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Mittwoch, 23. Mai 2012
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Artikel dieser Ausgabe aus Familie & Gesellschaft

Hier kommt allerlei zum »Vorschwein«!

Freud´sche Versprecher und andere Alltagspannen - was steckt dahinter?

Wenn jemandem etwas ganz anderes über die Lippen rutscht, als er eigentlich sagen wollte – dann ist das oft einfach nur herzerfrischend lustig! Doch seit der berühmte Wiener Arzt und Psychoanalytiker Sigmund Freud dieses Phänomen wissenschaftlich unter die Lupe genommen hat, stehen Versprecher in dem Ruf, viel mehr über den Urheber zu verraten, als diesem lieb und recht ist.

In seiner 1901 veröffentlichten Psychopathologie des Alltagslebens liefert Freud viele anschauliche Beispiele dafür, wie solche vielsagenden Versprecher zustande kommen.

»Dann aber sind Tatsachen zum Vorschwein gekommen …« etwa sagt ein Mann, während er über Vorgänge berichtet, die er schlicht für Schweinereien hält. So direkt will er das – eigentlich – aber nicht sagen. Sein Versprecher bringt aber dennoch klipp und klar zum Vorschein, was er wirklich denkt.

»Da ging mir ein Groschen auf!«
Solche Versprecher haben im Gefüge unserer Psyche ihren Sinn, sagt der Begründer der Psychoanalyse. Hier melden geheime, ins Unbewusste verdrängte Gedanken und Wünsche mit Wortgewalt ihr Recht an. Im Versprecher gehen sozusagen das bewusst erlebende und handelnde, auf die Realitäten und Vorgaben der Umwelt bezogene Ich und die aus dem Es kommenden persönlichen Triebregungen einen spontanen Kompromiss ein. Man setzt sich über eine Zensur hinweg, die man sich selbst auferlegt hat.

Längst nicht jeder Versprecher ist jedoch gleich eine echte »Freud’sche Fehlleistung«. Die meisten von ihnen hängen eher mit den Untiefen der Sprache als mit den Untiefen der Seele zusammen. In ihrem Buch Reden ist Schweigen, Silber ist Gold führt die Frankfurter Linguistik-Professorin Helen Leuninger zahlreiche Beispiele für solche
harmlosen Fälle an. Sie ergeben sich schlicht daraus, dass man zwei einander sehr ähnliche Silben- oder Wortstrukturen vertauscht oder auch zwei Redensarten miteinander vermischt. So entstehen dann rührende Liebeserklärungen wie »Du bist mein Ein und O!«, Anstandsregeln wie »Man isst nicht mit vollem Munde!« oder Lebensweisheiten wie »Eine Krähe
wäscht die andere«.

»Das sind doch alles Probleme wie du und ich!«
Etwas verfreudlicher – pardon, verfänglicher natürlich! – wirken da schon Bemerkungen wie »Sei unberuhigt!«, »Die Dame reizt nicht mit ihren Geizen!« oder »Ich sehne mich nach hormonischen Stunden zu zweit!«

Gerade erotische Bedürfnisse, Wünsche und Fantasien werden laut Freud oft nicht klar ausgesprochen, weil Ich ja nicht unanständig wirken will. Dem Es aber sind die gesellschaftlichen Spielregeln der Sittlichkeit egal, Es platzt per Versprecher munter mit seinem Verlangen heraus – oder auch damit, dass Es jemanden zutiefst »liebenswidrig« findet, obwohl Ich doch gerade etwas von »liebenswürdig« heucheln wollte.

»Wir sollten pfleglicher miteinander untergehen!«
Im Geschäftsleben, in der Politik oder auf öffentlichen Veranstaltungen ist es besonders peinlich, wenn einem das eigene Unterbewusstsein einen für jedermann hörbaren Streich spielt. So erging es zum Beispiel einem Präsidenten des österreichischen Abgeordnetenhauses, der eine Sitzung, von der er sich wohl nichts Gutes versprach (oder zu der er vielleicht auch nur schlicht keine Lust hatte) mit den Worten eröffnete: »… und erkläre somit die Sitzung für geschlossen.«

Ebenso ehrlich ist Es, wenn man Vorstands- beziehungsweise Ausschussmitglieder bei Geldbedarf gleich zielgerichtet als »Vorschussmitglieder« anspricht. Hintergründige Bemerkungen wie: »Also, wenn Sie unser Misstrauen verbrauchen wollen ...« können Verhandlungen durchaus belasten, aber: »Wir stehen natürlich rückgratlos hinter Ihnen!« Rückhaltlos auch?

»Vergessen Sie, mich daran zu erinnern!« Hier vergaß das Unterbewusstsein des gestressten Kollegen wohl ganz bewusst das Wörtchen »nicht«? Auf Betriebsfeiern kann einem ebenfalls allerlei herausrutschen. Zum Beispiel ein kleiner »Stinkspruch« wie: »Ich fordere Sie auf, auf das Wohl unseres Chefs aufzustoßen!«

Wie Veronika den Weg nach Verona versperrte.
Der Versprecher – vornehmer auch »Lapsus linguae« genannt – ist nur eine von zahlreichen Freud’schen Fehlleis­tungen im Alltag. Auch durch Verhören, Verschreiben oder ein vorübergehendes Vergessen von vorhandenem Wissen kann allerlei »zum Vorschwein« kommen. So berichtet Freud zum Beispiel von einem Mann, dem der Ortsname Verona partout nicht einfallen wollte – sehr wahrscheinlich deshalb, weil er gerade mit einer massiven Abneigung gegen eine Frau namens Veronika zu kämpfen hatte. Den Namen des Freud-Kollegen C.G. Jung dagegen hatte eine 39-jährige Dame vergessen, der das eigene Altern sehr zu schaffen machte.

Nicht nur in Worten, sondern auch durch Taten machen sich unsere wahren Empfindungen bemerkbar. Wer Gegenstände verliert oder durch Ungeschicklichkeit zerstört, will sie manchmal wirklich lieber loswerden. Doch manchmal kann »versehentliches« Kaputtmachen auch als ein unbewusstes Opferritual gedeutet werden, das man für die Einlösung eines wichtigen persönlichen Wunsches erbringt.

Aus dem Urgrund der Seele gelangen gewisse magische Vorstellungen in den nüchternen Alltag; und manchmal auch sehr rührende und liebevolle Botschaften: Wenn Sie sich zum Beispiel an einer fremden Wohnungstür dabei erwischen, dass Sie Ihren eigenen Schlüssel zücken, statt zu klingeln, dann sagt Es in Ihnen: »Bei diesen Menschen fühle ich mich zuhause!«

»Ich will da kein Brett vor den Mund nehmen!«
Was macht man nun, wenn einem selbst ein »peinlicher Freud’scher« passiert ist? Fallen Sie daraufhin nicht gleich »aus allen Socken«! Schenken Sie sich selbst und den übrigen Anwesenden lieber »reinen Tisch ein«! Welche wahre Meinung, welche verdrängten Bedürfnisse oder welche inneren Konflikte könnten Sie da zu einem Versprecher oder einer Tollpatschigkeit getrieben haben? Solche Analysen helfen, sich selbst besser zu verstehen.

Und nehmen Sie das, was Ihnen da »in einem Abfall geistiger Anwesenheit« herausgerutscht ist, auf jeden Fall mit Humor: »Das war doch wieder mal ein richtig schöner Verbrecher!«mimu

Illustrationen: Karin Zander