Artikel zum Thema Familie&Gesellschaft

 
Sie sind hier: Familie & Gesellschaft / Artikel
Mittwoch, 23. Mai 2012
...

Artikel dieser Ausgabe aus Familie & Gesellschaft

Große Klappe und viel dahinter

Er verfügt über ein auffälliges Markenzeichen und starke Symbolkraft: Der Pelikan ist mehr als ein »gewöhnlicher« Vogel.

Ein bekanntes deutsches Unternehmen ernannte 1878 den Pelikan zum Wappentier der Familie und zugleich zum Markenzeichen der Firma – und damit war dieser Wasservogel schnell in aller Munde.

Der Unternehmensgründer Günther Wagner erkannte als einer der ersten Industriellen den »wirtschaftlichen Wert« des Pelikans, dem natürlich schon zu jener Zeit in der kirchlichen Ikonografie, in der Mythologie und im Volksglauben, aber auch als Wappentier große Symbolkraft zugeschrieben wurde.


Starker Symbolcharakter

Der Pelikan steht seit Urzeiten sinnbildlich für Opferbereitschaft, Nächstenliebe und Familiensinn. Dargestellt wird er stets mit einigen Bluttropfen auf Brusthöhe, umringt von seinen Jungen.

Er habe sich selbst mit dem Schnabel die Brust aufgestoßen, um seinen Nachwuchs mit dem eigenen Blut zu nähren, so heißt es. Allegorisch wurde diese Handlung mit dem Opfertod Jesu Christi gleichgesetzt, wodurch der Pelikan zu einem in der gesamten christlichen Kunst häufig verwendeten Motiv avancierte. Aber auch in der Heraldik (Wappenkunde) taucht er immer wieder auf: So ist er beispielsweise auf dem Wappen und der Flagge des US-Bundesstaates Louisiana, der französischen Stadt Arbois sowie des brandenburgischen Luckenwalde verewigt worden.


Hier geht noch was!

Trotz dieser aus (kunst-)historischer Sicht bedeutungsvollen Rolle führt der reelle Pelikan (Pelecanidae, Pelecanus), der zur Familie der Wasservögel und zur Ordnung der Ruderfüßer gehört, eigentlich von Haus aus ein recht unspektakuläres Leben: Pelikane sind auf fast allen Erdteilen vertreten und bewohnen tropische, subtropische und gemäßigte Zonen.

In Europa befinden sich Vorkommen auf dem Balkan, wobei die Kolonien des Rosa- und Krauskopfpelikans im Donaudelta zu den bekanntesten zählen. Nebenbei bemerkt kann der Krauskopfpelikan – als größte Art der Gattung – eine Körperlänge von 180 Zentimetern, eine Flügelspannweite von drei Metern und ein Gewicht von 13 Kilogramm erreichen. Der kleinste Vertreter dieser Art ist der Braune Pelikan: Er bringt es lediglich auf eine Flügelspannweite von zwei Metern und ein Körpergewicht von vier Kilogramm.

Allen Pelikanen ist aber eines gemein: Der im Vergleich zur Körpergröße auffällig lange Schnabel, der bei großen Arten bis zu einem halben Meter misst und über einen Unterschnabel verfügt. Von dem hängt ein außerordentlich vergrößerter und dehnbarer Kehlsack herab, der bis zu 13 Liter Wasser – mitsamt Fischen! – fassen kann.


Ein echter Schluckspecht!

Fische stehen auf dem Speiseplan des Pelikans ganz weit oben. Etwa zehn Prozent seines Körpergewichts verspeist er davon am Tag. Und da sie ihm nicht gerade vor die Füße fallen, muss er zunächst auf die Jagd gehen - und das tut er am liebsten in der Gruppe: Pelikane setzen verschiedene Jagdmethoden ein, wobei sie am häufigsten schwimmend eine geschlossene Hufeisenformation bilden und die Fische in Richtung seichter Stellen treiben, indem sie mit den Flügeln auf das Wasser schlagen. Dort brauchen sie dann nur noch ihre Futterluken öffnen und die Fische hineingleiten lassen.

Der Braunpelikan ist als einziger ein so genannter Stoßtaucher, der Fische auch in größeren Tiefen aufspürt, indem er sich im Sturzflug aus zehn bis 20 Metern senkrecht herabfallen lässt.


Über den Wolken …

… ist die Freiheit zwar grenzenlos, aber man muss dort auch erst einmal hinkommen. Denn obgleich Pelikane aufgrund ihren langen, breiten Flügel ausgezeichnete Thermiksegler sind, macht ihnen beim Start ihr Körpergewicht außerordentlich zu schaffen: Ein Pelikan muss, bevor er sich in die Lüfte erhebt, zunächst eine lange Strecke über die Wasseroberfläche laufen und dabei energisch mit den Flügeln schlagen. Hat er diesen Schwerstakt dann aber bewältigt, beweist er in luftigen Höhen sein ganzes Können: Pelikane können 24 Stunden mit bis zu 56 km/h ohne Pause fliegen und dabei bis zu 500 Kilometer zurücklegen. Um den schweren Schnabel dabei nicht zur Last werden zu lassen, legen sie den Kopf im Flug einfach seitlich auf die Schultern!


Niemand ist sicher

Leider wurden (und werden) in vielen Teilen der Welt auch Pelikane gejagt: In Ostasien beispielsweise gilt die Fettschicht der Jungvögel als Heilmittel in der Traditionellen Chinesischen Medizin, in Indien wird sie gegen rheumatische Beschwerden eingesetzt, und in Südosteuropa werden aus den Kehlsäcken der Schnäbel Beutel und Futterale hergestellt.

Aber auch die Fischer, griechische und türkische zum Beispiel, sind auf Pelikane schlecht zu sprechen, da den Vögeln der schlechte Ruf vorauseilt, sie würden die Fischereierträge drastisch schmälern. Zwar ist keine Pelikanart ernsthaft bedroht, doch ihr Bestand ist beträchtlich zurückgegangen.

chris

Der Flug-Start ist ein kleiner Gewaltakt. Wohl dem, der schnell laufen kann.
Mit einem Happs ist alles weg: Mit dem Kopf voran werden die leckeren Fische verschlungen.
Fotos: Shutterstock (4)