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Dienstag, 22. Mai 2012
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Auf den Hahn gekommen

Cocktails

Die Geschichten, die sich um die Entstehung der köstlichen Mischgetränke ranken, sind mindestens genauso bunt und zahlreich wie die Cocktails selbst. Eines steht jedenfalls fest: Hier ist für jeden Geschmack etwas dabei!

Mischen is possible

Wo immer sich Menschen heutzutage treffen, um etwas zu essen oder zu trinken, sind Cocktails nicht weit: Welche Bar oder Disco, welches Restaurant könnte es sich noch leisten, die modischen Getränke nicht auf der Karte zu führen? Vom „Acapulco“ bis zum „Zombie“ sind im Laufe der Jahrzehnte weltweit viele Tausend verschiedene Rezepte entstanden, die die Eigenheiten der jeweiligen Kultur widerspiegeln und dem Neugierigen eine fast unerschöpfliche Bandbreite an Geschmacksrichtungen und Farbspielen bieten.

Süß, sauer, salzig, cremig, fruchtig, herb, kräftig oder mild: Cocktails können sich jeder Gelegenheit anpassen. Und ihre Zubereitung muss nicht so aufwändig sein, wie oft befürchtet wird. Schon aus wenigen einfachen Zutaten lässt sich in kurzer Zeit Erstaunliches zaubern, so dass die flotten Mixdrinks auch im privaten Bereich ihren Einzug halten. Deutlich schwerer gestaltet es sich, etwas über die Herkunft des Cocktails in Erfahrung zu bringen.

Cocktail-Variationen

Schon allein die Bezeichnung „Cocktail“ wirft viele Fragen auf. Die meisten Erzählungen über den „Hahnenschwanz“ (cock’s tail) handeln von einer gewissen Betsy Flanagan, die wohl 1776 in New York das besondere Getränk servierte. Sei es, weil sie ihre Gläser mit Hahnenfedern dekorierte oder ein Gast beim Trinken ausrief, dass dieses Getränk eine wahre Hahnenfeder („Augenweide“) für den Gaumen sei. Ebenso gut kann das Mixgetränk auch präsidiale Wurzeln haben: Schließlich geht das Gerücht, dass George Washington persönlich bei Mrs. Flanagan einen Drink nahm und die Offiziere mit ihm auf seinen prächtigen Federhut anstießen.

Vielleicht gab es aber auch einen Franzosen, der seine Drinks in schwer aussprechbaren „coquetiers“ (Eierbechern) servierte. Oder erklärt sich die Herkunft womöglich mit Trinkgelagen nach Hahnenkämpfen? Ist das Getränk am Ende etwa nach der Tochter von König Axolotl VIII. von Mexiko benannt, die einmal Verhandlungen zwischen dem König und einem amerikanischen General rettete, indem sie den einzigen vorhandenen Drink selbst trank, um Streitigkeiten zu vermeiden? Ihr Name war übrigens Xoctl …

Gemischte Gefühle

Anzunehmen ist, dass alkoholische Mischgetränke in den USA ursprünglich entstanden, um starke oder minderwertige Spirituosen aufzuwerten oder überhaupt erst genießbar zu machen. Das im 18. Jahrhundert in Nordamerika zur Verfügung stehende Angebot an Spirituosen beschränkte sich fast ausschließlich auf den hochprozentigen einheimischen Whiskey, der mit heutigen Qualitätsstandards allerdings noch wenig zu tun hatte. Daher versuchte man durch Süßen mit Zucker oder Honig oder Zugabe von aromatischen Zutaten und Früchten den Konsum etwas angenehmer zu machen. Auf eine besondere Farbgebung ist der Name des Cocktails in seiner ursprünglichen Form daher wohl ebenfalls nicht zurückzuführen: Diese Getränke hatten ein eher bräunliches Aussehen.

Mitte des 19. Jahrhunderts begannen Einwanderer aus aller Welt auch in Nordamerika, andere Branntweine herzustellen, so dass Variationsmöglichkeiten entstanden. In der ausgeprägten amerikanischen Bar-Kultur wurde das Mixen von Getränken dann schnell zu einem festen Bestandteil. Die Alkohol-Prohibition (auf amerikanischer Bundes­ebene von 1920 – 1933) gab dem Cocktail in den Staaten einen zusätzlichen Schub in der Untergrund-Szene, weil Spirituosen durch das Verbot in dieser Zeit rar und teuer waren und so elegant gestreckt werden konnten.


Langsam aber lecker

Ihren Durchbruch jenseits des Atlantiks erlangten die Cocktails erst relativ spät, und insbesondere in Deutschland verzögerten gleich mehrere Gründe ihren Aufstieg. Die beiden Weltkriege sowie die Weltwirtschaftskrise mit ihren globalen Auswirkungen ließen keinen Platz für ausgelassenen Genuss und die Entwicklung einer eigenen Cocktail-Kultur – sieht man einmal von den etwas exaltierten Kreisen ab, die im Berlin der 20er-Jahre alles feierten, was einigermaßen schräg war.

So dauerte es noch bis in die späten 50er-Jahre, bis der Cocktail in Deutschland einen Stellenwert erreichte, den er international in den Großstädten der USA, in London oder Paris schon längst hatte. In den 70er-Jahren war schließlich auch in Deutschland der Durchbruch geschafft: Neben den Hotelbars hielt in dieser Zeit nach und nach das Format der „American Bar“ Einzug, in der der Cocktail natürlich schon eine große Rolle spielte und ihn sozusagen importierte. Während bis in die 70er-Jahre alkoholfreie Cocktails vorerst noch verpönt waren, erleben auch die kalorienbewussten Cocktails seit der Fitnesswelle der 80er-Jahre einen Aufschwung, der bis heute anhält.

flo

Fotos: Bevis