Artikel dieser Ausgabe aus Familie & Gesellschaft
Meine Gesundheitsapotheke
Machs gut, mein Freund
Abschied vom geliebten Auto
Der Gedanke, dass er eines Tages nicht mehr fahren würde, ist mir niemals gekommen. Niemals wirklich. Das, woran das Herz hängt, erscheint unsterblich. Und in der Tat: Selbst den Schrotthändler erreichte er noch aus eigener Kraft.
Er war in die Jahre gekommen, vieles deutete darauf hin. Mal lösten sich die Lautsprecher aus der Verschalung in den Türen, dann brach die Kurbel für das Fenster, dann wieder lugte das Ende eines ominösen Schlauchs keck aus dem Motor heraus. Kleine Zeichen eben, die zu lesen ich außerstande war. Und die mich nicht im Mindesten dazu verleiteten, etwas pfleglicher mit ihm umzugehen. Denn nichts von alldem hinderte ihn am Weiterfahren. Blessuren zwar, aber keine tiefen Wunden. Mit der Tür ins Haus zu fallen war nicht seine Art. Bis zu jenem schicksalhaften Tag, als er sich mitten auf der Autobahnauffahrt das Getriebe in die Eingeweide rammte. Da endlich befiel mich eine erste, späte Ahnung, wie es wirklich um ihn stand.
Der wahre Autoliebhaber
Die Beziehung des Menschen zu seinem Auto kennt verschiedene Varianten. Die erste gründet in der Faszination am Neuen, die zweite im Hang zur Tüftelei und die dritte in der niemals nachlassenden Freude darüber, wohlbehalten von A nach B gekommen zu sein. Stellvertretend hierfür stehen der Autonarr, der ambitionierte Bastler sowie der ewig Dankbare, der jedem technischen Phänomen mit grenzenlosem Respekt begegnet. Wer glaubt, sie alle verbinde die Liebe zu ihrem Gefährt, irrt allerdings.
Der Autonarr liebt sein Auto nicht; er liebt allein das Gefühl, darin zu fahren. Gewiss, er pflegt es, bringt es regelmäßig zur Inspektion und lässt kein Wochenende verstreichen, ohne es einmal durch die Waschstraße zu schicken. Und entdeckt er einen Kratzer im Lack, wird er alles daran setzen, diesen Makel aus der Welt zu schaffen. Doch all sein Tun bedeutet nichts. Spätestens nach drei, vier Jahren wird er abtrünnig, schaut sich nach etwas Neuem um, wälzt Prospekte, trifft eine Entscheidung und gibt seinen „Alten“ ohne Wehmut in Zahlung.
Ganz anders der Bastler. Das Neue ist ihm suspekt, die Bewahrung des Alten ein Muss. Und weil er einigen Sachverstand besitzt, macht er vor nichts halt, sondern dringt immer tiefer vor in das Objekt seiner Begierde. Er zerlegt den Verteiler, schmiert unzählige Schrauben, erneuert Verbrauchtes und wagt selbst den Eingriff in das stählerne Herz. Er ist ein Meister seines Fachs, und jeder Ölfleck auf seinem Hemd glänzt wie eine Medaille. Wirklich nahe aber kommt er seinem Auto nicht. Ihm, der scheinbar alle Geheimnisse seines fahrbaren Untersatzes kennt, bleibt das Unfassbare verborgen.
Dem ewig Dankbaren jedoch offenbart es sich ganz und gar. Weil er von (s)einem Auto wirklich nichts versteht, entwickelt er für sein Vehikel tiefstes Verständnis. Er gesteht ihm die gleichen Schwächen zu, die auch seine Unvollkommenheit schmücken. Allein, dass es sich und ihn in Bewegung setzt, erfüllt ihn mit größter Freude. Und fährt sein Auto einmal nicht, flucht er zwar, hält sich aber mit Schuldzuweisungen tunlichst zurück. Er konsultiert eine Werkstatt seines Vertrauens und ist glücklich, wenn sein Auto ihn wieder über die Straßen rollt.
Luxus ist relativ
Als wir uns kennenlernten, war er bereits sechs Jahre alt. Für mich aber war er praktisch wie neu. Und seine Ausstattung bescherte mir den Himmel auf Erden. Schiebedach, eine funktionierende Heizung, ein modernes Radio mit Kassettenteil, 54 durchtrainierte Pferdestärken – nach zwei „Käfern“ eröffnete mir dieser Luxus eine vollkommen neue Welt. Das Schönste aber war seine Genügsamkeit: Fünf bis sechs Liter Verbrauch auf hundert Kilometer lassen ein Studentenherz einfach höherschlagen.
Er war rot. Weinrot, um genau zu sein. Dass ich jemals ein Auto in meiner Lieblingsfarbe fahren würde, übertraf meine kühnsten Erwartungen. Und dann noch ein Diesel. Unwillkürlich fühlte ich mich solidarisch mit den Lastkraftwagenfahrern, die sich weniger durch Schnelligkeit als vielmehr durch stetiges Vorankommen auszeichnen. Ein Diesel kommt an, irgendwann. Den Schlüssel ins Zündschloss, halbe Drehung, ein paar Sekunden vorglühen lassen, dann starten. Das hatte etwas von Arbeit, von Erarbeiten, das war ein schöpferischer Akt.
Der Weg ist das Ziel
Er hätte mich bis ans Ende der Welt gebracht, dessen bin ich sicher. Er hätte mich durch die Straßen von Paris geleitet, wäre mit mir dem Weg nach Lissabon gefolgt, hätte die höchsten Pässe der Alpen bezwungen und ebenso den heißen Sand Afrikas. Jedes Ziel war ihm Reiz genug, wenn ich ihn nur dorthin fuhr. Tatsächlich aber lernte er nichts Exotisches kennen. Ein paar Fahrten nach Bonn oder Frankfurt, das war das Äußerste, was ich ihm abverlangte. Im Nachhinein tut es mir leid – er hätte mehr Welt verdient.espa




