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Mittwoch, 23. Mai 2012
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Artikel dieser Ausgabe aus Familie & Gesellschaft

Hinter der Brücke wartet der Tod

Kurzkrimi

Leise und sicher glitt seine Limousine auf dem feuchten Asphalt der Landstraße dahin. Neumond – die Nacht war äußerst ungemütlich an diesem nasskalten dritten Adventssonntag. Pralle, schwere Schneeflocken schwebten an den vereisten Ästen der Alleebäume vorbei und setzten sich breit auf die Windschutzscheibe des schweren Wagens. Immer wieder raubten sie dem Mann sekundenlang die Sicht auf die Fahrbahn.
Seiner Stimmung tat das keinen Abbruch – er freute sich auf den Abend mit ihr. Er kramte im Handschuhfach nach der schmalen Zigarilloschachtel und drückte den Zigarettenanzünder. Schließlich war sie diejenige, die ihn mehr liebte als alles auf der Welt, dachte er, als er sein Zigarillo anzündete, die alles gab für Komplimente, für Zärtlichkeiten.
Er lächelte und strich sich mit den manikürten Fingern durchs Haar. Klappt doch alles wie am Schnürchen, überlegte er. Wahrscheinlich wirbelte sie gerade mal wieder in der Küche, um ihn gleich mit dem versprochenen Entenbraten und einer dekantierten Flasche Monjac, Jahrgang 1984, zu verwöhnen – vorsichtig klopfte er die Asche in die dafür vorgesehene Schublade.
Unterm Tannenbaum würde er ihr dann den ersehnten Heiratsantrag machen, auch wenn sie schon einmal über eine Hochzeit gescherzt hatten. Er runzelte die gebräunte Stirn. Vielleicht sollte er ja langsam mal festlegen, wie lange sie …
Zu weiteren Überlegungen kam der Mann nicht mehr. Plötzlich durchbrach sein Wagen eine behelfsmäßige Holzabsperrung vor einer alten Brücke und schoss mit großer Geschwindigkeit in einen Kanal.
„Hilfe! Hilfe! Helft mir doch!“, schrie er mit heiserer Stimme, obwohl ihn hier am Rande der Stadt natürlich keiner hören konnte. Eine kurze Zeit schaukelte die Limousine noch wie ein Amphibienfahrzeug auf dem eiskalten Fluss, dann begann sie langsam zu sinken.
„Nein, nein, das darf doch alles nicht wahr sein“, japste er in Todesangst. Um ihn herum war es plötzlich stockdunkel. Mit zitternden Händen versuchte er, den Schalter für die elektronischen Fensterheber zu ertasten. Es war nicht möglich. Er kannte den Wagen schließlich erst seit dem Vortag.

Margit zündete die erste Kerze ihres Adventskranzes an und kontrollierte zufrieden ihre Arbeit: Die Tischdecke war blütenweiß und frisch gestärkt, das Besteck in der richtigen Reihenfolge um ihre hübschen Platzteller angeordnet, die Rotweingläser poliert.
Als die Türglocke klingelte, begann ihr Herz schneller zu schlagen. Karl! Obwohl Margit schon dreimal verheiratet war, konnte sie sich nicht erinnern, jemals so verliebt gewesen zu sein wie in ihren Verlobten Karl. Seine Augen strahlten Ehrlichkeit und Treue aus, er war einer, der sie niemals wie seine Vorgänger belügen und betrügen würde.
„Guten Abend, mein Liebling, was bist du heute wieder bildhübsch!“ Galant führten Karls manikürte Finger Margits Hand zu den Lippen. Er deutete einen Handkuss an, der in Margits Bauch Schmetterlinge in Aufruhr versetzen.
„Und was duftet bei dir wieder so herrlich aus der Küche?“, lächelte er.
„Wildschwein mit Steinpilzen“, antwortete sie und musterte ihn liebevoll. „Den Château du Monjac von 1984 und die Ente à l’orange bekommst du dann beim nächsten Besuch, mein Schatz. Ich weiß doch, dass das dein Lieblingsbraten ist.“
Abermals küsste Karl Margit die Hand: „Liebling, du bist wunderbar.“
Auch heute verbrachten Margit und Karl einen romantischen Abend. Margit weidete sich wie immer am Anblick seines gepflegten Äußeren – welcher Mann seines Alters besuchte schon regelmäßig ein Kosmetik- und Sonnenstudio? Ebenso genoss sie Karls Begeisterung über ihre perfekt gegarte Wildschweinkeule.
„Wie geht es eigentlich deiner Firma inzwischen?“, fragte sie und schenkte ihm Rotwein nach. Sie machte sich Sorgen um den alteingesessenen Import-Export-Betrieb, dem die hohen Lohnkosten Karls Schilderungen zufolge zunehmend zu schaffen machten.
„Ach mein Häschen, das ist eigentlich kein Thema für einen so gelungenen Abend wie diesen“, seufzte Karl und tupfte sich mit der gestärkten Serviette die Lippen. „Aber wenn wir schon darüber sprechen – wenn du mir noch einmal, ein letztes Mal, unter die Arme greifen könntest …“
„Aber sicher, mein Schatz“, lächelte Margit und legte Karl einen Löffel Steinpilze nach. „Ich kann mir gut vorstellen, dass dich das gerade ausbezahlte Weihnachtsgeld in die Knie zwingt.“
Seit ihrer ersten Begegnung vor drei Jahren klagte Karl über schleppende Geschäfte seines einst so blühenden Fernost­handels. Selbstverständlich unterstützte sie ihn seitdem regelmäßig mit großzügigen Geldüberweisungen. Schließlich hatten ihre untreuen Exmänner sie nach den Scheidungen großzügig abgefunden, um ihr schlechtes Gewissen zu beruhigen, und Kinder waren ja auch nicht da. Außerdem würden sie bald heiraten.

Zwei Wochen später – es war der Nachmittag des dritten Advents – blätterte Margit im Lokalteil ihrer Zeitung. Es war ein ungemütlicher, nasskalter Tag, an dem es gar nicht richtig hell geworden war. In Margits Backofen schmurgelte seit geraumer Zeit ein Entenbraten und versetzte sie in wohlige, vorweihnachtliche Stimmung. Sie schenkte sich eine Tasse heißen Rumpunsch ein – ihr Lieblingsaperitif vor weihnachtlichen Festessen – und studierte die Meldungen.
Später konnte sie sich nicht mehr daran erinnern, warum sie so laut aufgeschrien hatte. War es, weil ihr die heiße Punschtasse entglitten war und sich über die Hand ergossen hatte – oder war es der Polizeibericht über die Suche nach einem dreisten Heiratsschwindler, der jahrelang in der Region sein Unwesen getrieben und mit seiner Lügengeschichte über eine schlecht laufende Import-Export-Firma nachweislich sechs alleinstehenden Damen unvorstellbar hohe Geldsummen aus der Tasche gezogen hatte? Sogar eine Limousine der Luxusklasse soll sich der Betrüger vor kurzer Zeit bestellt haben.
Margit drehte den Wasserhahn auf und ließ kaltes Wasser über ihre verbrühte Hand laufen. Gleichzeitig las sie noch zur Beruhigung eine Meldung über eine defekte Kanalbrücke in ihrer Nähe, die abgebrochen werden musste. Sie schnäuzte sich und sah hinaus in die Nacht. War heute nicht Neumond? Eine Nacht, so schwarz, dass man draußen nicht die Hand vor Augen sah?
Da stand ihr Plan fest. Karl war gerade auf dem Weg zu ihr, bald würde er dem Umleitungsschild vor der Brücke folgen, das bei seinem letzten Besuch noch nicht da war – wieso Umleitung?, dachte sie und lächelte kalt. Rasch nahm sie ein paar schwarze Müll­säcke und etwas Schnur aus der Besenkammer. Dann schlüpfte sie in den Mantel und verließ das Haus.

Wiebke Sundermann

Illustrationen: Karin Zander