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Mittwoch, 23. Mai 2012
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Artikel dieser Ausgabe aus Familie & Gesellschaft

Dieser Mann wirft viele Fragen auf

Interessante Berufe: Quizfragen-Erfinder

Zu Besuch bei Willi Andresen, dem Schöpfer aller Fragen der deutschsprachigen Trivial-Pursuit-Ausgaben.

 Willi Andresen ist Musikjournalist. Was für sich genommen schon interessant genug wäre. Noch spannender aber wird der Mann durch seine eigentliche, seine Haupttätigkeit. Er ist der alleinige Autor für die deutschsprachigen Ausgaben von Trivial Pursuit und zählt damit zu einem sehr exklusiven Kreis von nur knapp 20 Personen weltweit, der mit dem „Erfinden“ dieser Fragen international beauftragt ist.

Ganz gleich, um welche der vielen auf dem deutschen Markt erhältlichen „Trivial Pursuit“-Editionen es sich handelt, sämtliche Wissensrätsel der vergangenen 22 Jahre stammen aus der Feder des glücklich verheirateten Familienvaters. Das sind gut und gerne 140 000 Fragen und Antworten, und da sind noch nicht mal jene mitgerechnet, die es nicht bis ins druckfertige Endprodukt schafften. Seit über zwei Jahrzehnten also prüft er unsere Allgemeinbildung auf Herz und Nieren in Kunst und Kultur, Sport, Erdkunde, Geschichte und vielen weiteren Fachgebieten.

Da ist es doch nur fair, den Spieß einmal umzudrehen und aus dem „Jäger“ den Gefragten zu machen. Wie kam er zu seiner heutigen Tätigkeit? Woher bezieht er sein Wissen und wie lebt es sich als „Quizmaster“?

Ein (fast) selbsterklärender Weg
Sein Weg schien dem 55-Jährigen vorbestimmt. Er hatte schon immer Freude daran, anderen etwas beizubringen. In jungen Jahren studierte er an den Pädagogischen Hochschulen in Kiel und Flensburg mit dem Ziel, Grundschullehrer zu werden. Daran anschließend wollte er noch das Diplom in Pädagogik machen,
hängte diesen Studiengang aber an den Nagel zugunsten eines Publizistikstudiums an der Freien Universität in Berlin. Nach seinem Abschluss arbeitete er zunächst als Redakteur für das mittlerweile vom Markt verschwundene Fachblatt „Sounds“. Schon frühzeitig machte er sich als Musikjournalist selbstständig und lernte in den darauffolgenden Jahren die Größen des Musikgeschäfts kennen.

So traf er sich in den frühen Achtzigern mit einer noch ohne Bodyguards und weiteren Hofstaat auskommenden Madonna in einem New Yorker Café. Unter anderem lernte er die „Rolling Stones“ und Sting kennen und verstand sich prächtig mit Lou Reed. So prächtig, dass der als launisch geltende Exsänger von „Velvet Underground“ entgegen den Wünschen seines mit den Hufen scharrenden Managements das vorzeitig beendete Interview eigenmächtig in die Verlängerung führte.

Es war im Jahr 1986, als Willi schließlich den Anruf aus dem südostenglischen Ipswich erhielt, der sein Leben grundlegend verändern sollte: In der Leitung war John Mariani, der damalige Europamanager von „Trivial Pursuit“. Ob er sich vorstellen könne, die Fragen für eine deutschsprachige Musik-Edition des Spiels zu schreiben, wollte man von dem gebürtigen Schleswig-Holsteiner wissen. Natürlich war sein Interesse sofort geweckt, doch als freiberuflicher Journalist hatte er zu jener Zeit viel um die Ohren, und er verschwitzte den Abgabetermin für die Probefragen.

Daraufhin wurde ein anderer Redakteur mit der Aufgabe betreut – was zur Folge hatte, dass sich Willi bei seiner Berufsehre gepackt fühlte und die gewünschten Beispielarbeiten umgehend nachreichte. Es sollte sein Schaden nicht sein, denn statt mit der vergebenen Musik-Ausgabe betraute man ihn nun mit der Überarbeitung der Junior-Edition. Sein Debüt gefiel stilistisch und bescherte ihm letztlich den exklusiven Arbeitsplatz, den er noch heute innehat.

Auf der Jagd nach dem Trivialen
Dabei war das neue Tätigkeitsfeld anfänglich nur als Nebenerwerb gedacht. Das ganze Ausmaß konnte Willi zu Beginn noch gar nicht absehen. Dazu muss man wissen, dass die Entwicklung von 2400 Fragen – so viele umfasst ein Spiel – mit einem Zeitaufwand von ungefähr vier Monaten verbunden ist. Und im Laufe der Jahre warteten nicht nur neue Projekte in der Pipeline, nein, die 15 – 20 nach und nach erschienenen Versionen des Spiels wollen immer wieder aktualisiert und gepflegt werden. Die Notwendigkeit der Aktualisierungen ergibt sich allein schon aus den ständigen Veränderungen unserer Welt wie zum Beispiel durch die deutsche Wiedervereinigung.

Derzeit hat der Autor gerade ein neues Projekt auf dem Tisch. Eines, das ihm alles abverlangt! Knapp 6000 neue Fragen kommen diesmal auf die Wissenssucher zu! Versteht sich, dass die Liebe zur Musik angesichts dieser Arbeitsdichte nur noch sporadisch gepflegt werden kann. Wenn Zeit und Muße da sind, besinnt er sich seines alten Handwerks, schreibt eine CD-Rezension oder erstellt ein Künstlerporträt, doch in der restlichen Zeit ist er mit der Formulierung von Fragen und – viel wichtiger noch – mit der Recherche des dafür geeigneten Materials beschäftigt.

Das gestaltet sich dann derart, dass gleich morgens früh der Kioskbesitzer gegenüber von seiner Eppendorfer Wohnung glücklich gemacht wird. Sämtliche Tageszeitungen schleppt Willi nach Hause, um sie zu durchforsten. Sein Arbeitszimmer ist ein kleines Archiv für sich. Hier finden sich Magazine, Fachbücher und Nachschlagewerke wie der Brockhaus und die Encyclopaedia Britannica. Für fachspezifisches Wissen sucht er die öffentlichen Bibliotheken auf, und natürlich ist er auch mit den Möglichkeiten (und Grenzen) der Recherche im virtuellen Raum vertraut.

„Wer wird Millionär?“
Als man mit dem Konzept für die Show auch hierzulande durchstartete, trat ein alter Bekannter an Willi heran. Herr Mariani hatte mittlerweile bei den englischen Erfindern des Formats „Wer wird Millionär?“ seine Zelte aufgeschlagen und wollte den Weggefährten aus früheren Tagen mit ins Boot holen. Über diesen Abwerbeversuch war Willis Chef bei „Trivial Pursuit“ allerdings „not amused“. Da war nichts zu holen: Ein exklusiver Arbeitsplatz ist natürlich an einen Exklusivvertrag gekoppelt!

Bleibt nur noch die Möglichkeit als (be­­stimmt sehr aussichtsreicher) Kandidat oder als (von vielen sich bewerbenden Freunden angegebener) Telefonjoker in die Sendung zu kommen. Fragt sich nur, welche Frage da noch offen bleiben sollte …ath

Fotos: Henrik Matzen