Artikel dieser Ausgabe aus Familie & Gesellschaft
Meine Gesundheitsapotheke
Im Reich der schönen Gefühle
Vom Glücksempfinden, seinen Ursachen und den Möglichkeiten, es zu bewahren und zu fördern.
Ein neues Jahr hat begonnen, einmal mehr, und wie stets in der Silvesternacht liegen wir uns mit unseren Liebsten in den Armen und wünschen einander Gesundheit und Erfolg für die kommende Zeit und natürlich auch viel Glück. Doch welches Glück haben wir dabei eigentlich im Sinn? Jenes, das uns vor einer lebensbedrohenden Gefahr bewahrt oder vielleicht sechs Richtige im Lotto beschert? Oder meinen wir vielmehr dieses gute Gefühl, das uns von Zeit zu Zeit durchströmt und das Leben noch eine Spur lebenswerter macht?
Kurios ist schon, dass ausgerechnet die Sprache der Dichter und Denker für beide Phänomene denselben Begriff benutzt. Das Eine beschreibt eine glückliche Fügung, die sich in der Regel ohne unser Zutun einstellt (Glück haben), das Andere hingegen verweist auf eine individuelle Wahrnehmung, die wir in nicht unerheblichem Maße selbst steuern können (Glück empfinden). Wohlgemerkt: in nicht unerheblichem Maße – denn ganz so einfach ist es um das subjektive Wohlgefühl auch nicht bestellt.
Ein Lächeln versteht jeder
Es ist noch nicht so lange her, da stimmten Verhaltensforscher und Psychologen weitgehend darin überein, dass der Mensch quasi als »Nullprodukt« zur Welt kommt: ein leeres Gefäß, das fortan von seiner Umgebung geprägt wird. Für die meisten Dinge wie etwa Sprache und Glaube, aber auch auf banale Vorlieben und Abneigungen trifft dies zweifellos zu – die elementaren Gefühle und ihre Äußerungsformen aber funktionieren überall gleich. Wer sich freut, der lächelt, ob in New York, in Berlin oder in Tokio. Und wer Trauer empfindet, der weint – wo auch immer in der Welt.
Es war der US-amerikanische Forscher Paul Ekman, der in den sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts den Beleg dafür lieferte. Er reiste nach Papua-Neuguinea, eine seinerzeit noch vollkommen unerschlossene Region, und begegnete dort dem Naturvolk der Fores. Auf einem mitgebrachten Tonbandgerät nahm er die Stimmen der Dorfbewohner auf und spielte sie ihnen anschließend vor; mithilfe einer Kamera dokumentierte ein Begleiter das Lächeln, das die Stimmen auf deren Gesichter zauberten. Wieder heimgekehrt, bestätigte die Auswertung der Fotografien im Vergleich mit Fotos von lachenden Menschen anderer Herkunft, dass exakt dieselben Muskeln an der schönen Empfindung beteiligt sind. Allerdings wäre die weite Expedition nicht notwendig gewesen, um zu diesem Ergebnis zu gelangen – die Betrachtung eines blindgeborenen Babys, das ohne visuelle Anleitung lacht, hätte genügt. Die Gefühle sind angeboren.
Der Chemiebaukasten des Glücks
Eine positive Einstellung zum Leben, die Gabe, sich auch über Kleinigkeiten zu freuen, das Bedürfnis, ein halb leeres Glas lieber als halb voll zu bezeichnen: das und vieles mehr hat entscheidenden Anteil daran, wie stark wir Glück empfinden können. Doch alle Lebensbejahung nützt nichts, wenn es an den Voraussetzungen mangelt, und die gründen tief in unserem Innern. Genau gesagt: in unserem Gehirn.
Die Evolution des Gehirns ist, angefangen bei den Reptilien bis hin zum Homo sapiens, in etwa der Entwicklung einer Steinzeit-Siedlung zur Großstadt vergleichbar. Bereits die Dinosaurier verfügten über den so genannten Hirnstamm inklusive Kleinhirn. Der organisierte nicht nur lebenswichtige Funktionen wie Atmung, Verdauung und Motorik; auch bei der Wahrnehmung von Emotionen wie Hunger und Angst hatte er seine Hände im Spiel.
Das uns allen vertraute Lernen aus Erfahrung jedoch war erst den frühen Säugern vorbehalten, denn deren Hirne besaßen den Hippocampus und die Amygdala, die beide das Erinnern ermöglichten. Gleichzeitig bildete sich eine differenzierte Emotionalität heraus, die nicht zuletzt das Sozialverhalten positiv beeinflusst hat. Das Vermögen zur Vorausplanung setzte allerdings erst mit der Weiterbildung der Großhirnrinde ein, und dieser Prozess ließ eine ausgeklügelte Kommunikation zwischen den einzelnen Hirnbausteinen entstehen, die einer zunehmenden Sensibilität den Weg ebnete.
Reaktionsfähig werden die einzelnen Regionen in unserem Kopf aber erst durch den Austausch von verschiedenen Botenstoffen. Einige davon sind auch für unsere guten Gefühle verantwortlich. Dopamin, Serotonin und Oxytocin stehen hierbei an vorderer Stelle. Oxytocin wiederum ist ein Stoff, der unter anderem in der Beziehung zwischen Mutter und Kind, aber auch in der sexuellen Partnerschaft eine wesentliche Rolle spielt.
Moleküle ganz anderer Art sind die so genannten »Glückshormone«, mit denen jeder Ausdauersportler vertraut ist. Wer zum Beispiel regelmäßig längere Strecken joggt, kennt den Kick, der die körperliche Anstrengung vergessen macht und scheinbar erschöpfte Kraftreserven wieder wachruft. Hinzu kommen noch die endogenen Opioide: Dies sind, vereinfacht gesagt, vom Körper selbst produzierte, also natürliche »Rauschmittel«, die in bestimmten Erregungszuständen freigesetzt werden. (Hierzu später mehr.)
Wenn die Gefühle verschwinden
Jeder normal veranlagte Mensch kann Glück und Unglück gleichermaßen empfinden: Je nach Gefühlslage ist er heiter gestimmt, lacht sogar oder er bleibt in sich gekehrt, ist den Tränen nahe. Was aber geschieht, wenn die Emotionalität außer Kraft gesetzt ist, weil die Verknüpfungen im Hirn nicht mehr den natürlichen Gesetzen folgen? Das folgende Beispiel dokumentiert einen solchen Fall.
Nach einer schweren Gehirnentzündung fällt der Student Leonhard in einen Zustand vollständiger seelischer und körperlicher Apathie. Nichts kann ihn mehr rühren oder erheitern, auch sein Bewegungsdrang erlischt und seine Miene verkümmert zu einer steinernen Maske. So vergehen fast zwei Jahrzehnte, ehe sich ein junger Arzt namens Oliver Sacks seiner annimmt. Sacks findet heraus, dass Leonards Gehirn kein Dopamin produzieren kann, der Botenstoff des Begehrens, der Erregung und des Lernens. Deshalb verabreicht er ihm künstliches Dopamin in Form eines Medikaments mit dem Namen L-Dopa.
Die Wirkung ist mehr als verblüffend: Innerhalb weniger Tage wird aus dem teilnahmslosen Patienten ein neugieriger, wissenshungriger Mensch mit ausgeprägter Persönlichkeit. Zudem offenbart sich Leonhard als überaus witzig und humorvoll. Mit jedem weiteren Tag lädt sich seine Batterie ein Stück mehr auf, er wird agiler und sucht neue Herausforderungen.
Bis seine Freude mit einem Mal in Melancholie umschlägt und sein erfrischendes Temperament in Hyperaktivität. Plötzlich redet er ohne Unterlass und so schnell, dass das Zuhören schwerfällt. Von einem inneren Dämon getrieben, schreibt er in nur drei Wochen eine mehrere hundert Seiten umfassende Autobiografie. Und zuletzt wird er sogar aggressiv und bedroht seine Mitmenschen bis hin zur Tätlichkeit. Sacks entschließt sich zur Absetzung des Medikaments, worauf Leonard nach nur wenigen Tagen wieder in den ursprünglichen apathischen Zustand zurückfällt. Keine Frage: Der Arzt hatte das Mittel überdosiert – der Zusammenhang zwischen dem fehlenden Botenstoff Dopamin und Leonards Erkrankung jedoch war damit bewiesen.
Übrigens wurde dieser spezielle Fall Jahre später unter dem Titel »Awakenings« (»Zeit des Erwachens«) mit Robert de Niro und Robin Williams in den Hauptrollen verfilmt.
Das Glück – ein einziger Rausch
Wer so etwas wie Glückgefühle empfindet, erlebt nicht automatisch wahrhaftiges Glück. So gibt es beispielsweise eine Reihe von Suchtmitteln, die uns nur glauben machen, glücklich zu sein. Nikotin und Alkohol etwa erzeugen auf künstlichem Weg gute Gefühle – ganz einfach, weil sie gleichfalls den Botenstoff Dopamin freisetzen und den Menschen dadurch euphorisieren. Nicht viel anders wirken Drogen wie Kokain, Heroin und Ecstasy, auch wenn in jedem einzelnen Fall die Hormone unterschiedlich angesprochen werden und die Wirkungsweise differiert.
Dummerweise sind aus eben diesem Grund viele Suchtabhängige zutiefst davon überzeugt, ohne »ihre Droge« nicht mehr zufrieden und ausgeglichen sein zu können. Was sie vermutlich nicht wissen und was tatsächlich erst in den siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts herausgefunden wurde, ist, dass der menschliche Organismus körpereigene Substanzen produziert, die einem Opiat wie Morphium sehr ähneln. Woraufhin die Forscher diesen Substanzen den Namen »Endorphine« gaben, zusammengesetzt aus endo (griechisch: innen) und morphin. Nicht viel später entdeckte man weitere solcher Stoffe (Enkephaline, zuständig für das Wohlgefühl, und Dynorphine, die bei Ekel und Abscheu zum Einsatz kommen) und versammelte sie alle unter der Bezeichnung »Opioide«. Mit anderen Worten: Der Mensch ist von Natur aus bereits auf rauschhafte Zustände programmiert – Drogen sind hierzu also gar nicht notwendig.
Mit Leib und Seele genießen
Menschen wie ihn gab und gibt es zweifellos viele, doch keiner dieser Namen hat im Reich der Sinnesfreuden eine solche Symbolkraft entwickelt wie der des Venezianers Giacomo Casanova (1725 – 1798). Gern wird dieser Lebemann auf den Verführer reduziert, doch er war auch noch Schriftsteller, Theaterdirektor, Bibliothekar, ein geistreicher Unterhalter und gern gesehener Gast an Europas Höfen.
Was ihn in besonderem Maße auszeichnete, war die Lust an Neuem und der immerwährende Drang, seine Umgebung möglichst intensiv zu erleben und zu erfahren. Ein Begehren, das sich längst nicht nur auf Frauen bezog, sondern auf alles, von dem Casanova überzeugt war, dass es ihm Vergnügen bereiten würde.
Betrachtet man das Prinzip Casanovas durch die Brille des Wissenschaftlers, so drängt sich schnell ein enger Zusammenhang zwischen Veränderung und Abwechslung einerseits und Wohlgefühl und Glück andererseits auf. Und in der Tat ist es so, dass wechselnde Einflüsse eine verstärkte Produktion von Dopamin zur Folge haben, eben auch in Liebesdingen.
Allerdings sind nicht alle Menschen auf die gleiche chemische Glücksdosis angewiesen und nicht jeder benötigt gleich viel Abwechslung im Leben, um sich gut zu fühlen. Noch ist nicht geklärt, woran es liegt, dass manche sich in latenter Eroberungsbereitschaft befinden, während andere vollauf zufrieden sind mit dem, was sie (erreicht) haben.
Glaubt man den Liebenden, so kann ein frisch verliebter Mensch von Luft und Liebe leben. Praxistauglicher ist wohl ein Sprichwort, das besagt: Liebe geht durch den Magen. Wobei das so auch nicht ganz stimmt, denn die Lust am Speisen entsteht im Kopf und nicht im Bauch.
Rund 3000 Geschmacksknospen sind in der Mundhöhle verteilt, und die wiederum leiten die aufgenommenen Informationen über nahezu 100 000 Nervenfasern an das Gehirn weiter, und erst dort wird aus der Nahrungsaufnahme das eigentliche Vergnügen. (Mehr über die Lust am Essen und Wissenswertes über Zutaten und Inhaltsstoffe, die dem Menschen guttun, können Sie im Anschluss an unsere Titelgeschichte lesen.)
Am Ende dieses Streifzugs durch die Geheimnisse des Glücks könnten wir Ihnen natürlich viel davon wünschen beim Auffinden desselben. Aber Glücksgefühle sind eben kein Glücksfall, sondern bis zu einem gewissen Grad erlernbar. Und wann beginnen Sie mit Ihrer ersten Lektion?espa
Einige der in diesem Artikel dargestellten Fälle und Zusammenhänge sind ausführlich nachzulesen im Buch »Die Glückformel« von Stefan Klein, erschienen im Rowohlt-Verlag. espa
Das Einmaleins des Glücks
Seit jeher beschäftigt sich der Mensch mit der Suche nach seinem Glück – und übersieht dabei, dass das Glück darin liegt, beschäftigt zu sein. Oder, wie Aristoteles sagt: »Glück ist die Folge einer Tätigkeit.« Was der Einzelne noch tun kann, um sein Wohlbefinden dauerhaft zu steigern, zeigt diese Übersicht:
Emotionen sind keine Kopfgeburten, sondern eine extrem körperliche Angelegenheit. Deshalb fördert jede Form der Bewegung, aber auch Sex das Wohlbefinden.
Nichtstun kann zuweilen notwendig sein, ein Schlüssel zum Glück aber ist es auf keinen Fall. Vielmehr sollte sich der Mensch immer wieder Beschäftigungen suchen und neue Ziele setzen.
Der Mensch ist ein soziales Wesen und deshalb fühlt er sich in der Gesellschaft anderer Menschen grundsätzlich wohler als zu Hause allein. Partnerschaft und Freundschaften sind wesentliche Voraussetzungen für die Zufriedenheit und das Glücksempfinden. (Was nicht bedeutet, dass jede Party mitgenommen werden muss – das bewusste Alleinsein kann und sollte zwischendurch immer wieder seinen Platz im Leben finden.)
Wer seine Umgebung und seine Mitmenschen aufmerksam beobachtet, steht im Dialog und bleibt so weniger in seiner eigenen Gedankenwelt gefangen.










