Artikel dieser Ausgabe aus Familie & Gesellschaft
Meine Gesundheitsapotheke
Hier spielt die Musik
Musiktherapie
Keine andere Kunstform wird vom Rezipienten so unmittelbar aufgenommen wie die Musik: Klänge wirken sich direkt auf unsere individuelle Stimmung aus. Kein Wunder also, dass bereits im Altertum Musik therapeutisch eingesetzt wurde.
Die Kinder des Monsieur Mathieu“ – wer diesen Film kennt, liebt ihn sicher auch. In dieser Oscar-nominierten französisch-deutsch-schweizerischen Koproduktion von 2004 spielt Gesang eine Hauptrolle. Herr Mathieu, Musiklehrer und Chorleiter an einem Internat für verhaltensauffällige Jungen, findet den Zugang zu seinen Schülern mittels der Kraft der Musik. Dieser Film stimmt hoffnungsvoll und macht neugierig!
Aufgrund ihrer magischen und mystischen Wirkung war die Musik schon früh mit Heilung verknüpft. Schon in der Antike glaubte man, dass sich kranke Menschen in „Unordnung“ befänden, und man versuchte, mit Hilfe der Musik die seelische Harmonie wiederherzustellen.
In der Epoche der Romantik wurde die Musik in der Medizin mehr unter psychologischen Gesichtspunkten betrachtet und erforscht. Die verschiedenen Teilbereiche der „Musiktherapie“, die heutzutage praktiziert werden, kristallisierten sich erst nach dem Zweiten Weltkrieg heraus.
Vielfältige Ansätze
Die Musiktherapie zählt wie die Therapien mit Tanz und mit gestaltender Kunst zu den sogenannten Künstlerischen Therapien. Der Definition nach bezeichnet dieser Begriff den gezielten Einsatz von Musik innerhalb einer therapeutischen Behandlung zur Wiederherstellung, Erhaltung und Förderung der körperlichen, geistigen und seelischen Gesundheit.
Diese Disziplin ist praxisorientiert und steht in Wechselwirkung mit verschiedenen Wissenschaftsbereichen, insbesondere Medizin, Psychologie, Pädagogik, Gesellschafts- und Musikwissenschaft.
Die einzelnen Methoden beruhen dabei unter anderem auf einer tiefenpsychologischen, anthroposophischen oder ganzheitlich-humanistischen Grundlage. Es gibt also verschiedene „Schulen“ und damit unterschiedliche Verfahren der Musiktherapie. Hier drei Beispiele: Der musikmedizinische Ansatz: Der Begriff „Musikmedizin“ wurde in den 70er Jahren von Medizinern geprägt, die ihre eigenen musikalischen Kenntnisse eher experimentell bei bestimmten Patientengruppen anwendeten.
Daraus entwickelten sich nach und nach, abhängig vom jeweiligen Krankheitsbild, unterschiedliche Anwendungsmethoden. Der schöpferische Ansatz: Hier stehen der Mensch und sein künstlerisches Potenzial im Mittelpunkt. Der verhaltenszentrierte Ansatz: Hier wird Musik aktiv und rezeptiv eingesetzt (mehr dazu im nächsten Absatz).
Den richtigen Ton zu treffen erfordert Geduld
Depressionen, Borderline, Ess- und Angststörungen, Tinnitus, chronische Schmerzen oder auch Migräne: Bei der Behandlung all dieser Krankheiten kommt die Musikeinzel- oder -gruppentherapie zum Einsatz. Auf diese sanfte Methodik sprechen gerade auch „Frühchen“ und Kinder an, die zum Beispiel am Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom (ADS) oder an einer Störung des Sozialverhaltens leiden. Um zu kommunizieren, wird die Sprache durch Musik ersetzt. Das Instrument, das Medium, übernimmt hierbei eine Art Brückenfunktion.
Die rezeptive ist die älteste Form der Musiktherapie. Die Musik wird – ob vom Therapeuten gespielt oder über eine Anlage – passiv wahrgenommen. Die aktive Therapie ermöglicht dem Patienten, sich nicht nur verbal und nonverbal, sondern auch musikalisch selbst auszudrücken. Er spielt ein Instrument (zum Beispiel Trommel, Xylophon oder einen selbst gefertigten Klangkörper) oder wählt ein „körpereigenes“ (Singen, Klatschen, Stampfen). Es ist aber keineswegs Voraussetzung, dass man ein Instrument beherrscht, denn es wird ohnehin meist aus der Situation heraus improvisiert.
Hilfe ist in Hörweite
Gertrud Orff, Musiktherapeutin und zweite Ehefrau des berühmten Komponisten Carl Orff („Carmina Burana“), entwickelte einen Ansatz, der nun seit über 30 Jahren bei Patienten aller Altersgruppen praktiziert wird. Im spielerischen Umgang mit Instrumenten erlernt zum Beispiel ein Kind Freude an Musik, an der Bewegung und den selbstbewussten Dialog mit seiner Umwelt. Gemeinsames Improvisieren fördert den individuellen Ausdruck und sensibilisiert die Wahrnehmung.
Musiktherapie im Allgemeinen gehört nicht zu den Regelleistungen der Krankenkassen. Noch nicht! Bis dato gibt es nur in Einzelfällen bei entsprechender Zulassung des Therapeuten Zuschüsse. Die Erfolge aber sind nicht von der Hand zu weisen. Dieser künstlerische Ansatz hat das Gesundheits-, das Sozial- und das Bildungswesen um den kreativen therapeutischen Ansatz bereichert. Mittlerweile gibt es ein vielfältiges Aus- und Weiterbildungsangebot auf nationaler und internationaler Ebene.
Und die Musiktherapie, die sich als einen eigenständigen Heilberuf begreift, ist seit langer Zeit auch in Deutschland eine Hochschuldisziplin.
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