Artikel dieser Ausgabe aus Essen & Trinken
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Ganz schön grün und trotzdem reif
Grünkohl - Das Wintergemüse
Günther Verheugen, Vizepräsident der EU-Kommission und – viel wichtiger – in diesem Jahr von der Stadt Oldenburg in das Amt des Grünkohlkönigs erhoben, wusste nach seiner unerwarteten Adligsprechung mit außergewöhnlichen Erkenntnissen zu überraschen. „Der Grünkohl kommt in der europäischen Rechtsordnung nicht vor. Und was in Europa nicht gesetzlich geregelt ist, das gibt es gar nicht“, ließ er verlauten. Was aber bleibt einem König, wenn er nichts zu regieren hat? Wir jedenfalls nehmen stark an, dass diese Form der Verleugnung mit „Diäten“ im weitesten Sinne zusammenhängt, und dass das Thema erst wieder während der Besprechung des nächsten EU-Speiseplans auf den Tisch kommt.
Bis dahin nutzen wir die Zeit, Ihnen das Wintergemüse vorzustellen, und sind erst- und vermutlich auch einmalig stolz darauf, ein „Nichts“ bieten zu können. Davon aber gut und reichlich!
Der Rest ist Geschichte
Kultiviert wird Grünkohl seit über 2000 Jahren. Seine Ursprünge werden in Griechenland um 400 v. Chr. vermutet. In den hellenischen Überlieferungen ist von einem krausblättrigen Blattkohl die Rede, der als Vorläufer des heutigen „Modells“ gilt. Bei den Römern wurde er dann als Sabellinischer Kohl bezeichnet – seinerzeit eine Delikatesse, die so manchem Bauern Wohlstand brachte. Anbaugebiete erstrecken sich heute von Nord- bis Mitteleuropa über Ost- und Westafrika bis zum nordamerikanischen Kontinent.
Grünkohl ist auch in diesen Zeiten nicht gleich Grünkohl. Das trifft nicht nur auf die Qualität zu, sondern auch auf den Namen. In der Schweiz trifft man ihn unter dem Namen Federkohl an, in Norddeutschland wird er mitunter liebevoll als Winterpalme bezeichnet, und in der Region um Braunschweig ist er als Braunkohl geläufig. Dieser Name leitet sich von der regionalen Zubereitungsart ab, den Kohl nach dem Kochen noch kurz anzubraten, wodurch er einen bräunlichen Farbton erhält.
Mucho Gusto
Andere Bundesländer, andere Sitten – der Grünkohl kennt viele Darreichungsformen. In Schleswig-Holstein, Hamburg und im Osnabrücker Land wird er traditionell mit Kassler, Kohl- bzw. Bratwurst und Bratkartoffeln serviert. In Mecklenburg-Vorpommern werden Kassler, Lungwurst, Schweinebacke und Salzkartoffeln gereicht. Nicht zu vergessen das Gericht „Kohl und Pinkel“ aus Bremen und dem nördlichen Niedersachsen. Abgesehen von der Zubereitung erhält das Gericht im Braunschweiger sowie Hildesheimer Land durch die Bregenwurst eine weitere regionale Note. Dies ist eine rohe oder leicht geräucherte Mettwurst aus magerem Schweine- oder Rindfleisch.
Ein regelrechter Kult wird in Ostfriesland, im Oldenburger Land und in weiten Teilen Niedersachsens um das Gemüse betrieben. Dort werden Kohlfahrten mit Krone und Korn organisiert, bei denen lustige Gesellschaften mit dem Bollerwagen und reichlich Klarem zu einer Wirtschaft aufbrechen, wo schließlich der Grünkohlkönig gewählt wird. Im Regelfall wird dies, wer am meisten Grünkohl verdrücken kann.
Vorzüglicher Geschmack mit Vorzügen
Geerntet wird jedes Jahr nach dem Einsetzen des ersten Frosts. Durch die Kälte wird die im Grünkohl enthaltene Stärke in Zucker umgewandelt. Gemeinsam mit Weißkohl teilt sich der Grünkohl den Ruf als exquisiter Vitamin-C-Lieferant im Winter. Außerdem zeichnet er sich durch einen hohen Eiweiß- sowie Kohlenhydratwert aus. Beim Kauf sollten Sie darauf achten, dass der Kopf fest ist und die Blätter keine Flecken aufweisen.
Bleibt anschließend die Frage aller Grünkohlfragen: Zucker oder kein Zucker?
Tja, ohne ist es pur und mit wohl eben nicht, geschmackvoll aber sind beide Varianten. ath



