Artikel dieser Ausgabe aus Familie & Gesellschaft
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Eltern auf Probe
Lernen durch eigenes Erleben – Die coop eG finanziert ein Elternpraktikum für Jugendliche von pro familia Kiel.
Auf ein ganz besonderes Projekt der pro familia-Beratungsstelle Kiel ließen sich neun Mädchen der Realschule Schönberg ein. Auf eigenen Wunsch erprobten sie hautnah das Leben mit einem Babysimulator. Für drei Tage und zwei Nächte übernahmen sie die Pflege »ihres Kindes« und mussten zunächst herausfinden, was ihr Baby benötigt.
Dabei blieben die »Eltern auf Probe« nicht sich selbst überlassen. Ein sexualpädagogisches Mann/Frau-Team begleitete sie intensiv in Gruppen- und Einzelgesprächen. Gemeinsam wurden Probleme besprochen und Lösungswege erarbeitet. »Aus unserer Sicht ist auch die Bereithaltung einer »24-Stunden Handy-Hotline« zur Krisenintervention unverzichtbar«, so Dominik Hohnsbehn, Sexualpädagoge im pro familia-Team.
Kinderwunsch oder Karriere?
»Eltern auf Probe« ist ein Präventionsprojekt für Jugendliche ab 15 Jahren basierend auf dem Konzept der Firma babybedenkzeit. Für einige Tage und Nächte schlüpfen Mädchen und Jungen in die Rolle von Eltern. Sie versorgen allein oder zu zweit eigenverantwortlich »ihr« Baby. Mit einem so genannten Säuglingssimulator (RealCareBaby/USA) erleben sie den realistischen Alltag mit einem Neugeborenen. Das Computerbaby wird mit verschiedenen Tages- und Nachtrhythmen eines drei Monate alten Kindes programmiert.
Es muss gefüttert, gewickelt und geschaukelt werden, kann zufrieden glucksen und aufstoßen, der empfindliche Halsbereich muss gestützt werden. Es reagiert auf Vernachlässigung, starkes Schütteln und grobe Behandlung. Die Elektronik zeichnet alle Vorgänge auf. Ziel des Projektes ist die Auseinandersetzung mit der eigenen Lebensplanung, nicht die Abschreckung vor frühzeitiger Schwangerschaft.
Die Erfahrungen aus den zurückliegenden Projekten zeigen, dass viele Schülerinnen und Schüler den Kinderwunsch um einige Jahre nach hinten verschieben. Sie äußern sich häufig überrascht, wie anstrengend und fordernd ein Säugling ist und sind erstaunt zu erleben, welche Auswirkungen die Elternschaft auf Probe auf ihre Freizeitaktivitäten hat.
Vor dem Projekt nehmen die Teilnehmenden oft an, ein Baby verbessere ausschließlich die Beziehung zum Partner oder zur Partnerin. Besondere Belastungen für die Partnerschaft wie Übermüdung, Abstimmungsschwierigkeiten und Konflikte über Erziehungsstile wurden von den Jugendlichen erst nach der »Eltern auf Probe«-Erfahrung gesehen.
»Mutter-Sein« für zwei Tage
Da die pro familia-Beratungsstellen nur zu einem Teil mit öffentlichen Mitteln gefördert werden, muss für sexualpädagogische Angebote ein Kostenbeitrag erhoben werden. Ohne die Unterstützung von Sponsoren wie der coop eG wären viele Projekte nicht realisierbar. Frau Bertelsen, Lehrerin an der Schönberger Realschule und Initiatorin des Projekts, ist froh, dass das Projekt an ihrer Schule durchgeführt werden konnte.
Neun ihrer Schülerinnen nahmen an dem freiwilligen Projekt teil und trafen sich an jedem Projekttag von 8 bis 13 Uhr. Ein gemeinsames Frühstück diente vor allem dem Austausch der zum Teil müden und gestressten »Eltern auf Probe«. Hier wurde deutlich, wie wichtig ein Netzwerk für junge Eltern ist, um Erfahrungen auszutauschen, Frust loszuwerden und sich Anregungen und Unterstützung zu holen, vergleichbar mit Still- oder Krabbelgruppen und Müttercafés.
An den Vormittagen wurden Themen wie Erziehung, Verantwortung, Bedürfnisse von Kindern und Eltern, Partnerschaft und Verhütung bearbeitet. Die Schülerinnen diskutierten rege, ob ein Klaps dem Kind wohl schadet, ob man ein Kind mal schreien lassen soll und was Kinder stark macht. Gemeinsam wurde zusammengetragen, welche Kosten im ersten Jahr des Kindes entstehen.
Außerdem erarbeitete jedes Mädchen, wo es in zehn Jahren sein und welche Schritte es bis dahin gehen möchte. »Lernen oder Schule kann ich mir mit so einem Baby kaum vorstellen!« stellte eine Schülerin fest, nachdem die sechs Babysimulatoren auch während dieser Zeit aktiv waren und versorgt werden wollten.
Wegweisende Erlebnisse
Sexualpädagogin Yonca Gebhardt ist immer wieder begeistert von den Jugendlichen: »Diejenigen, die sich für dieses Projekt entscheiden, sind hoch motiviert und arbeiten sogar an ihrem Wochenende mit uns. Obwohl sie häufig müde sind und an ihre Grenzen kommen, halten sie bis zum Schluss durch. Ein großes Lob dafür!« Das Projekt endete mit einer Auswertung und einer Rückmeldung. Dabei geht es nicht um Schulnoten fürs »Eltern-Sein«, sondern darum zu reflektieren, was gut gelaufen ist, was schwierig war und wie Überforderung vorgebeugt werden kann.
Auch darüber hinaus ist so ein Projekt stets ein Erfolg, denn die Jugendlichen berichten oft lebhaft im Freundeskreis und in der Schule, so dass auch andere Gleichaltrige deren Erkenntnisse teilen. Und auch die Schönberger Mädchen würden dieses Projekt anderen Jugendlichen unbedingt weiterempfehlen.
pro familia
Informationen über dieses Projekt in Ihrer Region oder über das sexualpädagogische Angebot der pro familia-Beratungsstellen erhalten Sie unter www.profamilia-sh.de oder bei der Beratungsstelle in Kiel unter Tel. (04 31) 8 62 30 oder per E-Mail: kiel(at)profamilia(dot)de
Speziell für Jugendliche hat pro familia die Internetseite www.sextra.de eingerichtet.
Ihre Spende hilft in jeder Beziehung: Spendenkonto: 17 035 260 Flensburger Sparkasse: BLZ 215 500 50




