Artikel dieser Ausgabe aus Familie & Gesellschaft
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Es muss nicht immer Gans sein
Wir sagen, er ist schlau, flink und sehr geschickt. Das klingt ja zunächst so, als würden wir viel vom Fuchs halten. Allerdings wird dem »Schurken« auch immer die Sache mit der Gans nachhängen - und das verheißt nichts Gutes.
Ende des 12. Jahrhunderts schrieb der Franzose Pierre de Saint-Cloud den »Roman de Renard«, eine als Parodie auf den höfischen Lebensstil gedachte Geschichte, die den Fuchs in einer Doppelrolle als Schurken und Helden darstellte. Auch Goethes Epos »Reineke Fuchs« von 1793 trug dazu bei, das Bild eines durchtriebenen Raubtieres zu kreieren, das zu jeder Lüge und Schandtat bereit war. Und dann ist da noch dieses Kinderlied, das sich fest in unseren Köpfen verankert hat. Hat denn niemand Mitleid mit dem an Hunger leidenden Fuchs? Sind etwa alle auf der Seite der Gans?
Aber wer ist dieser kleine rote, scheinbar so unberechenbare Kerl, den alle Welt nur kurz als »Fuchs« und nicht – wie es richtig wäre – als »Rotfuchs« betitelt?
Von Freunden und Feinden
Der Rotfuchs ist der einzige mitteleuropäische Vertreter seiner Art und Menschen verfolgen jeden seiner Wege mit Argusaugen. Manche von ihnen sind angetan von seinem Fell und verarbeiten es in tausendundeiner Variante, angefangen vom Pelz bis hin zum Fuchsschwanz für die Auto-Antenne. Andere wiederum verfolgen ihn, weil sie ihre eigenen (Haus-)Tiere vor ihm beschützen wollen, den Dritten macht es einfach Spaß, ihn hoch zu Ross und begleitet von aufgeregtem Hundegebell querfeldein zu jagen. Wer solche »Freunde« hat, braucht sich eigentlich vor seinen natürlichen Feinden wie den Raubvögeln und Wölfen und Krankheiten wie der Tollwut kaum noch fürchten …
Natürlich legalisiert das hohe Aufkommen einer Tierart nicht automatisch ihre Bejagung. Aber Tatsache ist, dass Rotfüchse (Vulpes vulpes) von allen wild lebenden Fleischfressern das größte geographische Verbreitungsgebiet haben und nicht im Geringsten als gefährdet eingestuft werden: Ihre Heimat ist Nordamerika, fast ganz Europa und Nordafrika sowie der mittlere Osten, Asien und Teile Sibiriens. Selbst in Japan, China und Nordindien sind sie zuhause. Seit 1850 bevölkert eine große Zahl Rotfüchse selbst Australien.
Bei uns in Deutschland ist der Rotfuchs ebenfalls fast überall verbreitet. Ob im Flachland, in Wäldern und in Gebirgen bis 3000 Meter Höhe, an Küsten und in unmittelbarer Nähe zu menschlichen Siedlungen: Der Rotfuchs begegnet einem sozusagen auf Schritt und Tritt.
Klarer Wiedererkennungseffekt
Leicht erkennt man den Rotfuchs an seinem langen, dichten, rötlich gefärbten Pelz, an seiner spitzen Schnauze, den dunklen Pfoten, den dunklen Ohrenhinterseiten und an der meist weißen, buschigen Schwanzspitze. Ebenfalls typisch für ihn ist ein schlanker Körper. Natürlich sind die Körper- und Gewichtsmaße des Rotfuchses geografisch und jahreszeitlich bedingten Schwankungen unterworfen, aber im Schnitt erreicht ein Rotfuchs eine Kopf-Rumpf-Länge von einem halben bis einem Meter, eine Schwanzlänge von 30 bis 50 Zentimetern, eine Schulterhöhe von etwa 40 Zentimetern und ein Gewicht von fünf bis acht Kilogramm.
Die Ähnlichkeiten sind verblüffend
Während Rotfüchse offiziell zur Familie der Hunde (Canidae) gehören, weisen sie einige deutliche Parallelen zu Katzen auf: Sie klettern ebenso gut wie unsere Stubentiger, schleichen sich genauso lautlos an ihre Beute heran und erhaschen sie mit einem ähnlich gekonnten, exakten Beutesprung.
Obwohl Rotfüchse und Katzen theoretisch verschiedenen Familien angehören, haben sie aufgrund der gemeinsamen Spezialisierung auf kleine Nager als Beutetiere im Laufe der Evolution eine ähnliche Entwicklung durchgemacht. Anders als bei einer Katze jedoch wird die Beute durch einen Genick- oder Kehlbiss erlegt und »totgeschüttelt«, ein Verhalten, das eher Hunde zeigen. Außerdem können Rotfüchse gut schwimmen – auch das ist hundetypisch.
Die Zeitspanne der Jagd entspricht wiederum der einer Katze: Rotfüchse sind besonders während der Dämmerung und nachts aktiv und sie bevorzugen es, als Einzelgänger »on tour« zu sein. Jetzt ist kaum jemand sicher vor dem umtriebigen Allesfresser. Auf dem Speiseplan stehen neben dem Favoriten Maus auch Vögel, Insekten, Regenwürmer, Aas, Früchte und Beeren. Und wenn es die Situation gebietet, dann dringt »Reineke Fuchs« selbst in Stallungen ein und erbeutet dort auch mal Hühner, Gänse, Enten, Hasen oder Kaninchen.
Nur gemeinsam ist man stark
Bei allen kursierenden Geschichten über die Schläue und List von Füchsen darf aber nicht vergessen werden, dass ein Fuchs allein auf weiter Flur auch keine Wunder vollbringen kann: Natürlich hat ein einzelnes Tier, sei es ein Huhn oder eine Gans, keine Chance gegen den Jäger, aber tritt es in einer ganzen Schar auf, dann weiß sich das Federvieh mit schlagenden Flügeln und hackenden Schnäbeln durchaus zu wehren.
Dass es ein Vorteil sein kann, in einer Gruppe zu leben, das hat wohl auch der Einzelgänger Rotfuchs irgendwann einmal erkannt. Denn Ende der 70er-Jahre zeigten Beobachtungen im englischen Oxford, dass Rotfüchse entgegen aller bisherigen Auffassungen durchaus zum Rudelleben tendieren. Sie wurden von Forschern dabei beobachtet, wie sie dort in Familiengruppen mit Jungtieren lebten und ein ausgeprägtes Sozialleben zeigten. So helfen sich zum Beispiel Fähen, die Weibchen also, gegenseitig bei der Aufzucht der Jungen.
Es ist in manchen Lebenssituationen eben besser, wenn man doch nicht alles alleine regeln muss. Ganz schön schlau, lieber Fuchs …chris





