Artikel zum Thema Familie&Gesellschaft

 
Sie sind hier: Familie & Gesellschaft / Artikel
Mittwoch, 23. Mai 2012
...

Artikel dieser Ausgabe aus Familie & Gesellschaft

Ein steiniger Weg...

Interessante Berufe: Steinmetzin

… aber Claudia Link ist ihn gegangen, ohne auf Granit zu beißen. Nun aber genug der geflügelten Worte! Wir besuchen Schleswig-Holsteins einzige Steinmetzgesellin, die inklusive Ausbildung seit zehn Jahren in ihrem Traumberuf tätig ist.

Ich hatte schon als Kind eine Affinität zu Steinen“, erinnert sie sich. Da sie sich zudem zum Handwerk berufen fühlte und man während eines Praktikums in ihrer Heimatstadt zügig ihr Talent entdeckte, wagte die Hamburgerin den Schritt nach Rheinland-Pfalz, um dort eine Ausbildung zur Steinmetzin zu absolvieren.

Der Süden bot berufliche Perspektiven, aber ein Nordlicht möchte nun mal im Norden leuchten! Ihr Weg führte über Kiel, Flensburg und Lüneburg schließlich nach Schleswig zu „Henningsen Stein“, einem Familienunternehmen in dritter Generation mit der größten Ausstellung in Norddeutschland. Steinmetz also?– einer der ältesten Berufe überhaupt und darüber hinaus bis heute ein sogenannter „Männerberuf“. Nur etwa zehn Prozent der Lehrlinge in Deutschland sind weiblich, und die meisten wechseln nach der Ausbildung in die Architektur oder künstlerische Bildhauerei.

„…metz“ kommt von „machen“
Dieses Berufsfeld definiert sich in der Bearbeitung von Naturwerkstein und Betonwerkstein beziehungsweise Kunststein mit Werkzeug und Maschine. Der Schwerpunkt liegt auf der handwerklichen, geometrischen, oft bautechnischen Arbeit nach exakten Plänen, beim Steinbildhauer mit dem Fokus auf der Gestaltung –?wie auch bei Claudia Link! Im Gegensatz zum Industriesteinmetz konzentriert sich ihr Schaffen auf die „Feinarbeit“ (zum Beispiel Ornamentik). Beide Fachrichtungen sind in den ersten zwei von drei Lehrjahren zusammengefasst und folgen dem dualen System, also Praxis im Betrieb, Theorie in der Berufsschule.

Der Querschnitt durch die Historie dieses Berufes kommt dem durch die Historie der Menschheit selbst ziemlich nah. Schon im alten Ägypten wurden Steine mit Handwerkzeug aus den Klüften gewonnen. Aus Weichstein (Kalk- oder Sandstein) entstanden die Pyramiden, aus Hartgestein Statuen oder Säulen. Zur groben Arbeit dienten Steinhandstücke, zur feineren Knüpfel aus Holz sowie Meißel aus Kupfer, später Bronze und schließlich aus Eisen. Man munkelt, dass Baumeister und Steinmetze, die die Lage der Königsgräber kannten, beim Tod des Herrschers ebenfalls ihr Leben ließen.

Im antiken Griechenland ergänzten die Steinmetze ihr Werkzeug mit Spitzmeißel, Steinbohrer und metallenen Raspeln. Sie bearbeiteten zumeist Marmor und zählten zu den hoch geachteten Personen der Gesellschaft.

Ein angesehener Beruf
Die Römer riefen die Gesellschaft der Bauleute ins Leben, deren Mitglieder wissenschaftliche und künstlerische Bildung, Tugend und Rechtschaffenheit nachzuweisen hatten. Steinmetze der Romantik waren Mönche und Laienbrüder, die bald in Gruppen von Kloster zu Kloster zu wandern begannen. In der Epoche der Gotik organisierte sich das Handwerk in Bauhütten (Arbeit an Domen), reisende Bruderschaften und Zünfte (nur Meister). Es waren die bestbezahlten Handwerker ihrer Zeit. Die Renaissance hatte einen ganz neuen Typus erschaffen: Ein Steinmetz war zugleich Architekt und Baumeister, also ein richtiger Unternehmer.

Während der Zeit des Barocks wurden je nach Finanzlage des Arbeitgebers bereits Steinteile durch Mauerwerk oder Putz ersetzt. Der Klassizismus (ein bekanntes Bauwerk dieser Zeit ist der Berliner Reichstag) brachte den Trend zur Mechanisierung und Serienfertigung, und neben traditionelle Bauherren traten Kapitalgesellschaften.

So wie die Erfindung des Stahlbetons den Naturstein verdrängte, gerieten zur Gründerzeit die Handwerksbetriebe durch die großen Steinindustriefirmen ins Hintertreffen. Abgesehen von den Goldenen Zwanzigern gestaltete sich die Situation für Handwerker zunehmend schwierig, während die Industriefirmen schon vor 1933 international operierten.

Der Plan der „Welthauptstadt Germania“ gab Hoffnung auf gesteigerte Nachfrage, hatte aber den bitteren Beigeschmack der Gleichschaltung durch die Nationalsozialisten. Der Zweite Weltkrieg offenbarte, dass die Steinverarbeitung von geringer Bedeutung war, mit dem traurigen Umkehrschluss, dass sich das Handwerk nach 1945 fast ausschließlich auf Grabmale beschränkte. Mit der Währungsreform drei Jahre später entspannte sich die Lage.

Damals und heute
Heute sprechen wir von einem modernen Handwerk, das sich seiner Tradition bewusst ist. Also kehren wir zurück ins Jetzt und in Claudia Links Werkstatt. Dass sie hier die einzige Frau ist, stört sie nicht. Das Betriebsklima ist super. Und was die Bedingungen am Arbeitsplatz betrifft, gilt: Nichts für „French Nails“! Immerhin ist es dort ein Großteil des Jahres kalt und ganzjährig laut und staubbedeckt.

Zum Angebot der Firma Henningsen gehören Natursteinprodukte für den Sanitärbereich, Terrassenplatten und Bodenbeläge, Treppen, Podeste und Gartenaccessoires. Hier ist ein Möbelstück zugleich ein Schmuckstück, Unikat und Blickfang, das sich jedem Einrichtungsstil anpasst, etwas fürs Leben, das Atmosphäre schafft und die Wohnkultur erhöht, indem es das Zweckmäßige mit dem Optischen verbindet.

Ein Haupttätigkeitsfeld bleibt das Herstellen und Beschriften von Grabsteinen. Die Schriften, die Claudia Link fertigt, werden gemeißelt (per Hand) oder gesandstrahlt (maschinell). Hinzu kommen Sonderaufträge wie beispielsweise ein kleiner Spatz für eine Vogeltränke oder filigrane Gravuren.

Die Gelegenheit, das umfangreiche Angebot zu besichtigen und gleichzeitig Claudia Link über die Schulter zu schauen, bietet sich beim Tag der offenen Tür. Alle Informationen finden Sie auf der Website www.henningsen-stein.de – die ohnehin einen Besuch wert ist!

tide

Fotos: Henrik Matzen