Artikel dieser Ausgabe aus Familie & Gesellschaft
Meine Gesundheitsapotheke
Lenz, Lust und Liebe
Frühlingsgefühle
Das triste Grau des Winterhimmels verschwindet, der Frühling lässt sein blaues Band darüberflattern
Die Natur erwacht. Es grünt und blüht. Die Vögel zwitschern. Die Sonne gewinnt an Kraft, die Tage werden wieder heller und wärmer. Und überall tummeln sich turtelnd die Liebespärchen – die ab März ja alljährlich wie die Pilze aus dem Boden schießen
Ob von den Minnesängern des Mittelalters oder von den Dichtern der Romantik – seit jeher wird der Frühling als die Jahreszeit der Liebe schlechthin gefeiert. Doch warum sollten unsere Gefühle gerade jetzt besonders in Wallung kommen?
Die Hormone kommen ans Licht
Endokrinologen (das sind Spezialisten für Hormone und Nervenbotenstoffe) haben durchaus interessante Wechselwirkungen zwischen den zunehmend heller werdenden Tagen und dem menschlichen Gefühlshaushalt entdeckt: Wenn wir im Frühling vor Lust und Liebe übersprudeln – dann steckt die Zirbeldrüse dahinter.
Dieses winzige Organ zwischen den beiden Gehirnhälften produziert unter anderem ein Hormon namens Melatonin, das müde macht und die erotische Erregbarkeit drosselt. Doch das geschieht nur bei Dunkelheit.
Je mehr Sonnenlicht wir also tanken, desto weniger einschläferndes Melatonin wird in unserem Körper ausgeschüttet. Andere Hormone und Nervenbotenstoffe dagegen reagieren genau umgekehrt: Je heller es wird, desto eifriger machen sie mobil. Hierzu gehören neben den Sexualhormonen Testosteron und Östrogen vor allem die bekannten „Glücklichmacher“ Endorphin und Serotonin. Und diese euphorisierende Dosis Sonnenschein im Körper begünstigt unter anderem auch begeisterte, geradezu rauschhafte Verliebtheitsgefühle.
Die ganz natürliche Familienplanung
Wenn wir uns dann für einen Partner entschieden haben, schaltet der Körper schon wieder um. Nun sorgt das sogenannte „Treuehormon“ Oxytocin, das die Hirnanhangdrüse nach sexueller Aktivität verstärkt ausschüttet, für ein Gefühl der Zufriedenheit, Sicherheit und Geborgenheit – und damit für nachhaltige Bindungsfreudigkeit.
Und warum macht der Körper das? Evolutionsbiologen nehmen an, dass der hormonelle Frühlingszauber rein pragmatische Ursachen hat: Er sichert die besten Überlebenschancen.
Mit immer helleren und wärmeren Tagen bringt Mutter Natur uns spätestens ab Wonnemonat Mai (und dann bis in den August hinein) so sehr in Stimmung, dass die Folgen dieser Stimmung, nämlich die kleinen „Wonneproppen“, daraufhin dann genau zur rechten Zeit geboren werden; nämlich im Frühling oder Sommer des folgenden Jahres, wenn das Nahrungsangebot am größten ist.
Frühlingsgefühle? Dafür bin ich zu zivilisiert!
Alles bestens geregelt also? Nicht unbedingt. Der Freiburger Hormonexperte Prof. Dr. Martin Reincke hält dem die ernüchternde These entgegen, dass das heutzutage so nicht mehr funktioniert.
Die Segnungen der modernen Zivilisation – wie künstliches Licht, das jede Nacht zum Tage macht, und kuschelige Heizungswärme von Oktober bis März – haben die Unterschiede zwischen dem serotoninhellen Sommer- und dem melatonindunklen Winterhalbjahr demnach vollständig verwischt. Daher kann die natürliche, von diesem Kontrast geleitete Frühlingsstimmung des Menschen überhaupt nicht mehr zum Tragen kommen.
Also reden wir uns das alles doch nur ein? Ist die Lenzeslust längst kein elementares biologisches Phänomen mehr, sondern höchstens noch ein kulturelles, das wesentlich enger mit der ab Frühjahr so anregend leichten Kleidung zusammenhängt als mit der Zirbeldrüse?
Ostern, Frühling, Fruchtbarkeit
Mitten im Frühling begehen wir den wichtigsten Feiertag der Christenheit, die Auferstehung Christi. Und was haben Hasen und Eier damit zu tun? Hinweise auf eine religiöse Bedeutung dieser beiden Insignien des Osterfestes sind rar.
Viel bekannter sind Hase und Ei von jeher als natürliche Sinnbilder der Fruchtbarkeit. Kein Wunder! Hasen bekommen bis zu zwanzig Junge pro Jahr, und Eier legen Hühner fast täglich. So gesehen liegt der Verdacht vielleicht nicht ganz fern, dass wir zu Ostern heimlich auch noch ein kleines Fest für die Frühlingsgefühle mitfeiern?
Na ja – und wenn schon, von Herzen genießen dürfen wir diese knisternde Zeit ja wohl trotzdem. Und wer den in unserer Kultur ja so beliebten Hochzeitsmonat Mai in diesem Jahr noch nutzen will – der sollte jetzt so langsam auf die Suche gehen!
mimu





