Artikel dieser Ausgabe aus Familie & Gesellschaft
Meine Gesundheitsapotheke
Ein ungebetener Gast
Kurzkrimi
Pfui Teufel, Dieter, willst du uns vergiften?“ In hohem Bogen beförderte Chefkoch Willi Stratmann den Königsberger Klops vom Mund auf seinen Teller zurück und warf seinem Lehrling Dieter einen bösen Blick zu. „Wie lange lernst du jetzt schon im Forstenrieder Hof? Kannst du selbst nach einem halben Jahr noch keine Königsberger fabrizieren?“
Kochlehrling Fritz grinste hämisch, als er beobachtete, wie Dieters Gesichtsfarbe plötzlich einer roten Bete ähnelte. Sicher kam Streber-Dieter auch diesmal nicht darauf, dass Fritz ihm in einem hektischen Moment am Herd Zucker für Salz untergejubelt hatte, überlegte er. So wie neulich, als Fritz „zufällig“ vergaß, tiefgekühlte Butter an Dieters Boeuf Stroganoff zu geben und so die Soße ganz unauffällig zu einer geschmacklosen Brühe degradierte.
„Ich werde dir schon zeigen, wer von uns beiden der bessere Koch wird“, dachte Fritz, während er mit Dieter die Reste der ungenießbaren Klopse in den Mülleimer beförderte. Schließlich stammte er, Fritz, aus einer angesehenen Hotelierfamilie. Da wurde man nun mal mit dem Kochlöffel in der Hand geboren.
Erst Jahre später sollte Fritz erkennen, wie sehr er sich getäuscht hatte.
„Das Spinatsoufflé für die Sieben ist fertig, Tempo, Leute! Eva, wann werden die Medaillons für die Neun gewünscht? Hans, wie fanden die Gäste unsere neue Carpaccio-Variante?“
Küchenchef Dieter Schenker war ganz in seinem Element. Wie immer, wenn sämtliche Tische seines kleinen Feinschmeckerrestaurants besetzt waren und sekundenlang leises Klappern von Porzellan und Besteck durch die hölzerne Schwingtür drang.
„Timo, geh bitte in den Keller und hol mir zwei Flaschen Marsala, dann kannst du mir bei der Zabaione helfen. Aber stürz nicht wieder die Treppe runter, kapier endlich, dass sie fünfunddreißig schmale Steinstufen hat!“, rief er seinem Lehrling zu.
Erschöpft wischte sich Dieter mit dem Ärmel der Kochjacke die Stirn. Er kam inzwischen wieder zurecht mit seinem Leben. Wie man eben zurechtkommt, nachdem einem der Boden unter den Füßen weggerissen worden war.
Dank seines großen Kochtalents, seines Fleißes und seines ausgeprägten Geschäftssinns war es dem früheren Lehrling des Forstenrieder Hofs vor fünf Jahren gelungen, das beste Restaurant der Stadt aufzubauen. Ein Jahr lang war sein idyllisch gelegenes „Waldstübchen“ sogar mit dem heißbegehrten Gourmet-Diamanten ausgezeichnet gewesen, die Krönung seiner Küchenkarriere.
Inzwischen jedoch war ihm der Diamant wieder aberkannt worden und die Beliebtheit des Waldstübchens hatte sehr gelitten. Mit großen Einbußen: Er musste zwei hervorragende junge Köche entlassen und seine Preise deutlich senken.
„Chef, der Gast an der Vier meckert mich die ganze Zeit an“, seufzte Kellnerin Eva und setzte einen großen Stapel gebrauchter Teller ab. „Erst waren ihm die Gläser nicht poliert genug, dann das Carpaccio zu warm, und jetzt verlangt er auch noch die Salzmühle. Chef, und das bei Ihren Gerichten!“ Eva band sich energisch die Schürze fester.
Dieter überlegte nicht lang. „Pass kurz auf die Medaillons auf, Timo!“, rief er und ging durch die Schwingtür zu Tisch Vier.
Der Mann, der dort saß, kam ihm gleich bekannt vor. Das hämische Grinsen, die Missgunst, die ihm ins Gesicht gebrannt war. Er wollte Salz, natürlich. Salz, das in ihrer gemeinsamen Vergangenheit schon einmal eine Rolle gespielt hatte. Mit Zucker anstelle von Salz hatte dieser Mann einst Dieters Königsberger Klopse ruiniert.
„Fritz! Bist du es wirklich?“, lachte der Koch und reichte seinem ehemaligen Lehrlingskollegen die Hand. Fritz nickte mit vollem Mund.
Dieter beugte sich zu ihm und klopfte ihm freundschaftlich auf den Rücken. „Weißt du was, Kollege? Komm doch nach Feierabend zu mir in die Küche, okay? Dann trinken wir einen feinen Château Monjac und plaudern über alte Zeiten. Ich bin gespannt zu hören, wo du jetzt kochst!“
Eva war schon längst losgerannt, um den letzten Bus nach Hause zu erwischen, und Hans und Timo waren auf ein gemeinsames Feierabendbier in die Innenstadt aufgebrochen, als sich die Schwingtür öffnete und Fritz in der Küche stand. Wohlig strich er sich über seinen runden Bauch.
„Na, so sieht also der Arbeitsplatz eines ehemaligen Diamanten-Kochs aus“, grinste er und sah sich um.
Dieter, dem sich die ersten Nackenhaare sträubten, war überrascht. „Du weißt, dass ich damals
?
„Klar!“, nickte Fritz und kratzte sich am Kopf. Ein paar Schuppen schneiten auf den speckigen schwarzen Jackettkragen.
„Ich war ja derjenige, den sie verdonnert haben, den irrtümlich verliehenen Diamanten nach einem Jahr zu überprüfen. Tja, dein Pech, Alter!“
Dieter rang nach Luft. „
zu überprüfen?“, japste er.
„Nun ja, ich schreibe Kritiken für die Restaurant-Umschau. Weißt du, nicht jeder Koch hat Lust, sich in der Küche die Finger schmutzig zu machen. Erst recht kein Naturtalent, wie ich es bin.“
Nach dieser ebenso arroganten wie dümmlichen Bemerkung atmete Dieter tief durch. Er hatte es schon lange vermutet. Wer ihn im Fachblatt in die Pfanne haut, hat es selbst nicht am Herd geschafft.
„Kann ich verstehen, Fritz“, nickte er und öffnete die Kellertür. „Darf ich dir meinen Weinkeller zeigen? Lass uns den Wein raufholen und auf das Wiedersehen trinken, ja?“
Fritz war einverstanden und setzte seinen Lackschuh auf die erste Stufe.
Danach war alles ganz leicht. Mit einem herzhaften Fußtritt versetzte Dieter Fritz einen festen Stoß, schon fiel dieser schreiend kopfüber die fünfunddreißig Stufen der steilen Steintreppe hinunter.
Als Dieter seinen ungebetenen Gast mit gebrochenem Rückgrat am Fuß der Treppe liegen sah, schüttelte er müde lächelnd den Kopf. Diese Treppe ist wirklich lebensgefährlich, dachte er. Ich sollte sie dringend verändern lassen. Dann griff er zum Telefon. „Polizei? Ich muss einen schrecklichen Unfall melden
“
Wiebke Sundermann





