Artikel dieser Ausgabe aus Familie & Gesellschaft
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Du hörst mir ja gleich vier Mal zu!
Das Kommunikationsquadrat
Reden, wie einem „der Schnabel gewachsen“ ist – wie kommt das an? Jeder Satz, den wir sprechen, drückt verschiedene Dinge zugleich aus
Mit seinem „Kommunikationsquadrat“ hat der Psychologe Friedemann Schulz von Thun ein Modell entwickelt, das uns hilft, bewusster miteinander zu reden.
Schulz von Thuns Grundidee ist, dass alles, was wir sagen, gleichzeitig auf vier Ebenen des Austauschs „funktioniert“ – und zwar einerseits bei dem, der etwas ausspricht, und andererseits bei dem, der ihm zuhört. Und das sagt viel über eine Beziehung aus!
Vier „Schnäbel“
Wir alle nutzen die Sprache, um Informationen an andere weiterzugeben. Dies nennt Schulz von Thun die Sachebene einer Aussage. Hanne Schluder zum Beispiel berichtet Gerda Ganz-Ohr gerade, dass Frau Kringel eine schreckliche neue Frisur hat.
Doch während wir über etwas sprechen, sagen wir gleichzeitig immer auch etwas über uns selbst aus, nämlich darüber, wie wir selbst zur besprochenen Sache stehen und was unsere Persönlichkeit ausmacht. Wenn Hanne Frau Kringels Frisur schrecklich findet, meint sie damit – unausgesprochen – auch: „Ich habe einen besseren Geschmack!“ Die Stimmlage und die Mimik, die unsere Worte begleiten, verraten dagegen allerlei über unsere momentane Stimmung. Ob wir wollen oder nicht, der „Schnabel“ der Selbstkundgabe öffnet sich ebenfalls bei jedem Satz, den wir sprechen.
Gleichzeitig enthält eine Äußerung immer auch einen Hinweis darauf, wie wir in diesem Augenblick unsere Beziehung zu unserem Gesprächspartner einschätzen und was wir von ihm halten. So signalisiert Hanne Gerda etwa: „Wir beide würden nie mit so einer Frisur herumlaufen!“, denn: „Auch du hast einen besseren Geschmack!“
Ein vierter Schnabel schließlich öffnet sich auf der sogenannten Appellebene: Wer einen anderen anspricht, will auch etwas bei diesem bewirken: „Geh nie zu Frau Kringels Friseur!“ etwa, oder: „Erzähl mir auch ein bisschen Tratsch!“. Appelle können offen als Wunsch oder Rat geäußert, aber auch versteckt werden. Die sachliche Feststellung: „Das Bier ist alle“, bedeutet ja meistens vor allem: „Geh mir bitte ein neues holen!“
Vier Ohren
Mit jedem Satz sagen wir also (mindestens!) vier Dinge gleichzeitig. Und unser Gesprächspartner hört umgekehrt auch vier Dinge zugleich:
- Er übersetzt sich in der Sache: Welche Information habe ich gerade bekommen? War das verständlich? Wahr oder unwahr, wichtig oder nichtig? Ist dem noch etwas hinzuzufügen?
- Doch der Zuhörer spitzt zugleich auch das „Selbstkundgabe-Ohr“: Was sagt das Gesagte über den Sprecher aus? Was ist das für eine/r? Was hält er oder sie von sich selbst? In welcher Stimmung ist er/sie gerade?
- Für den in der Aussage enthaltenen Beziehungshinweis haben wir oft ein besonders empfindsames Ohr: Wie fühle ich mich durch die Art behandelt, in der er oder sie mit mir spricht? Was hält er/sie demnach also von mir?
- Das Appell-Ohr schließlich reagiert auf die Frage: Wozu will er oder sie mich veranlassen? Was soll ich jetzt tun, denken oder fühlen?
Eine grüne Ampel hat viel zu sagen!
Stellen Sie sich zum Beispiel folgende Situation vor: Sie sitzt im Auto am Steuer, er auf dem Beifahrersitz. Er sagt: „Du, die Ampel da vorne ist grün.“
Sie spitzt alle vier Ohren: „Noch ist grün“, vermeldet das Sach-Ohr; „Fahr zu!“, hört das Appell-Ohr, und „er hat es eilig“, vermutet das Selbstkundgabe-Ohr. Ihr Beziehungsohr hört im besten Fall: „Ich helfe dir gern!“ – oder hat er etwa gerade gesagt: „Ich bin der bessere Autofahrer von uns!“, oder: „Trödeltrina! Du machst mich ungeduldig!“?
Je nachdem, auf welches Ohr sie am liebsten hört, wird sie anders reagieren. Vielleicht hört sie auf den Appell und fährt wortlos schneller, oder sie sagt: „Genau, grüne Welle“ auf der Sach- und „Danke“ auf der Beziehungsebene. Oder sie überprüft die Selbstkundgabe: „Bist du in Eile?“ Oder aber sie faucht: „Fährst du oder fahre ich?“, weil ihr Ohr für böse Beziehungsbotschaften das größte war.
Schulz von Thuns Modell befreit uns sicher nicht von aller Streiterei. Doch es macht uns bewusst, dass unerfreuliche Missverständnisse sehr oft daraus entstehen, dass hier zwei „Hauptschnäbel“ und zwei „Hauptohren“ komplett aneinander vorbeireden bzw. -hören. Wer auf die Worte „Ich liebe dich!“ zu Ausführungen über die hormonellen Hintergründe solcher Gefühle ansetzt, würgt von der nüchternen Sachebene aus eine wichtige Beziehungsbotschaft ab
und sollte vielleicht dringend einmal seine übrigen drei Ohren und Schnäbel trainieren?
mimu




