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Mittwoch, 23. Mai 2012
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Artikel dieser Ausgabe aus Familie & Gesellschaft

Ein Kuriosum der Natur

Ein Biber mit Entenschnabel? Nein. Ein australisches Schnabeltier - eine sensationell außergewöhnliche Mischung aus Säugetier, Reptil und Vogel.

Als das Schnabeltier Ende des 18. Jahrhunderts von europäischen Seeleuten entdeckt wurde, staunte man nicht schlecht. Was war dies für ein Wesen, das Fell besaß und seinen Nachwuchs säugte wie ein Säugetier und dennoch Eier legte wie ein Reptil? Das im Wasser zu filigranen Schwimmbewegungen in der Lage war und an Land ging wie eine Echse?

Auch das erste ausgestopfte Schnabeltier, das von Australien nach Europa gebracht wurde, sorgte für Aufsehen: Anfangs hielt man es für einen Scherz. Da hatte jemand wohl einen Entenschnabel an einen fellüberzogenen Körper geklebt. Und betrachtete man seinen platten Schwanz, so hätte es durchaus ein Biber sein können. Aber weit gefehlt.

Ein Irrläufer der Evolution?
Das Schnabeltier (Ornithorhynchus anatinus) ist durchaus kein »peinlicher Ausrutscher« der Natur, sondern ein wahres Wunderwerk, behaupten Biologen und Genforscher gleichermaßen. Es handelt sich hierbei um ein in Australien lebendes, eierlegendes Säugetier, das zusammen mit den Ameisenigeln zur kleinen Ordnung der Kloakentiere gehört. Bereits vor rund 166 Millionen Jahren spaltete sich das Schnabeltier von den primitiven Säugervorfahren ab – somit ist es das vom Menschen am weitesten entfernte Säugetier überhaupt!

Die nur etwa 30 bis 40 Zentimeter großen und etwa ein bis zwei Kilogramm leichten Schnabeltiere bewohnen Süßwassersysteme im östlichen und südöstlichen Australien, also in Queensland, New South Wales, Victoria und auf der Insel Tasmanien. Sie bevorzugen saubere, stehende oder leicht fließende Gewässer und sie verbringen den Großteil ihres Lebens hier, im nassen Element. Und sollten sie einmal nicht dort zu finden sein, dann sucht man sie am besten – ähnlich wie den Biber – in ihrem Erdbau, der meist an einer Uferböschung liegt. Obwohl: Das Aufstöbern desselben ist nicht gerade einfach, da sich der nachtaktive Einzelgänger größte Mühe gibt, den knapp über der Wasseroberfläche befindlichen Eingang zum Bau durch Pflanzen geschickt zu verbergen.

2 x 5 = 10
Erb- und Genforscher sind begeistert! Denn Untersuchungen ergaben, dass Schnabeltiere eine wichtige Lücke in der Evolution der Säugetiere schließen. In manchen Aspekten ähnelt das Chromosomensystem dieser Tiere nämlich dem der Vögel, von denen man bisher annahm, dass sie sich unabhängig von den Säugern entwickelten. Schnabeltiere besitzen zehn Geschlechtschromosomen: die Weibchen zehn X-Chromosomen und die Männchen jeweils fünf X- und fünf Y-Chromosomen. Das Besondere daran? Die meisten anderen Säugetierarten (einschließlich wir Menschen) besitzen nur zwei, das XX-Chromosom bei Weibchen und XY bei Männchen.

Keine Frage: ein Säugetier
Typisch für ein Säugetier ist zum Beispiel nicht nur die Tatsache, dass das Schnabeltier Fell besitzt, sondern vor allem, dass es seine Jungen nach dem Schlüpfen mit Muttermilch ernährt. Zwar hat das Schnabeltier-Weibchen keine Zitzen, dennoch produzieren umgebildete Schweißdrüsen im Brust- und Bauchbereich Milch, die einfach vom Körper aus durch das Fell sickert und dort von den Jungen aufgeleckt wird.

Ein drittes Faktum sind jene drei kleinen Gehörknöchelchen (Hammer, Amboss und Steigbügel), die beim Schnabeltier – wie bei allen Säugetieren – fester Bestandteil des Schädels sind und nicht Teile des Kiefers bilden. Dabei fällt auch auf, dass erwachsene Schnabeltiere keine Zähne besitzen, sondern lediglich über Hornplatten am Ober- und Unterkiefer verfügen, die zum Zermahlen der Nahrung (Krabben, Kaulquappen, Schnecken, Muscheln, Insektenlarven und Würmer) dienen.

Ganz klar: ein Reptil
Das Schnabeltier hat, ebenso wie ein Reptil, nur eine hintere Körperöffnung, die Kloake, die gleichzeitig Ausscheidungs- und Geschlechtsöffnung ist. Außerdem legt es Eier, die mit ihrem großen Dotter und der pergamentartigen Schale eher Reptilien- als Vogeleiern ähneln. Nun, und dann ist da noch der rund 15 Millimeter lange Giftsporn an den Hinterfüßen des Männchens, der mit den Giftzähnen einer Schlange vergleichbar ist. Dieser Sporn scheidet ein Gift aus, das während der Paarungszeit von Drüsen im Hinterleib produziert wird. Auch wenn das Gift im Zweifelsfall für Menschen nicht tödlich ist, verursacht es schmerzhafte Schwellungen, die selbst Morphium kaum lindern kann.
Und dann ist da noch der wenig laszive Gang auf festem Untergrund: Wollen Schnabeltiere sich an Land zügig fortbewegen, so wählen sie die Laufbewegung einer Echse und die diagonalen Beinpaare werden gleichzeitig gesetzt.

Halt deinen Schnabel …
… immer in Richtung Beute! Denn der biegsame Schnabel, der in der Tat in Bezug auf seine Form dem einer Ente ähnelt und dessen Oberfläche etwa die Beschaffenheit von glattem Rindsleder hat, ist ein sensationelles Konstrukt: Er ist mit einem komplizierten Elektrosensor-System ausgerüstet, das es dem Schnabeltier möglich macht, mit geschlossenen (!) Augen, Ohren und Nüstern tauchend unter Wasser seine Beute zu orten.

So ein unvergleichliches Tier hätten Sie auch gern in Ihrer Nähe? Pech gehabt. Denn der Export lebender Schnabeltiere aus Australien ist gänzlich verboten. Da bleibt nur das Auswandern …chris

Schnabeltiere machen im Wasser eine deutlich bessere Figur als an Land.
Eine Art Elektosensor-System ermöglicht den Tieren trotz geschlossener Augen das Jagen unter Wasser.