Artikel zum Thema Familie&Gesellschaft

 
Sie sind hier: Familie & Gesellschaft / Artikel
Mittwoch, 23. Mai 2012
...

Artikel dieser Ausgabe aus Familie & Gesellschaft

Der Wächter des Doms

Interessante Berufe: Küster

Auch ein Ort der inneren Einkehr muss „funktionieren“. Aus dem Alltag des Küsters vom Sankt-Petri-Dom zu Schleswig.

Er sei kaum zu übersehen, bemerkt Tim Schröder am Telefon – und tatsächlich, beim Betreten des Doms zu verabredeter Zeit fällt der Blick unweigerlich auf den schlanken, über zwei Meter großen Mann, der in dieser Sekunde mit schnellen Schritten vorbeieilt. Allerdings nicht, um mit bloßer Körperkraft die Glocken läuten zu lassen – für den Küster dieser Tage stehen andere Pflichten an.

„Klar, der Glöckner von Notre Dame“, eröffnet Tim Schröder das Gespräch, „daran denken erst mal recht viele, wenn vom Küster die Rede ist. Diese Arbeit übernimmt aber inzwischen glücklicherweise die Technik.“ Soll heißen, ein elektronisches Uhrwerk, das mit dem Glockenwerk synchronisiert ist. Doch hierin erschöpfen sich dann auch schon weitgehend die Aufgaben, die der Küster den fortschrittlichen Hilfsmitteln überantworten kann.

Der „Hüter des Kirchenschatzes“
Die Bezeichnung Küster leitet sich vom lateinischen „custos“ ab, was so viel bedeutet wie Wächter oder auch Hüter. Nichts anderes meint auch der Begriff „Mesner“ oder „Mesmer“, wie er im süddeutschen Raum geläufig ist. In beiden Fällen handelt es sich in der Regel um einen Angestellten der Kirche – allerdings um einen, der seine Arbeit aus tiefer Überzeugung in den Dienst der Kirche stellt. „Ohne inneren Bezug zu dieser Institution wird man diesem Amt kaum gerecht“, sagt Tim und verweist auf seine frühe ehrenamtliche Mitarbeit.
Der gebürtige Flensburger absolviert nach der Schule zunächst eine dreijährige Ausbildung zum Tischler und verdient im Anschluss mehrere Jahre lang als Geselle sein Geld. Schon bald wird ihm klar, dass nur eine weiterführende Qualifikation seine beruflichen Perspektiven verbessern kann, und so bildet er sich zum Tischlermeister und staatlich geprüften Holztechniker fort. Dabei baute er seine technischen und organisatorischen Fachkompetenzen noch weiter aus.

Trotzdem findet der junge Mann zunächst keine Arbeitsstelle – bis er im Rahmen seiner kirchlichen Tätigkeit auf eine besondere Stellenausschreibung aufmerksam wird: „Küster für den Schleswiger Dom gesucht“. Er bewirbt sich erfolgreich und tritt im Dezember 2005 seine neue Stelle an.

Hausarbeit im großen Stil
Der Küster übernimmt gleich mehrere Aufgaben, und eine davon entspricht der eines Hausmeisters. Denn wie jedes andere Bauwerk und Gebäude muss auch ein Gotteshaus dem Zahn der Zeit trotzen. Da kann es schnell passieren, dass etwa eine Tür nicht mehr richtig schließt oder eine bestimmte Automatik einmal ausfällt. Kleinere Reparaturen übernimmt Tim selbst (beziehungsweise sein Kollege, denn der Schleswiger Dom beschäftigt gleich zwei Küster), bei komplexeren Arbeiten hingegen konsultiert er einen Fachbetrieb.
Ein weiterer Arbeitsbereich betrifft die Koordination der Führungen. Die imposante Kirche, deren Grundsteinlegung auf den Beginn des 12. Jahrhundert zurückgeht, zieht nach wie vor zahlreiche Menschen an, sei es aus religiösem oder auch kulturgeschichtlichem Interesse. Manche von ihnen fragen direkt im Dom an, ein Teil der Besucher wird über die Tourismus-Information der Stadt Schleswig organisiert. „Da ist es natürlich überaus wichtig, die Tagesplanung im Auge zu behalten“, merkt Tim an und fügt mit einem Lächeln hinzu: „Es wäre schon blamabel, wenn sich eines Tages gleich sechs Gruppen vor den Sehenswürdigkeiten stauen würden!“

Mindestens ebenso viel Aufmerksamkeit wie den Tagesbesuchern gebührt natürlich der gläubigen Gemeinde. „Diese Menschen stehen in einer sehr vertrauensvollen Beziehung zum Pastor und zu unserer Kirche, und es ist an uns, ihnen für die Zeit ihres Verweilens hier – und natürlich auch darüber hinaus – eine Art Zuhause zu geben.“ Aus diesem Grund ist der Küster an der Vorbereitung und Durchführung der Gottesdienste unmittelbar beteiligt. Dies schließt das Auslegen der Bücher und Evangelientexte für die Predigt ebenso ein wie die Bestückung der Zifferntafeln, die die verschiedenen Liednummern anzeigen.

Ein offenes Ohr haben
Man wird der Arbeit des Küsters allerdings nicht gerecht, wenn man sie allein auf organisatorische und hausmeisterliche Tätigkeiten beschränkt. Für viele Gemeindemitglieder ist er auch ein Ansprechpartner, wenn die Seele nach Worten des Trosts sucht. Und zuweilen schafft bereits das bloße Zuhören Linderung. „Ich freue mich jedes Mal, wenn ich einem Menschen durch ein Gespräch oder allein mit meiner Aufmerksamkeit ein wenig Halt geben kann in seiner persönlichen Not“, sagt Tim.

Wir befinden uns am Fuß der Kanzel, etwa dreißig Meter vom berühmten Brüggemann-Altar entfernt, der Mitte des 17. Jahrhunderts vom Augustiner-Chorherrenstift hierher überführt wurde. Mit seinen fast 400 aus Eichenholz geschnitzten Figuren zählt er zu den aufwändigsten Retabeln in Nordeuropa.

Apropos Fest:
Mit der diesjährigen Landesgartenschau in Schleswig kommen in diesem Sommer auch auf den Dom viele Herausforderungen zu, und zwar in Gestalt diverser Konzerte. „Für den Zweck gibt es ein Bühnenpodest, das dann, je nach Terminplanung, auch mal für mehrere Tage stehen bleibt.“ Und wer baut das auf? Tim lächelt. Dumme Frage eigentlich, denn für jemanden, der dem Dom eine Weihnachtskrippe gezimmert hat, dürfte das kein Problem darstellen.

Ebenso wenig wie die endlos scheinenden Stufen zur Aussichtsplattform des 112 Meter hohen Westturms. „Kurz vor Schließung muss ich da noch mal hoch, um zu sehen, ob auch alle Besucher gegangen sind. Mein persönlicher Rekord liegt bei zwei
Minuten!“
espa

Fotos: Henrik Matzen