Artikel dieser Ausgabe aus Familie & Gesellschaft
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Kinderarmut in einer reichen Gesellschaft
Kinderarmut in Deutschland
Am 29. November 2005 lud die Arbeiterwohlfahrt Landesverband Schleswig-Holstein e.V. zu einer Fachtagung ins „Kiek in“, Neumünster. Anlass war die Vorstellung der Kampagne „Gemeinsam gegen Kinderarmut“, die unter der Schirmherrschaft von Heide Simonis steht. Knapp eine Woche zuvor war das Urteil im Fall Jessica gefallen, der die gesamte Republik schockiert hatte.
Kinderarmut in Deutschland
Die bange Frage, ob sich so etwas wiederholen kann, hängt nicht zuletzt davon ab, ob Deutschland endlich die Augen öffnet, und dem Thema der Kinderarmut auf Bundes- und Landesebene oberste Priorität beimisst.
Diese hat längst die Grenzen von Entwicklungs- und Schwellenländern überschritten und schießt – auch in einem reichen Land wie unserem – in die Höhe. Seit 1990 ist die Kinderarmut in Deutschland um 2,7 % gestiegen. Damit belegen wir Platz 18 von 24 auf der Liste der OECD-Länder. Nicht zuletzt anhand der PISA-Studie können wir jährlich ablesen, wie sträflich das Thema in der Vergangenheit vernachlässigt wurde.
Wie ist Kinderarmut definiert?
„Armut ist ein mehrdimensionaler Begriff und nicht allein monetär geprägt“, sagte die Ministerin für Soziales, Gesundheit, Familie, Jugend und Senioren des Landes Schleswig-Holstein, Dr. Gitta Trauernicht, in ihrer Auftaktrede. Gitta Holz vom Institut für Sozialarbeit und Sozialpädagogik (ISS) knüpfte an diese Ausführungen an, und stellte eine Langzeitstudie vor, die den Hintergrund materieller, kultureller, sozialer und gesundheitlicher Defizite sowohl von Kindern in Armuts- als auch in wohlhabenderen Verhältnissen beleuchtete.
Ein Kind in Deutschland gilt per Definition als arm, wenn der Familie weniger als 50 % des durchschnittlichen Nettoeinkommens zur Verfügung stehen und wenn die Familie oder das Kind selbst Anspruch auf Sozialhilfe hat. Die Zahlen sind Besorgnis erregend. Jedes achte Kind unter 15 Jahren lebt laut Expertise von der Sozialhilfe, etwa jedes siebte immerhin noch in relativer Armut. Besonders stark betroffen sind Alleinerziehende, Großfamilien und Familien mit Migrationshintergrund. Gefälle zeigen sich von West nach Ost, von Süd nach Nord und von Land zu Stadt.
Ungleiche Chancen
„In keinem anderen Industrieland entscheidet die soziale Herkunft so stark über den Schulerfolg wie in Deutschland“, bemängelt der Geschäftsführer von
Unicef Deutschland, Dr. Dietrich Garlichs. Seine These wird von den Ergebnissen der Studie des ISS untermauert. So hat zum Beispiel nur ungefähr jedes dritte in Armut aufwachsende Kind Zugriff auf das Internet gegenüber 75 % der begütert heranwachsenden.
Noch deutlicher wird der Unterschied beim Besuch der Hochschulen. Von 100 aus schwacher sozialer Herkunft stammenden Kindern gingen im Anschluss an ihre Pflichtausbildung lediglich 11 auf eine weiterführende Hochschule. Dem stehen 80 von 100 aus privilegierteren Verhältnissen gegenüber. Weiterhin stellte die Studie fest, dass mit Defiziten aufwachsende Kinder eher zu einem schulischen Werdegang auf entweder Real- oder Hauptschule tendieren, während Kinder aus besser gestellten Verhältnissen ihre Ausbildung mehrheitlich auf einer Realschule oder dem Gymnasium fortsetzen.
Mittel gegen die Mittellosigkeit
Hoffnung gibt es immer. So ließen sich auch durchaus positive Entwicklungen aus der Studie ableiten. Eine Vielzahl der Kinder, die frühzeitig einen Platz in der Kindertagesstätte hatten, schlugen später einen höheren Bildungsweg ein als jene, die erst mit 4 Jahren in die „Kita“ kamen. Die Forderung ist dahin gehend, mehr Plätze für die unter 3 Jahre alten Kinder zu schaffen, so dass den Kindern Entfaltungsmöglichkeiten gegeben und sie in der sensibelsten Phase ihrer Entwicklung gefördert werden.
Wichtig ist auch, jene Plätze eben nicht nur Kindern von Berufstätigen zugänglich zu machen. Hält sich der Nachwuchs ausschließlich im Umfeld der Arbeitslosigkeit auf – und dies ist kein Vorwurf an die Eltern –, ist die Gefahr groß, dass sich der soziale Status vererbt. Schließlich wird dem Kind der Mangel an Verwirklichungschancen Tag für Tag vorgelebt.
Weiterhin entscheidend ist die Frage, wie schnell und wie gut wir nicht-muttersprachliche (Deutsch als Muttersprache) Kinder integrieren.
Die Bundesregierung hat mit der Unterzeichnung der UN-Kinderrechtskonvention die Rechte aller Kinder weltweit anerkannt. Unabhängig von ihrer Herkunft. Es wird deshalb gefordert, Kindern von Asylbewerbern staatliche Leistungen nicht vorzuenthalten. All dies sind nur kleine Schritte auf dem Weg zum „Kinderreichtum“.
Aber wenn nicht hier, wo wäre die vonseiten der Regierung angekündigte „Politik der kleinen Schritte“ besser angebracht?
Die coop Schleswig-Holstein eG
unterstützt die AWO Landesverband Schleswig-Holstein e.V.
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