Artikel dieser Ausgabe aus Essen & Trinken
Meine Gesundheitsapotheke
Wir holen das Beste raus!
2008 ist das internationale Jahr der Kartoffel – aus vielen guten Gründen.
Im allgemeinen Sprachgebrauch hat sich die unterirdische Knolle den Namen „Kartoffel“ zu eigen gemacht; der Botaniker bezeichnet damit die Pflanze an sich, mitsamt ihrem überirdisch aufrecht oder kletternd wachsenden Kraut und den hübschen Blüten. Alle grünen Bestandteile der Kartoffelpflanze sind für den Menschen ungenießbar bis giftig und daher uns Kartoffelchips knabbernden Endverbrauchern nicht so präsent wie den Gärtnern und Landwirten.
Als Nutzpflanze und Grundnahrungsmittel – so ist die tolle Knolle buchstäblich in aller Munde. Dank ihrer enormen Anpassungsfähigkeit wird sie außerhalb arktischer und subarktischer Klimazonen auf der ganzen Welt angebaut. Weltweit wurden mittlerweile rund 5000 Sorten gezüchtet, und es kommen laufend neue hinzu. Allein in Deutschland werden jährlich zehn weitere zugelassen. Diese unterscheiden sich nach Reifezeit, Verwendungszweck, Stärkegehalt, Schalenfarbe und -beschaffenheit, Fleischfarbe, Knollenform und Krankheitsresistenz. So unterschiedlich wie die einzelnen Sorten ist der Anbau – in der Ferne und hierzulande, damals wie heute.
Kartoffelferien
so hießen früher die Herbstferien, als Schulkinder und alle anderen zur Verfügung stehenden Helfer noch bei der Kartoffelernte mit anpackten.
Der Bauer hatte bereits gegen Ende April die Pflanzkartoffeln in die Erde gelegt, das heißt, er hatte mit der Hacke ein Loch in den Boden geschlagen, die Erde nach hinten weggezogen und damit das dort vorher entstandene Loch wieder zugedeckt. Die Bäuerin war nebenhergegangen, hatte eine Kartoffel nach der anderen aus ihrer großen Schürze gegriffen und in die Löcher geworfen, bis der gesamte Acker bestellt war. Zur Einsparung des Saatguts wurden die Knollen in Hälften geteilt, in besonders kargen Zeiten, zum Beispiel während des Krieges, schnitt man sogar nur die „Augen“ aus der Kartoffel heraus.
Anfang September wurden nun alle Helfer zusammengetrommelt. Die Ernte zog sich oft bis in den Oktober hinein. Täglich ging es mit Kartoffelhacken bewaffnet frühmorgens zum „Aufklauben“ aufs Feld. Im Boden wühlen, vorsichtig die einzelnen Kartoffelnester ausheben und die nahrhaften kleinen Kerle ans Tageslicht holen, so das tägliche Pogramm bei jedem Wetter! Die Kartoffeln wurden in Körben gesammelt, in Säcke umgefüllt, auf den Wagen geladen und schließlich in den Keller getragen. Bei den letzten Handgriffen war es meist schon dunkel. Trotzdem ging es gleich im Morgengrauen weiter. Sechs Wochen lang harte Arbeit! Kaum ein Kartoffelleser ohne krummen Rücken und schwielige Hände.
Gutes Essen und ein kleines Handgeld hielten die fleißigen Helfer bei Laune. Und im Oktober, zum langersehnten Ernteende, loderten die Flammen der Kartoffelfeuer auf den kahlen Feldern. Die Früchte des Ackers, die traditionell in die Glut der Stauden geworfen wurden, konnten nicht köstlicher schmecken als heiß und pur, wohlverdiente Belohnung für die härteste Zeit des Jahres.
Linda, Belana und ihre zahlreichen Liebhaber
Festkochend, innen tiefgelb, sehr aromatisch und Opfer eines Rechtsstreits: Linda ist ein viel diskutiertes Früchtchen. Von einer Saatzucht in Trauen entwickelt, erfolgte 1974 der obligatorische Eintrag in der Bundessortenliste und parallel die Erteilung des Sortenschutzes. Jener bescheinigte 30 Jahre alleiniges Verfügungsrecht, was sich ein großer Saatguthersteller zunutze machte.
Nach Ablauf der Frist hätte nun jeder Landwirt Linda verkaufen können, hätte der Sortenschutzinhaber sie nicht fallenlassen wie eine heiße Kartoffel, indem er „fünf vor zwölf“ die Gesetzeslücke nutzte und die Zulassung für gewerbliche Produktion zurückzog. In den folgenden Jahren hagelte es Anträge, Schadenersatzklagen und Proteste, nicht nur durch den Freundeskreis „Rettet Linda!“. Landwirtschafts- und Umweltorganisationen kürten sie 2007 sogar zur Kartoffel des Jahres.
Glatte Schale, flache Augen, formschön und stabil: Belana protzt mit inneren und äußeren Vorzügen. Jener Saatguthersteller pries seinen neuen Star als höherwertigen Ersatz für die alte Linda: „Salatspeisequalitätskartoffel“ und Premiumsorte, weniger krankheitsanfällig und mit stabilen Kocheigenschaften selbst bei langer Lagerung.
Über Geschmack lässt sich nicht streiten. Und lecker sind sie beide
Aber lassen wir das Wort der Kritiker stehen: Auch ein Amt sollte nicht über guten Geschmack entscheiden. Und überhaupt, die Exklusivnutzung von Grundnahrungsmitteln widerspricht eigentlich jeder Moral.
Leichter, schneller, mehr
Erste Erleichterung bot der Einscharpflug. Ende des 19. Jahrhunderts zogen Pferdegespanne durch die Äcker (Kartoffelroder), deren Spindeln die Wurzeln herausrupften und die Erdäpfel zur Seite schleuderten. Noch Anfang des 20. Jahrhunderts galt eine gute Kartoffelernte als überlebenswichtig. Gefüllte Keller gaben Gewissheit, ohne Hunger über den harten Winter zu kommen.
Heute schaffen moderne Erntemaschinen in wenigen Stunden mehr Arbeit als ganze Schulklassen an einem Tag. Die von Treckern gezogenen „Vollernter“ nehmen gleich mehrere Reihen auf, sammeln die Knollen und werfen Ranken und Schmutz zurück auf den Acker. Erst wenn die Feldfrüchte übers Förderband laufen, kommen die Hände der Helfer ins Spiel, die das Gröbste aussortieren.
Das beschreibt den technischen Stand hierzulande, denn in den Anden, im Himalaya oder in Äthiopien wird nach wie vor mühevolle Handarbeit geleistet.
Steckst du mich im April,
komm ich, wann ich will.
Steckst du mich im Mai,
komm ich gleich.
Zugegeben, man hat schon elegantere Reime vernommen, aber wie so oft kommt es hier eben auf den Inhalt an. Die Vorbereitung des Ackers auf die Saat beginnt im Frühjahr. Zwar gedeiht die Kartoffel prinzipiell in fast allen Böden, jedoch bietet ein fein krümeliges, steinloses Saatbett auf einer flachen, großen Fläche optimale Voraussetzungen, denn es ermöglicht guten Luft-, Wasser- und Wärmeaustausch.
Kartoffeln werden in Dämmen angebaut. Die Reihen- und Pflanzabstände sind abhängig vom Nutzungszweck der Ernte. Speisekartoffeln gedeihen besser in geringer Dichte, sie bilden so größere Knollen; Pflanzgut wird dichter angebaut. Schon das Setzen des Saatguts übernimmt heute die Technik. Setzmaschinen legen die kleinen Knollen im Abstand von etwa 33 Zentimetern in eine Tiefe von fast 10 Zentimetern und verschließen den Boden wieder in Dammform. Darüber hinaus gibt es verschiedene Verfahren zur Unkrautbeseitigung, die so lange angewendet werden, bis der Boden vollständig von den Kartoffelstauden bedeckt ist.
Zum Ende der Vegetationszeit wird das Kraut abgetötet, um das Knollenwachstum zu beenden und die Erntefähigkeit herbeizuführen. Außerdem wird so eine Ansteckung der Knollen durch Krankheiten verhindert – denn wie heißt es so schön: Der Mensch erntet nicht, was er sät, sondern was die Schädlinge übrig lassen. So gab es einst neben den Kartoffelferien auch schulfrei fürs Ablesen des Kartoffelkäfers. Auch Kartoffelfäule kann die totale Vernichtung der Ernte bedeuten, was im 19. Jahrhundert in Irland zu einer verheerenden Hungersnot führte.
Die Knollen, die neben Braten und Rotkohl ihren Platz auf unserem Teller finden, sind der unterirdische Teil der Kartoffel, über die sich die Pflanze vegetativ vermehrt (jede Erntegeneration ist ein Klon der vorangegangenen).
Das Beste für plaza und sky
Höchste Qualität aus der Region – dafür steht auch der landwirtschaftliche Hof von Torsten Jacobs, der seit vielen Jahren bereits zu den Lieferanten der coop eG und ihren Vertriebslinien plaza und sky zählt. Seit 1960 befindet sich der in Neufeld (Dithmarschen) gelegene Betrieb in Familienbesitz.
Im Mittelpunkt des Tagesgeschäfts steht natürlich die Kartoffel, von denen der Hof gleich zwei Sorten anbietet: die Frühkartoffel Leyla und die spätere Sorte Belana (siehe Infokasten Seite 13).
Damit die Ernte und Weiterverarbeitung höchste Ansprüche erfüllen kann, ist der Betrieb QS-zertifiziert. Diese besondere Qualitätssicherung gewährleistet eine Produktion auf allerhöchstem Niveau. Eine Auszeichnung übrigens, von der sich Interessierte schon in der Vergangenheit am „Tag des offenen Hofes“ mit eigenen Augen überzeugen konnten.
Familie Torsten Jacobs
Altendeichsweg 2, 25724 Neufeld
Telefon (0 48 51) 37 99
Die Geschichte der Kartoffel
Die ältesten Spuren wilder Kartoffeln stammen von der chilenischen Insel Chiloé. Das geschätzte Alter: 13 000 Jahre. Darüber, auf welchem Weg die Kartoffel in die europäischen Kochtöpfe gelangt ist, gibt es viele Theorien:
Lange galt der englische Freibeuter Sir Francis Drake als erster Importeur, obwohl entsprechende Einträge in den Tagebüchern der Mitreisenden nie entdeckt wurden. Stimmt die Variante, hat sich die Kartoffel 1555 auf den Weg aus den Anden nach Spanien gemacht. Vielleicht haben wir es auch seinem Zeitgenossen, dem Seefahrer und Entdecker Walter Raleigh, zu verdanken, dass ein Korb Kartoffeln erstmals auf irischem Boden abgestellt wurde.
Oder waren es die Spanier, die sich aufgemacht hatten, das Inkareich zu erobern? Mitte des 16. Jahrhunderts, auf der Suche nach „El Dorado“, entdeckten sie die vielversprechende Frucht und stellten wenig später eine Kiste davon zu Füßen Ihres Königs Philipp II.
Erste „deutsche“ Kartoffeln wuchsen in bayerischer Erde unter Karl V. Einhundert Jahre später trugen die anfangs mit Misstrauen betrachteten Feldfrüchte einen wichtigen Teil dazu bei, ganz Europa aus Hungersnöten zu retten und, so ganz nebenbei, die Welt im Zuge der Industrialisierung aus dem Mittelalter in die Neuzeit zu führen. Nahrung für so viele Menschen zu produzieren, gab der Landwirtschaft ein völlig neues Gesicht.
Hier und heute fürchten wir nicht Hunger, sondern vielmehr die Qual der Wahl: Reibekuchen, Pommes frites, Kroketten
Tausend leckere Gründe also, einmal über den Tellerrand hinausgeschaut zu haben.tide











