Artikel dieser Ausgabe aus Familie & Gesellschaft
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Das unheimliche Foto
Vorlesegeschichte
Es ist Samstagnachmittag. Die vier coop-Kids Carlotta, Olli, Onur und Paula haben alle Einkäufe erledigt und keine Idee, was sie als nächstes unternehmen könnten. Gelangweilt sitzen sie in Ollis Zimmer herum.
»Mensch Onur, kannst du das nicht endlich mal lassen«, faucht Paula genervt, weil Onur nun schon zum dritten Mal mit seinem Handy ein Foto von ihr geschossen hat. Aber Onur reagiert gar nicht auf sie. Mit offenem Mund und erstauntem Blick starrt er auf das kleine Display, dann in die Richtung von Ollis Bett und wieder zurück auf das Display.
»Hey Leute, das müsst ihr euch ansehen«, ruft er verblüfft und hält das Handy seinen Freunden hin.
»Ist dir das ultimative Foto von Paula gelungen, oder was?«, witzelt Carlotta, steht aber trotzdem auf und nimmt Onur das Handy ab. Was sie sieht, verschlägt ihr die Sprache! Sie spürt, wie sich die Haare in ihrem Nacken aufstellen.
»Was ist das denn?«, flüstert sie entsetzt, und Olli, der sich das Foto als nächster ansieht, murmelt:
»Ist ja krass!«
Paula lacht unsicher: »Mann, so hässlich bin ich ja nun auch nicht.«
Sie greift nach dem kleinen, silbernen Telefon.
»Whow!«, entfährt es ihr erstaunt und ein Schauer läuft über ihren Körper.
Ihre Augen wandern zum Fußende von Ollis Bett. Dort steht niemand – und dennoch ist auf dem etwas verwackelten Foto an genau dieser Stelle die schemenhafte Gestalt einer älteren Frau zu erkennen. Sie trägt ein knielanges, dunkles Kleid und einen kurzen Pagenkopf. Mit hängenden Schultern und Kopf starrt sie auf ihre Hände, die hinter der nur unscharf aufgenommenen Paula verborgen sind.
»Ich zieh das mal kurz auf den PC«, sagt Olli mit belegter Stimme und schaltet seinen Computer ein.
Gebannt starren die Freunde auf den großen Bildschirm. Doch auch hier finden sie keine logische Erklärung für die unheimliche Erscheinung.
»Wie kann das angehen?«, fragt Onur verwirrt.
»Sie sieht traurig aus«, murmelt Paula mitleidig, und Carlotta sagt: »Ihrer Kleidung und Frisur nach zu urteilen würde ich sagen, dass sie aus dem vorigen Jahrhundert stammt.«
Olli schluckt vernehmlich.
»Na klasse«, brummt er. »Mein Opa hat mir mal erzählt, das dieses Haus ganz früher einem reichen Kaufmann gehörte, dessen Frau auf mysteriöse Weise verschwunden ist. Oder besser gesagt: es hieß, er habe sie verschwinden lassen.« Olli schluckt noch mal. »Ihr wollt mir doch jetzt nicht wirklich erzählen, dass ich mir mein Zimmer mit einem Geist teilen muss, oder?«
»Ach Quatsch!« Onur schüttelt energisch den Kopf. »Mit Sicherheit gibt es irgendeine andere Erklärung dafür, Mann. Wir fragen meine große Schwester, die hatte in der Schule ne Foto-AG.«
Mit einem schnellen Tastendruck ist das Foto ausgedruckt und gemeinsam machen sich die vier auf den Weg.
Onurs Schwester Leyla erklärt den Freunden ausführlich etwas über Belichtungszeiten, Bildstabilisatoren, Fokus und der irrigen Annahme, auch mit einem Handy könne man gute Fotos machen. Nur um anschließend zu sagen:
»Ich glaube, das ist keine traurige Frau, sondern nur der völlig verwackelte Arm von Paula.«
»Puh!«, seufzt Olli erleichtert, aber irgendwie klingt sein Lachen ziemlich skeptisch. Catrin Liebscher



