit ihrem strahlendsten Lächeln, das ihr Regisseur Andreas so an ihr liebte, nickte Fanny und streichelte Dr. Schümanns faltige Hand. Wer hätte gedacht, wofür meine solide Schauspielausbildung einmal gut sein würde, fuhr es ihr durch den Kopf.

Fannys Mutter Vera hatte heute einen ihrer besseren Tage. Sie konnte ihren Rollstuhl vorwärts bewegen, ohne dass Brust- und Bauchmuskeln schmerzhaft spannten. Vermutlich ist es die Vorfreude auf den Besuch, den meine Tochter und ich heute vorhaben, dachte sie. Einen ganz besonderen Besuch, ging es ihr durch den Sinn, und sie wagte ein schiefes Lächeln. Zu mehr waren ihre Gesichtsmuskeln nicht mehr fähig, seit sich Vera den „Fähigkeiten“ ihres früheren Verehrers Elmar anvertraut hatte.
„Ganz ruhig, Mama, alles wird gut“, versuchte Fanny ihre Mutter zu beruhigen, als sie beide vor Elmars Villa standen und klingelten. Die Tür ging auf, und der alte, groß gewachsene Mann stand vor ihnen. Er trug einen karierten Hausmantel, zwischen den Fingern glomm eine dicke Zigarre.
„Guten Abend, Elmar“, lächelte Fanny und schob Veras Rollstuhl über die Türschwelle. „Darf ich dir meine Mutter Vera vorstellen? Mama, das ist …“
Vera wirkte kurze Zeit wie versteinert. Die Erinnerungen holten sie ein, als habe sich alles erst gestern zugetragen und nicht vor 18 Jahren.
„Kleines, ich werde deinen Körper unsterblich machen!“, hatte der Schönheits-Chirurg der Schauspielerin versprochen, bevor sie sich ihm, hoffnungslos verliebt, unters Messer lieferte. Eine kleine Lid-Korrektur, dazu die Vergrößerung der Brust und die Straffung der Bauchdecke hatte Dr. Elmar Schümann bei Vera vorgesehen. Was er ihr dabei verschwiegen hatte: Er wollte mit der Operation an einem Star wie Vera über Nacht berühmt werden. Und dass ihm unglücklicherweise das nötige Geschick für diese Eingriffe fehlte.
Nach den Prozeduren war Veras Körper ein Wrack – und ihre Filmkarriere beendet. Um sich gegen ihren Peiniger zu Wehr zu setzen, fehlte Vera lange Zeit die Kraft. Bis zu dem Tag, als sich Dr. Schümann an ihre Tochter Fanny, inzwischen ebenfalls eine bekannte Schauspielerin, wandte. Mit der gleichen Absicht: Er wollte sie zur „unsterblichen Schönheit“ operieren.

Elmar reichte Vera die Hand: „Vera? Vera Mahnke, die … Schauspielerin?“ Er lächelte spöttisch. „Nein, das kann doch nicht sein, ich …“
„Schatz, lass uns doch mit einem Whisky auf unser kleines Familientreffen anstoßen, ja?“, unterbrach ihn Fanny und reichte ihm und Vera ein Glas.
Als Elmar während des Hauptgangs über Übelkeit klagte und auf dem Weg ins Badezimmer leblos zusammenbrach, brachte Fanny in Windeseile Geschirr und Speisen hinaus und räumte die Küche auf, ohne die kleinste Spur zu hinterlassen.
Elmars Trunksucht hatte es ihr und Vera leicht gemacht. Während Elmar versucht hatte, sich an ihre Mutter zu erinnern, hatte Fanny in der Küche schnell ein Röhrchen Schlaftabletten in Elmars Glas verrührt. Keinen würde Dr. Schümanns Selbstmord überraschen, denn inzwischen war es in der ganzen Stadt bekannt: Der schöne Doktor war der miserabelste Schönheitschirurg, der jemals praktiziert hatte. 

Wiebke Sundermann

Fotos: mein coop magazin