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Alltagsphänomene: Déjà vu
Bei einem Déjà-vu-Erlebnis haben wir das Gefühl, die Situation, in der wir gerade stecken, schon einmal exakt so erlebt zu haben. Wie kommen wir auf solche Ideen? Die Forschung rätselt
Déjà-vu- oder – in deutscher Übersetzung – „Schon mal gesehen“-Erlebnisse sind keine seltsame Seltenheit. Umfragen haben ergeben, dass mindestens jeder Zweite diese Erfahrung schon mal gemacht hat.
Das Phänomen Déjà-vu tritt bei Männern und Frauen gleichermaßen häufig auf. Jüngere Menschen berichten davon jedoch öfter als ältere, und ein höheres Einkommen, ein höherer Bildungsabschluss, Reiselustigkeit, die Fähigkeit, sich gut an Träume zu erinnern, sowie ein politisch liberales oder ein spirituell geprägtes Weltbild scheinen diesen ungewöhnlichen „Erinnerungsvorgang“ zu begünstigen. Doch was steckt dahinter?
Parapsychologen und Esoteriker interpretieren Déjà-vus gern als hellseherische Träume, Erinnerungen an frühere Leben oder Botschaften aus dem Jenseits. Die Wissenschaft hält dem verschiedene, weniger mystische Erklärungen entgegen.
Einfach eine kleine Fehlkopplung im Gehirn?
Einige Forscher sehen in Déjà-vus schlicht ein zeitweiliges Kooperationsproblem verschiedener Hirnregionen. Neurologische Messungen haben ergeben, dass bei einem normalen Erinnerungsvorgang immer zwei verschiedene Bereiche des Gehirns zusammenwirken: Zuerst wird in der Region des Schläfenlappens nachgeprüft, ob ein Gesicht, ein Ort, ein Gegenstand oder eine Situation bereits als bekannt „abgespeichert“ ist; dann identifiziert ein anderer Bereich, der Scheitellappen, das Wahrgenommene ausdrücklich als bekannt und vermittelt uns ein Gefühl der Vertrautheit.
Bei einem Déjà-vu-Erlebnis aber ist, wie Laborversuche ergaben, ausschließlich der Scheitellappen aktiv. Ohne Gegenprobe im Archiv des wirklich Erlebten wird das Gefühl der Vertrautheit hier also im Alleingang ausgelöst.
Diese Theorie unterstützen auch Befunde wie die, dass Déjà-vu-Erlebnisse häufig bei großer Müdigkeit, nach Stresssituationen, in Verbindung mit epileptischen Anfällen sowie unter Einfluss von Alkohol oder Drogen auftreten – also dann, wenn das Gehirn sich in einem Ausnahmezustand befindet.
Bröckchen verschütteter Erinnerungen?
Oder gehen Déjà-vu-Erlebnisse vielleicht doch auf reale Erinnerungen zurück, die im Riesenspeicher unseres Gehirns nur verborgen, also unbewusst vorhanden sind? Das Lager der Forscher, die in diese Richtung denken, teilt sich auf in Kurzzeit- und Langzeittheoretiker. Letztere meinen: Vieles von dem, was wir vor langer Zeit erlebt haben, haben wir nur scheinbar vergessen. Durch spezielle Reize (etwa durch Klänge oder Gerüche) kann die verschüttete Erinnerung wieder wachgerufen werden – und wird als Déjà-vu gedeutet.
Zum Beispiel so: Frau Mind sitzt nichtsahnend in dem schicken neuen Café, das gestern eröffnet wurde. Die Musikbox spielt einen Schlager aus den Sechzigern. Und plötzlich hat Frau Mind das Gefühl, den Raum, alle Anwesenden und den Geschmack ihrer Mokkatorte, kurz: die komplette gegenwärtige Situation schon einmal erlebt zu haben. Schuld daran ist der alte Schlager. Der nämlich war früher das Lieblingslied ihrer Eltern, Frau Mind hat ihn als Kleinkind fast täglich gehört. Und jetzt, 44 Jahre später, löst ein einzelner kleiner Bestandteil der damals vertrauten Lebenssituation das Gefühl eines vollkommenen Wiedererkennens aus.
Gerade eben erst gesehen?
Die Kurzzeittheoretiker dagegen sagen: Wir erinnern uns beim Déjà-vu an etwas, was wir wenige Augenblicke zuvor nur unterschwellig wahrgenommen haben. Dahinter steht das Phänomen der selektiven Wahrnehmung, also der Umstand, dass wir eine Situation nie in all ihren Einzelheiten erfassen, sondern uns immer nur auf das konzentrieren, was uns daran wichtig erscheint.
Herr Braininger etwa starrt gerade die Fußgängerampel an: Wann wird endlich grün? Ich habs eilig! – Den Passanten und Geschäften um ihn herum schenkt er weiter keine Beachtung. So entgeht ihm – scheinbar – auch die Frau im grünen Kostüm, die ihren Chihuahua spazieren trägt. Kurz darauf steht dieselbe Frau jedoch im Supermarkt vor ihm an der Kasse, und Herrn Braininger beschleicht das wundersame Gefühl, sie schon seit Ewigkeiten zu kennen.
Welche Forschungsrichtung hat nun recht? Das entscheidende Aha-Erlebnis zum Déjà-vu-Erlebnis steht noch aus. Und so bleibt ihm wohl noch ein Weilchen die Aura des Geheimnisvollen erhalten. mimu



