Artikel dieser Ausgabe aus Familie & Gesellschaft
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Sagenhafte Egoisten
Tier und Mensch: Rabe
Raben sind der rote oder besser gesagt der schwarze Faden vieler Legenden, Märchen und Schauergeschichten.
Irgendetwas scheint die Menschheit seit jeher an den Schwarzgefiederten zu fesseln – oder abzustoßen. Ist es ihre „dunkle Gestalt“? Ihr ausgeprägter Egoismus? Oder ihre rücksichtslose Überlebensstrategie?
Der Rabe (lat. Corvus) gilt als ausgesprochen intelligenter Vogel, dessen Dreistigkeit speziell in Bezug auf die Nahrungssuche wohl kaum zu schlagen ist. Denn Raben gehen hierbei nicht nur strategisch vor, sondern kennen kein Pardon, wenn es ums Teilen geht. Selbst Artgenossen dürfen keinen Extra-Bonus erwarten.
Für jeden Mythos zu haben
Im Laufe des 19. Jahrhunderts wurde der Kolkrabe als „Schädling“ angesehen, bekämpft und vertrieben. Sein Bestand war so gut wie ausgerottet. Fraglich bleibt, ob man ihn wirklich „nur“ als Schädling sah oder ob nicht ein Funke Aberglaube hinter seiner Verfolgung stand. Denn Tatsache ist: In der Mythologie spielen Raben (aber auch Krähen) eine wichtige Rolle, so zum Beispiel in der nordischen, wo er als Symbol der Weisheit gilt: Gott Odin hatte stets die beiden Kolkraben namens Hugin und Munin auf seinen Schultern sitzen, die ihm zu berichten hatten, was in der Welt vor sich ging.
Im Mittelalter wurde immer wieder beobachtet, so berichten alte Quellen, dass sich Raben mit großer Vorliebe in der Nähe von Richtstätten aufhielten – daher auch die Bezeichnung „Galgenvogel“.
Selbst die Queen braucht sie
Aber selbst im heutigen England haben Raben eine große Bedeutung, so zum Beispiel im Londoner Tower. Es wird seit Jahrhunderten akribisch darauf geachtet, dass die etwa zehn hier lebenden Raben (darunter mindestens sechs Kolkraben) diese Festungsanlage nicht verlassen. Denn eine Legende besagt: Wenn die Raben den „Tower of London“ verlassen, wird die Monarchie und mit ihr das gesamte Königreich fallen. Damit die Tower-Raben unter keinen Umständen wegfliegen können, werden ihnen allerdings die Flügel gestutzt. Offenbar gehen die Briten bei solch unheilvollen Legenden lieber auf Nummer sicher
Was macht diesen großen, klobigen Vogel mit dem schwarzen Schnabel nur so interessant? Es wird bestimmt nicht daran liegen, dass er mit über 60 Zentimetern Körperlänge, einem Gewicht zwischen 1 und 1,5 Kilogramm und einer Flügelspannweite von 1,20 Metern der größte Rabenvogel und damit auch der größte Singvogel der Welt ist. Es müssen andere Qualitäten sein. Richtig, seine Intelligenz fasziniert die Forscher.
Vielleicht sollten sie Poker spielen
Untersuchungen zufolge zählen Raben (und Krähen) zu den intelligentesten Vögeln überhaupt. Sie besitzen die Fähigkeit, komplexe Handlungen im Voraus zu planen und sind wahre Künstler, wenn es darum geht, ihr Futter zu verstecken beziehungsweise dieses Versteck wohl zu hüten. Gern legen sie auch Scheinverstecke an. Denn nicht einmal mit Artgenossen wird geteilt!
Besonders durchtriebene Vertreter wurden sogar dabei beobachtet, wie sie sich beim Eintreffen von Artgenossen tot stellten, um zu signalisieren: Hier ist das Futter gar nicht gut! Munter fraßen sie dann weiter, sobald sie wieder allein waren.
Frechheit siegt
Raben sind nicht nur darauf aus, so viel Futter für sich selbst einzuheimsen, wie irgend möglich. Es scheint ihnen auch großes Vergnügen zu bereiten, andere die Arbeit machen zu lassen und sich nur noch an den „gedeckten Tisch“ zu setzen. Schließlich sieht man sie bestimmt nicht ohne Grund häufig als Begleiter von Wölfen oder anderen Raubtieren.
Raben warten gern ab, bis diese ihre Beute erlegt haben, um sie ihnen dann mit ihrer berühmt-berüchtigten frechen Art so weit es geht wieder abzujagen. Und dabei nehmen sie keine Rücksicht auf Verluste, das heißt, sie warten nicht ab, was übrig bleibt, sondern machen sich noch im Beisein des eigentlichen „Räubers“, egal ob Wolf, Fuchs oder Bär, ans Werk.
Und wenn es kein Aas zu fressen gibt? Dann begnügt sich der Allesfresser eben mit Getreide und Sämereien wie Mais oder mit Kleintieren wie Mäusen, außerdem stiehlt er die Eier und Küken anderer Vögel. Und zu guter Letzt gibt es da ja noch die Müllkippen.
chris





