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Mittwoch, 23. Mai 2012
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Artikel dieser Ausgabe aus Familie & Gesellschaft

Licht in der Dunkelheit

Die Kerzenwerkstatt in der Werk- und Betreuungsstätte für Körperbehinderte in Ottendorf (Schleswig-Holstein)

Schon am Nachmittag wird es jetzt dunkel. Das schlägt so manchem aufs Gemüt! Doch wenn die Sonne uns ihr Licht und ihre Wärme vorläufig versagt, müssen wir eben selbst aktiv werden und unser Heim in ein stimmungsvolles Kerzenlichtermeer verwandeln. Und damit kann man nicht nur der eigenen Stimmung etwas Gutes tun …

Unter besonderen Bedingungen Schönes schaffen

Süß duftende Bienenwachskerzen, die zu jeder Saison frisch hergestellt werden, hochwertige handgezogene Paraffinkerzen oder handgegossene Sterne, Kugeln und Pyramiden in bunter Farbenvielfalt – all dies und mehr wird von den neun Beschäftigten mit körperlichen und mehrfachen Behinderungen in der Kerzenwerkstatt der Werk- und Betreuungsstätte für Körperbehinderte gGmbH in Ottendorf bei Kiel hergestellt. Sachkundig und mit viel Einfühlungsvermögen betreut von Heike Böhm, Matthias Reumann und Klaus Kießling leistet hier jeder das, was ihm allen Einschränkungen zum Trotz möglich ist.

Jeder nach seinen Möglichkeiten

Im Zentrum der Werkstatt arbeitet die so genannte „Kesselgruppe“, die sich dem traditionellen Kerzenziehen widmet. Jede Kerze wird 25 Mal in das heiße Wachs getaucht und dann zum Härten in ein Gerüst gehängt. Das dauert, bei 14 in einem Durchgang erstellten Kerzen, gute 3 bis 4 Tage. Dickere Kerzen müssen sogar 60 bis 70 Mal getaucht werden.

Die drei Mitarbeiter der Werkstatt unterstützen jeden Beschäftigten dabei ganz individuell nach seinem Bedarf. Mal reicht, wie beim sehbehinderten Frank Steinmann (62), eine unterstützende Handführung, mal sind spezielle Hilfsvorrichtungen erforderlich.

Die drei Kerzenzieherinnen Britta Thomsen, Meike Kling und Sabrina Thedens (mit 17 Jahren das „Küken“ der Gruppe) etwa können den Kessel vom Rollstuhl aus nur durch eine spezielle Stabvorrichtung erreichen.

„Wir Betreuer halten uns, soweit es irgend geht, zurück und assistieren nur, wo es unbedingt nötig ist“, erklärt Heike Böhm, „denn nur so geben wir unseren Beschäftigten die Möglichkeit, ihre Fähigkeiten weiter auszubauen, Eigenständigkeit und Selbstvertrauen zu entwickeln und sich mit dem Ergebnis ihrer Arbeit zu identifizieren.“

Spezialisten und Erfinder

Der 43-jährige Kerzengießer Heiko Nissen brauchte ursprünglich Hilfestellung beim Erhitzen des Wachses. Jetzt kann er das längst allein. Doch auch eigene Ideen setzt Herr Nissen in der Werkstatt um. Er hat sogar eine wahre Rarität, die handgedrehte Bienenwachskerze im Teelichtformat, kreiert.

Inga Niers Spezialität dagegen sind die beliebten „Krümelkerzen“, die aus klein gehackten und farblich sortierten Resten der Gießkerzen entstehen. Und Helga Bittermann ist beweglich genug, auch 40 cm lange Kerzen beim Ziehen in die Höhe zu halten.
Kerzen, Karten, Bibelgärten

Das helle, freundliche Werkstattgebäude in Ottendorf wurde 1991 neu erbaut, die Werkstätten selbst existieren bereits seit 1967. Neben den Kerzenmachern sind hier auch eine Textil-, eine Holz-, eine Keramik-, eine EDV- und eine Garten-und-Floristik-Gruppe aktiv.

Hier wird viel Attraktives und Originelles produziert: vom Filz-Eisbären als Wärmflaschenhülle über Holzmodelle, an denen Kinder das Schnürsenkelbinden lernen können, liebevoll gestalteten Seidenkalendern oder Weihnachtsmenü-Büchern und „Kniddel-Vasen“ bis hin zum „Bibelgarten im Karton“ oder dem „Therapierasen“, der aus duftenden Gewürzkräutern besteht.

Arbeitsalltag

Die insgesamt 50 Beschäftigten fahren täglich mit speziellen Bussen von ihrem Zuhause zur Werkstatt. Alles in allem dauert ihr Arbeitstag 7 Stunden. „Indem wir berufliche Situationen abbilden, lassen wir unsere Beschäftigten aktiv am gesellschaftlichen Leben teilhaben“, so der Leiter der Tagesstätte, Andreas Borck. Und das, so weiß man längst aus Erfahrung, erhöht für den einen oder anderen auch die Chancen auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt.

Wo bekommt man das Ottendorfer Kunsthandwerk?

Von der Vielfalt und Fantasie der Ottendorfer Produktion können Sie sich selbst ein Bild machen:
Am 19. 11. 2005 von 13.00 – 16.00 Uhr findet in den Werkstatträumen
im Ottendorfer Weg 22, 24107 Ottendorf, der alljährliche Basar statt,
und auch sonst sind Besucher herzlich willkommen. Weitere Informationen unter Telefon (04 31) 58 39 90 oder im Internet unter www.wub-ottendorf.de
Auch auf dem Basar der Werkstatt am Drachensee (26. 11. 2005) sind die Ottendorfer mit ihren Arbeiten vertreten.
Zum Selbstkostenpreis bietet Elke Dasse, die in Kiel am Ziegelteich 14 eine exklusive Kunsthandwerkshandlung betreibt, Ottendorfer Produkte an: neben Käthe-Kruse- und Schildkröt-Puppen auch Pyramiden aus dem Erzgebirge und Krippenfiguren aus Italien.

mimu

Fotos: Steffi Schulz und Fotostudio Thomas Peters, Hamburg