Artikel dieser Ausgabe aus Familie & Gesellschaft
Meine Gesundheitsapotheke
Sie hat ein großes Herz
Das Leben einmal aus einer anderen Perspektive zu betrachten - dieses Privileg genießt die Giraffe Tag für Tag.
Lange Beine, ein noch längerer, schlanker Hals, warme, ausdrucksvolle Augen und eine Fellzeichnung, die im Detail betrachtet so individuell ist, wie jedes Tier selbst: So stolziert die Giraffe durchs Leben, genauer gesagt, durch die afrikanischen Steppengebiete südlich der Sahara.
Die Vorfahren der Giraffe hatten kurze Hälse, so wie das Okapi, die Kurzhals- oder Waldgiraffe, sie noch heute hat. Doch die Evolution führte dazu, dass sich im Laufe der Zeit die so charakteristischen langen Hälse der Langhals- oder Steppengiraffe (lat. Giraffa camelopardalis) herausbildeten. Diese Giraffenart ist in vielen Gebieten südlich der Sahara bis nach Kapstadt zu finden, wo es ausreichend Büsche und Bäume gibt. Ein Vorteil des langen Halses besteht nämlich darin, dass der braun-beige gefleckte afrikanische Paarhufer durch diesen Höhenvorteil anderen Tierarten »um Längen voraus« ist und so gut wie keine Nahrungskonkurrenten zu fürchten hat: Die Baumkronen gehören ihm!
Aus der Vogelperspektive
Wer nun glaubt, dass ein Giraffenhals extrem biegsam ist, der irrt: Denn wie andere Säugetiere auch haben Giraffen (nur) sieben Halswirbel, jeder einzelne misst etwa 40 Zentimeter. Und das heißt: Fast drei Meter eines etwa fünfeinhalb Meter großen Giraffenbullen (die Weibchen sind kleiner) gehen auf das Konto des Halses, der Rest verteilt sich auf die dünnen Beine und den kurzen Rumpf.
Auffällig am Körperbau einer Giraffe ist außerdem, dass die Vorderbeine deutlich länger sind als die Hinterbeine, so dass insbesondere das Trinken an einer Wasserstelle zu einer echten Prozedur wird. Denn um ans kühlende Nass zu gelangen, muss die Giraffe nicht nur den Kopf tief hinuntersenken, sondern auch die Vorderbeine auseinanderspreizen und im wahrsten Sinne »in die Knie gehen«. So erstaunlich wie der lange Hals ist das, was der Blutdruck, sprich das Herz leisten muss, wenn die Giraffe den Kopf danach wieder hebt. Das etwa zwölf Kilogramm schwere Organ pumpt rund 60 Liter Blut pro Minute durch den Körper einer Giraffe, vom Fuße bis zum Kopf. Erwiesen ist, dass der Blutdruck einer Giraffe dreimal so hoch ist, wie der unsere. Fragwürdig ist allerdings, wie der Blutdruck bei einem schnellen Heben und Senken des Kopfes ausgeglichen wird, ohne dass es einer Giraffe dabei schwindelig wird.
Kau´s noch einmal, Sam
Dass Giraffen sich beim Fressen genüsslich von Baum zu Baum fortbewegen und dabei im Laufe eines Tages bis zu 80 Kilogramm Blätter, Knospen, junge Triebe und Gräser zu sich nehmen, erscheint nicht verwunderlich. Dass sie jedoch Wiederkäuer sind, umso mehr. Ähnlich wie bei Kühen wird der vorverdaute Speisebrei mithilfe der muskulösen Speiseröhre in das Maul zurückbefördert. Und Giraffen haben in der Tat viel Zeit zum Wiederkäuen! Als tag- und nachtaktive Tiere benötigen sie sage und schreibe weniger als zwei Stunden Schlaf pro Nacht - so wenig, wie kaum ein anderes Tier. Der Prozess des Wiederkäuens findet im Liegen statt, und das ist insofern praktisch, als dass sich so auch die heißen Stunden über Tag besser verkraften lassen.
Ein seltsames Wander-Verhalten
Ausgesprochen großherzig benehmen sich Giraffen auch gegenüber Artgenossen sowie Zebras und Gnus: Man kann Giraffen häufig dabei beobachten, wie sie in Gruppen von etwa 30 Tieren durch das weite Buschland und die Steppe ziehen. Giraffen sind ausgesprochen friedfertig und gesellig, so dass auch Revierkämpfe nur sehr selten stattfinden.
Apropos Wandern: War es Ihnen schon vergönnt, eine Giraffe in Bewegung zu erleben? Zugegeben, ein seltsames Bild. Denn Giraffen sind Passgänger, das heißt, sie setzen das Vorder- und Hinterbein einer Seite gleichzeitig auf. Wenn ein feuriger Galopp gefragt ist, bei dem durchaus Geschwindigkeiten bis zu 60 km/h erreicht werden, setzen sie ihre Hinterfüße vor die Vorderläufe und schwingen den Hals dabei auffällig vor und zurück - sieht merkwürdig aus, aber hilft, um »Meter zu machen« .
Angst vor großen Katzen?
Statistiken zeigen, dass Giraffen verhältnismäßig selten durch Angriffe von Raubtieren zu Tode kommen. Schließlich setzen Giraffen im Falle eines Angriffs eine wirksame Waffe ein: Mit kräftigen Schlägen und Tritten ihrer großen Hufe können sie nahezu jedes sich nähernde Raubtier schwer verletzen. Aber natürlich kommt es trotzdem immer wieder vor, dass erwachsene Giraffen von Löwen und Jungtiere von Leoparden, Hyänen und Afrikanischen Wildhunden angegriffen werden.
Geschieht dies nicht, können Giraffen in der Regel ein Alter von gut 20 Jahren erreichen. Übrigens beginnt ein Giraffenleben schon mit einer großen Dramatik: Denn auch, wenn eine Giraffenmutter beim Wiederkäuen liegt, bleibt sie bei der Geburt doch lieber stehen, so dass die ersten Erlebnisse eines Jungtiers in einem freien Fall inklusive unsanfter Landung aus zwei Metern Höhe bestehen ...
chris





