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Mittwoch, 23. Mai 2012
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Um bei der Wahrheit zu bleiben

Auf Wein-Exkursion in Spanien

Es will sich nach der Landung in Madrid nicht unbedingt der Eindruck aufdrängen, man hätte sich je am Hamburger Flughafen in die Lüfte erhoben. Das Wetter hält sich vornehm zurück, und löst wohl selbst im hartgesottensten Norddeutschen keinen Kulturschock aus. Denn bei 10 °C, grauem Himmel und Regen ist Letzterer zwar gut akklimatisiert, das Wetter aber vor allem eines: ein klarer Weinfall. Bestenfalls zum Schöntrinken geeignet!

Doch schließlich sind wir, eine Gruppe von gut 20 Personen, auch nicht des schönen Wetters wegen angereist. „Harte Arbeit“ soll in den kommenden drei Tagen auf uns warten. Unzählige Weine wollen verkostet und „im Zusammenspiel“ mit der Landesküche beurteilt werden. Für die Einladung zum Besuch ihrer Weingüter im Cigales und im Rioja und die großartige Verpflegung danken wir der Baron de Ley-Gruppe sowie auch dem Weinland Kiel, das diese kulinarische Reise ins Rollen gebracht hat.

Der gefühlte Geschmack

Als gelungene Einstimmung erweist sich ein Besuch im Weinmuseum auf der schiffförmigen Burg Peñafiel, mitten im Herzen Kastiliens. Eine „Gerücheküche“ soll unsere Sinne sensibilisieren, denn Wein wird besonders über seine Aromen wahrgenommen. Im Gegensatz zum wenig sensiblen Gaumen ist die Nase des Menschen höchst empfindlich. Zwischen zwei- und viertausend Gerüchen können wir differenzieren. Im Mund dagegen reduziert sich Geschmack auf die vier Eindrücke süß, sauer, salzig und bitter.

Gut 30 Duftspender führten schnell zu der Erkenntnis, in diesem Leben kein Sommelier mehr zu werden, sprich: ein Profi in Sachen Wein. Schlappe vier Gerüche – Vanille, Erdbeere, Schokolade und Honig – eindeutig erkannt, dazu noch ranzige Butter mit Karamell verwechselt. Das ist wirklich keine eindrucksvolle Bilanz. Zu ernst sollte ein solcher Test allerdings nicht genommen werden, denn schließlich spielen Assoziationen eine nicht unerhebliche Rolle in der Kategorisierung von Weinen. Kaum jemand wird wissen, geschweige denn wissen wollen, wie Teer und Zigarrenkistenholz schmecken.

Vor dem Museum ist nach dem Museum

Ein „Museum“, dessen Besuch ich, zugegeben, ungleich mehr entgegenfiebere, ist die im Cigales gelegene, 40 Hektar große Bodega (Weingut) Museum. Das Cigales ist eines der kleinsten spanischen Weinanbaugebiete, dessen kärgliche Kies- und Gesteinsböden sich ausschließlich für den Weinanbau eignen. Die führende Rebsorte ist die Tinto del Pais (Tempranillo), aus der ein kraftvoller Wein mit Kirscharomen hervorgeht. Vielleicht, weil die Pflanze im Cigales so hart zu kämpfen hat. Aus einem Hektar Land gewinnt der Winzer hier 3 000 Liter, während sich der Ertrag auf einer ebenso großen Fläche im Rioja auf etwa 6000 Litern beläuft. Für den kleinen Durst reicht es aber immer noch.

Fas(s)zinierend!

10 000 Barriques, standardisierte Fässer à 225 Liter, aus französischer Eiche sind im Lager aufgetürmt. Französischer Eiche wird nachgesagt, einen Wein mit Schokoladen- und Lakritzaromen aufzuladen, während Fässer aus amerikanischer Eiche dem Wein eine vanillene Note verleihen sollen. Alle 8 – 9 Wochen wird der Wein umgefüllt, um die Fässer zu reinigen. Nach vier Jahren werden die Fässer ausgemustert und durch neue ersetzt. Kostenpunkt eines Barriques: 700 Euro! Der romantischen Vorstellung vom Bottich, in dem grazile Mägdefüße die Trauben zerstampfen, winkt man angesichts dieser gigantischen Dimensionen leise Adios. Jährlich verlassen 1,2 Millionen Flaschen die Bodega.

Den krönenden Abschluss leitet aber selbstverständlich das fertige Produkt ein, der uns kredenzte Crianza und der Reserva des Hauses. Crianza, Reserva und Gran Reserva sind neben dem Roble (Semi-Crianza) und Joven die in Spanien üblichen Qualitätsstufen. Der Crianza muss mindestens 1 Jahr im Fass gelagert sein, Reservas 1 Jahr im Fass und 2 Jahre auf der Flasche und der Gran Reserva 2 Jahre im Fass und 3 Jahre auf der Flasche, bevor sie in den Verkauf gehen.

„Rio ja“, Gracias no!

Aufschlussreich ist auch der am Folgetag stattfindende Besuch der Bodegas Baron de Ley im Rioja. Hier verkosten wir Weine direkt aus den Edelstahltanks. Regelmäßige Kontrollen geben dem Önologen Aufschluss darüber, welches Potenzial ein Wein hat und ob er für einen Gran Reserva oder beispielsweise doch „nur“ einen Crianza taugt. Wir durften raten, welcher Traube die uns abgezapften Weine zugrunde lagen. Im Rioja ist der Anbau von sieben Sorten zulässig. Führend ist wieder Tempranillo beim Rotwein, beim Weißwein ist es die autochthone Viura. Der Begriff „autochthon“ bezeichnet Arten, die in einem Gebiet heimisch sind und exklusiv dort kultiviert werden.

Eine der Rebsorten genießt übrigens kein allzu großes Ansehen. Die Graciano, da als schwierig geltend, wird umgangssprachlich als „Gracias, no!“ bezeichnet.

Aber Graciano hin oder her, meine Antwort auf die Frage, ob ich so eine Reise wieder machen wollte, wäre immer: Gracias, sí!

ath

Fotos: Volker Hunziker, Arne Thomi