Artikel zum Thema Familie&Gesellschaft

 
Sie sind hier: Familie & Gesellschaft / Artikel
Mittwoch, 23. Mai 2012
...

Artikel dieser Ausgabe aus Familie & Gesellschaft

Die Narren sind los

Frühling, Sommer, Herbst, Winter und – eine(n) haben wir noch – Karneval

bzw. Fasching oder Fastnacht.

Die fünfte Jahreszeit hat viele Namen, aber nur einen Sinn: Es handelt sich hierbei traditionell um die Zeit der Ausgelassenheit vor Beginn der christlichen Passionswochen Die Ruhe vor dem Sturm gewissermaßen, bloß eben genau andersherum! Man tobt sich sozusagen noch einmal richtig aus, ehe die Fastenzeit eingeläutet wird.

Ursprünglich ist der Dreikönigstag, der 6. Januar also, der Beginn der „närrischen Tage“; der lang ersehnte Startschuss aber fällt – vor allem in den deutschsprachigen Ländern – bereits am 11. 11., pünktlich um 11.11 Uhr. Hinter dem Datum verbirgt sich weniger die Ver„narr“theit in Zahlenspiele, als vielmehr, analog zur 40-tägigen Fastenzeit vor Ostern, der Beginn einer ähnlich langen Phase der Enthaltsamkeit, hier aber in Gedenken an Christi Geburt.

Termine, nichts als Termine

Den Fasching in seiner höchsten Konzentration erleben wir natürlich in der Fastnachtswoche, also in den Tagen zwischen Weiberfastnacht und Aschermittwoch. Zur Weiberfastnacht, in diesem Jahr am 15. Februar, rissen sich früher Frauen die Mützen vom Kopf. Heute vergreifen sie sich – wohl nicht nur aus Furcht vor einer Verkühlung – lieber an den Männern. Indem man ihnen die Krawatten abschneidet, werden die nämlich symbolisch entmannt. Zur Entschädigung gibt’s dann auch ein Küsschen.

Darauf folgt der Rosenmontag am 19. Februar, der Höhepunkt der Festwoche. Die Namensgebung hat allerdings nichts mit Rosen zu tun, sondern mit Rasen. Gemeint ist natürlich nicht der Rasen, sondern das Rasen. Es ist also vom „rasenden Montag“ die Rede, von einem Tag, der die Menschen in einen Zustand (freundlicher) Raserei versetzt. Zum traditionellen Programm gehört der Sturm auf das Rathaus mit der Forderung nach Herausgabe des Stadtschlüssels und der Rosenmontagsumzug. Der Tag der Fastnacht am 20. Februar ist dann der letzte „Feier“-Tag vor Aschermittwoch am 21. Februar.

„Asche auf mein Haupt!“ – das kommt nicht von ungefähr, sondern von dem Brauch, die geweihten Palmenzweige vom letztjährigen Palmsonntag zu verbrennen und mit der Asche das sogenannte Aschenkreuz auf die Stirn der Gläubigen zu malen. Die Redewendung ist allerdings negativ ausgelegt und geht auf das Ritual zurück, Sünder mit Asche zu bewerfen und sodann fortzujagen. Die dann folgende Fastenzeit, von Aschermittwoch bis Karfreitag, beginnen viele Familien mit einem Fischessen. Der Fisch symbolisiert in diesem Zusammenhang die Abkehr vom Fleisch. Für andere, die es mit der christlichen Tradition nicht ganz so genau nehmen, bedeutet er wohl eher eine erfreuliche Abwechslung vom üblichen Speiseplan.

- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -

Ravensburg – „Hond’rs gsea? Dr Schalk isch’s gwea!“

Die Ravensburger kennen sich bekanntlich gut aus mit Spiel und Spaß! Überall lauert der Schalk – oder, wie man hierzulande sagt: „Hond’rs gsea? Dr Schalk isch’s gwea!“ („Haben Sie’s gesehen? Der Schalk ist es gewesen!“)

Fragt man einen Ravensburger aber nach seiner Art, Fasching zu feiern, hört der Spaß auf. Heidenei, „Fasnet“ heißt das! Jetzt wird gesungen, getanzt und nach Herzenslust gefuttert: regionale Spezialitäten wie Lompesalat (von Lumpen, auch wenn’s eigentlich Wurst ist), e Schüssele Räubersupp und natürlich Fasnetsküchle. Übrigens – kenne Sie den? Ein Radfahrer liegt im Graben. Ein besorgter Passant eilt herbei. „Habe Se was gebroche?“ – „Ja, drei Viertele un zwoi Worschtsemmeln.“ Ein Szenario, das man sich während der „tollen Tage“ nicht nur im baden-württembergischen Raum gut vorstellen kann …

Den Höhepunkt bildet auch hier der Rosenmontag. Um 10 Uhr beginnt der große Narrensprung durch die malerische Altstadt, gefolgt von der Straßenfasnet rund um den Marienplatz und auf dem Gespinstmarkt. Veranstalter ist die Schwarze-Veri-Zunft, die sich in drei Maskengruppen aufteilt: „Schwarze-Veri-Räuber“, „Hexenlieseln vom Pfannenstiel“ (die Hexenliesel soll’s wirklich gegeben haben) und „Ölschwang Papierkrattler“ („krattel“ ist Schwäbisch und bedeutet stolz; glaubt man den historischen Quellen, handelt es sich hierbei um den ersten Papierhersteller weit und breit, was in der Tat zu Stolz berechtigt). Und wie es sich für eine Narrenzunft gehört, gibt es auch einen eigenen Narrenruf: „Kolba hoch – Verio!“
Gemäß Satzung pflegt und fördert die Zunft in gemeinnütziger Weise heimatliche Bräuche, Überlieferungen und kulturelles Leben. Pflicht der Mitglieder ist es, keinen unverantwortlichen Unfug zu treiben und sich unter der Maske einwandfrei zu benehmen – also streng nach Masken- und Brauchtumsordnung. Droht ein Ausschluss, tagt der Zunftrat: hierzu zählen Zunftmeister, Vizezunftmeister, Zunftkämmerer, Kanzellar, Maskenmeister, Ordensmeister, Umzugsmeister, Pfennigfuchs und Zunftvögte. Die Buch- und Kassenprüfung übernimmt übrigens der Zunftfilzer. Schließlich müssen doch die Obernarren dafür Sorge tragen, dass das gemeine Narrenvolk Narrenfreiheit hat und behält!
Das karnevalistische Programm im Konzerthaus leitet die Milka-Faschingsgesellschaft. Das hat nichts mit Schokolade zu tun (zur Orientierung: Der bekannte Markenname setzt sich aus den Silben Milch und Kakao zusammen), wohl aber mit Vollmilch: Zur „Fasnet“ 1908 wurde die Milch-Kommandit-Aktien-Gesellschaft gegründet. Der gesamte Produktionszug des Milch, Butter und Käse verarbeitenden Gewerbes demonstrierte in origineller Aufmachung gegen die Milchpreiserhöhung und verteilte seine Waren zu Schleuderpreisen ans Volk. Da diese Zusammenkunft an sich von starkem Gemeinschaftsgefühl und volkstümlichem Charakter geprägt war, wundert es nicht, dass die heutige Karnevalstradition in Ravensburg ihre Wurzel eben auch in jenem denkwürdigen Ereignis sieht.

Ab dem 9. Februar heißt es nun wieder „Milka – ahoi!“ Mit Sketchen, Musik, Ballett, Theater und Büttenreden, also gereimten Ansprachen im lokalen Dialekt, in denen regionale Ereignisse auf die Schippe genommen werden. „Die Bütt“ bezeichnet das Rednerpult.

Info Ravensburg:

Narrenzunft Weißenau 1960 e.V.
An der Bleicherei 7
88214 Ravensburg
www.narrenzunft-weissenau.de

- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -

Cottbus – „Mehr als Kohle, Sand, und (FC) Energie“

So lautet das Motto des Karneval-Verbands Lausitz in Cottbus, dem ersten regionalen seiner Art in der ehemaligen DDR, dessen Gründung aus einem deutsch-deutschen Gipfeltreffen resultierte. Auch dort hat das karnevalistische Brauchtum tiefe Wurzeln, wie zum Beispiel die in vielen Dörfern der Niederlausitz seit 150 Jahren beliebte sorbische Fastnacht Zapust (sie spielt den Zug junger Männer zu den Mädels in die Spinnstube nach), die fast ebenso alte Tradition der Maskenbälle der Karnevals-Gesellschaft zu Cottbus und der Schwung der rheinländischen Siedler zu Anfang des 20. Jahrhunderts, die dem Brauchtum zusätzlichen Aufwind gaben.

1953 schlug die SED-Führung einen Arbeiteraufstand nieder, was das Volk wiederum zu einem legendären Rosenmontagsumzug in Cottbus ermutigte. Politische Anspielungen in Gestalt preußischer Uniformen führten allerdings zu einem „Umzugsverbot“, das bis 1985 streng befolgt wurde.
Am 18. Februar startet nun der 16. „Umzug der fröhlichen Leute“, der noch heute größte ostdeutsche Karnevalsumzug mit über 100 000 Zuschauern, rund 4000 Aktiven, mehr als 40 Vereinen und ca. 100 Fahrzeugen. Dazu gibt’s knackige Spreewaldgurken, Hering im Brötchen und frische Pfannkuchen. Wer einen mit Senf erwischt, kriegt einen neuen und hat garantiert alle Lacher auf seiner Seite!

Nach dem Motto „Narren aller Länder, vereinigt euch!“ trägt die Stadt das ihre zur Pflege von Brauchtum, kulturellem Erbe und zur Völkerverständigung bei. Seit dem Jahr 2000 ist Cottbus neben Luckau das zweite Lausitzer Mitglied der Stiftung europäischer Karnevalsstädte FECC.

Übrigens: „Heut’ steppt der Adler“, die Karnevalsgala in der Stadthalle, wird wie jedes Jahr von ORB und ARD übertragen. Na dann: „Lausitz helau!“

Info Cottbus:

Verein Cottbuser Karneval 1980 e.V.
Glinziger Straße 3, 03099 Kolkwitz
www.vck1980.de

Interessengemeinschaft Cottbuser Carneval 2003 e.V.
Bahnhofstraße 76, 03046 Cottbus
www.iccev.de

- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -

Marne – Fasching op Platt

Rio, Venedig, New Orleans … es gibt auf der ganzen Welt Faschingshochburgen. In Deutschland sind das Köln, Düsseldorf und Mainz. Doch nicht nur in Rheinland und Hessen gibt es stattliche Festumzüge. Auch die Dithmarscher „Metropole“ Marne bewirft hilflose Passanten einmal pro Jahr mit 4000 kg Bonschern, Schoko und Konfetti – natürlich auch hier nur zum Spaß.

Vergessen Sie „Kölle alaaf!“ und das Mainzer „Helau!“. Hier heißt es „Moin Moin!“ … pardon: „Marne ahoi!“ oder noch besser „Marn’ hol fast!“ Fasching gibt’s nämlich auch im nördlichsten Bundesland, und hier starten manche Feste sogar erst, wenn an Rhein und Main alles längst zum Alltag zurückgekehrt ist.

Die religiösen Bezüge treten in den „heidnischen“ Gefilden des Nordens eher in den Hintergrund; gleichwohl liegt der Schwerpunkt auch hier zwischen Donnerstag und Dienstag. Der Rosenmontagsumzug startet mit der Rathausstürmung um 14 Uhr.

Mit allem, was Fasching ausmacht, kann der hohe Norden aufwarten: Prunksitzungen, die Wahl des aktuellen Prinzenpaares, das Männerballett „De Marner Plattfeut“, Funkenmariechen und die traditionellen Leckereien wie Faschingsberliner (die in Berlin Pfannkuchen heißen), gefüllt mit Marmelade oder Senf, zuweilen gar „beschwipst“ mit Eierlikör, Jecken-Kruste und heiße Wecken als Narrenfrühstück, Popcorn und natürlich leckere Fischbrötchen, als nordisch-deftige Variante.

Info: Marne
Die Marner Karnevals Gesellschaft
Heiko Claußen
Am Sportplatz 2
25709 Kaiser-Wilhelm-Koog
www.marnholfast.de

tide

Foto: Narrenzunft Weißenau, Interessengemeinschaft Cottbuser Carneval 2003, Marner Karnevals-Gesellschaft, Stadt Marne